Hoher Käferbefall

Rapsernte: Landwirte im Kreis beklagen Totalausfälle 

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Schwalm-Eder. Für Landwirte im Schwalm-Eder-Kreis könnte es das schwierigste Jahr seit Langem sein – zumindest, was die Rapsernte betrifft.

„Kreisweit ist es bereits zu Totalschäden gekommen“, sagt Ruben Gödecke vom Pflanzenschutzdienst Hessen. „Einige Landwirte haben ihre Felder bereits umgebrochen.“ In etwa sieben Wochen wäre Rapsernte gewesen. Blühende Bestände sucht man vielerorts allerdings vergeblich.

Laut Gödecke sei zum einen die frühe hochsommerliche Wärme dafür verantwortlich. Denn mit dem plötzlichen Einsetzen der Schönwetterperiode schoss der Raps nach einem langen, feuchten Winter nahezu explosionsartig in die Höhe. „Weil die Wurzeln in so kurzer Zeit aber noch nicht richtig ausgebildet waren, kam der Raps nicht mit der Nährstoffaufnahme hinterher“, so Gödecke.

Die Folge: Statt zu blühen, vertrockneten die Knospen und fielen ab. Es konnte sich keine Schote ausbilden, die dann im Frühsommer geerntet worden wäre. Zudem verzeichnete der Schwalm-Eder-Kreis in diesem Jahr einen massiven Käferzuflug. Der Stängelrüssler und der Rapsglanzkäfer haben dem Raps zusätzlich zugesetzt: „Das konnte keiner prognostizieren“, sagt Gödecke. „Rund um Kassel haben wir dieses Jahr den stärksten Zuflug seit 30 Jahren erlebt.“ 

30 Prozent Ernteeinbußen 

Die Ernteeinbußen im Kreis schätzt der Pflanzenschutz-Experte auf etwa 30 Prozent. In einem herkömmlichen Ackerbaubetrieb mache der Raps im Schnitt 20 Prozent aus. „Wenn bei einem Totalausfall am Ende 20 Prozent des Jahresgehalts fehlen, kann das sehr unangenehm werden“, so Gödecke. Kein Landwirt könne es sich daher leisten, beim Rapsanbau komplett auf Pflanzenschutzmittel zu verzichten. „In dem Fall hätten wir heute nur noch die Hälfte an Rapsfeldern in Hessen stehen“, so der Experte.

7684 Hektar Raps im Schwalm-Eder-Kreis

Mit einer Fläche von rund 61 000 Hektar besitzt der Winterraps in Hessen eine bedeutende Rolle. Nicht nur Speiseöl und Biokraftstoffe, sondern auch Futter für Rinder und Schweine wird aus dem Raps hergestellt. So können aus einem Hektar Raps (10 000 qm) etwa 3300 Flaschen Rapsöl, das Futter für drei Milchkühe sowie 80 Gläser Rapshonig gewonnen werden. 2017 haben 672 landwirtschaftliche Betriebe im Schwalm-Eder-Kreis Raps in einem Gesamtumfang von 7684 Hektar angebaut. Der Hektarertrag liegt bei etwa vier Tonnen Raps. Der Preis, den der Händler dem Landwirt zahlt, bestimmt sich nach Angebot und Nachfrage und liegt durchschnittlich bei etwa 350 Euro. 

Kleiner Käfer, große Wirkung

Er ist klein, gerade mal zwei Millimeter groß – und doch macht er Hessens Bauern derzeit das Leben schwer. Die Rede ist von dem Rapsglanzkäfer, der vor wenigen Wochen aus dem Winterschlaf erwacht ist. Seitdem hat er auf Deutschlands Rapsfelder ganze Arbeit geleistet – und bundesweit für dramatische Ernteeinbußen gesorgt. Ulrich Krug, Landwirt aus Mardorf, kennt den kleinen, schwarz-metallisch glänzenden Störenfried nur zu gut. Schließlich kommt er jedes Jahr etwa um die gleiche Zeit.

Und doch wollte der 58-Jährige vergangene Woche seinen Augen kaum trauen, als er einen Blick auf das benachbarte Feld warf. Statt einer leuchtend-gelben Blütenpracht nur grüne, abgefressene Stängel. In zwei Monaten wäre Rapsernte gewesen.

 „Das habe ich so noch nicht erlebt“, sagt Krug, der selbst seit 18 Jahren Raps anbaut. Rund um Mardorf besitzt der Landwirt vier Rapsfelder. Jedes davon etwa so groß wie 14 Fußballfelder. Der 58-Jährige hat Glück gehabt. Seine Felder sind „ok“, wie er sagt, und nur stellenweise beschädigt: Es sind die Stellen, die Krug in diesem Jahr nicht gespritzt hat. 

„Ich habe mich schon öfter gefragt, ob das wirklich richtig ist, was ich mache“, erzählt der 58-Jährige. Weil die kritischen Stimmen in seinem Umfeld immer lauter wurden, wollte es der Landwirt auf einen Versuch ankommen lassen – und zumindest teilweise auf Insektizide verzichten.

So habe es schließlich auch bei seinem Nachbarn, der jetzt einen „Totalausfall“ zu beklagen hat, jahrelang funktioniert. Ulrich Krug hat sich für seinen Versuch das falsche Jahr ausgesucht: „Seit 30 Jahren war der Zuflug der Käfer nicht so hoch wie 2018“, sagt Ruben Gödecke vom Pflanzenschutzbund Hessen. „Das konnte keiner voraussehen.“

Weniger regionale Produkte 

Die Ursachen für den starken Befall seien unklar, so Gödecke. Neben dem Rapsglanzkäfer, der es auf die Knospe der Rapspflanze abgesehen hat, mache noch ein weiterer Schädling, der Stängelrüssler, dem Raps zu schaffen. „Ohne Pflanzenschutzmittel geht es nicht“, meint Gödecke. „Kein Landwirt wird es riskieren, ein bis zwei Jahre nichts zu ernten.“ Einige Bauern im Schwalm-Eder-Kreis haben es dennoch riskiert – und beklagen nun Verlustgeschäfte. „Manche haben ihre Felder bereits umgebrochen und auf Mais umgestellt“, berichtet Krug. Der Landwirt muss in diesem Jahr „nur“ einen Verlust von 30 000 Euro, und damit der Hälfte seines Ertrags verschmerzen. 30 000 Euro, die Krug nun fehlen, um die Kosten für die Produktion, das Saatgut und die Bodenbearbeitung wieder aufzufangen.

"Der Verbraucher wird nichts merken" 

Für Ulrich Krug beweist das Erntejahr 2018, wie verheerend ein EU-weites Komplettverbot von Insektiziden, wie es die Grünen forderten, für die Rapsproduktion wäre. „Dann wird früher oder später niemand mehr Raps anbauen“, ist sich der Landwirt sicher. Dem Bienensterben will auch er entgegenwirken. So spritzt er seine Felder erst nach 19 Uhr, also nach dem Bienenflug.

„Kein Bauer setzt aus purer Boshaftigkeit auf Insektizide“, meint Ruben Gödecke. Ein Komplettverbot für Pflanzenschutzmittel hält auch er für den falschen Weg: „Wenn man die Bienen retten will, dann sollte man auch ihre Nahrungsmittel und damit den Raps schützen dürfen“, so Gödecke. „Der Verbraucher wird von den Missernten im Einkaufsregal nichts merken“, meint der Experte.

„Der Verlust wird mit Importen aus dem Ausland aufgefangen.“ Schwieriger werde es für den Kunden, an regionale Produkte zu kommen. „Davon wird es in den nächsten Jahren weniger geben“, ist sich Gödecke sicher.

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