Mitten im Klimawandel

So heiß war es noch nie: Rekordsommer im Schwalm-Eder-Kreis

Schwalm-Eder. Brennende Felder, überrannte Freibäder und Wespenalarm: Der Sommer 2018 hat Rekorde gebrochen. Doch das hat sich nicht nur positiv ausgewirkt. 

Diplom-Meteorologe Günter Fickenscher hat zwischen April und September so viele Sommertage und heiße Tage wie noch nie gemessen. Seit 46 Jahren wertet er die Wetterdaten aus Fritzlar aus. Sein Ergebnis: Dieses Jahr gab es 98 Sommertage. Das bedeutet, dass es an 98 Tagen mehr als 25 Grad warm war. Zum Vergleich: Im Schnitt sind es 54 Tage.

Auch die heißen Tage mit mehr als 30 Grad haben zugenommen. Sie haben sich im Vergleich zum langjährigen Mittel verzehnfacht. Dieses Jahr war es an 40 Tagen so warm. Schon früher habe es zwei oder drei aufeinanderfolgende Tage mit mehr als 30 Grad gegeben, sagt Fickenscher. Dann aber sei ein Gewitter und eine Abkühlung gekommen. In diesem Jahr war das anders. „Da hatten wie 14 Tage hintereinander 30 Grad.“

Diplom-Meteorologe Günter Fickenscher stellte für diesen Sommer Rekordwerte fest. 

Ein weiterer Rekord ist am 17. August gefallen. Es war mit 37,7 Grad der höchste Wert der Aufzeichnung in Fritzlar. Der bisherige Höchstwert mit 37,3 Grad stammte aus dem Jahr 2002.

Menschen denken beim Sommer 2018 neben der Hitze vor allem an die Dürre, sagt der Meteorologe. Dabei sei es gar nicht so trocken gewesen. Die Menge an Niederschlag geht nicht so stark zurück, aber die Tage mit Regen werden weniger. Als Beispiel nennt er den April: Für gewöhnlich fallen in dem Monat 60 Liter auf den Quadratmeter. In diesem Jahr waren es gut 30 Liter – und die kamen allein am 13. April runter. 

Der Niederschlag fiel auch nicht flächendeckend im Landkreis. „Es gab Ecken, in denen sind nur ein paar Tropfen gefallen“, sagt Fickenscher. Auch im Juli hat es in Fritzlar nur an einem Tag geregnet: Für den 10. Juli hat Fickenscher 11 Liter gemessen.

Vom Sommer auf den nächsten Winter zu schließen, ist laut Fickenscher übrigens nicht möglich: „Das ist reine Spekulation“.  

Stecken mitten im Klimawandel

Für den Diplom-Meteorologen Günter Fickenscher ist die Sache klar: „Wir stehen nicht vor dem Klimawandel, wir stecken mitten drin“, sagt er. Der lange und heiße Sommer sei eine Folge der Klimaveränderung.

„Die Auswirkungen, die wir dieses Jahr hatten, waren ein typisches Beispiel für den Sommer der Zukunft“, erklärt Fickenscher. Der weltweite Klimawandel führe dazu, dass Wetterlagen extremer werden und Wetterextreme häufiger auftreten. Was man bisher als Jahrhundertsommer und damit als Ausnahme betrachtet habe, werde in einiger Zeit die Norm sein, ist der Meteorologe überzeugt. Dies bedeute aber nicht, dass künftig alle Sommer so sind wie der in 2018. „Genau so wie der diesjährige Sommer extrem heiß war, kann der folgende extrem verregnet und kühl sein.“

Es ist ein Sommer, der nicht enden will: Auch jetzt, fast Mitte Oktober, verwöhnt uns die Sonne, von Regen keine Spur. Wir haben einige ganz individuelle Beobachtungen zum Super-Sommer 2018 zusammengetragen.

Pollenexplosion Pur

Der Sommer fing für Allergiker besonders früh an. Bereits im April wurde vor Pollenexplosionen gewarnt. 2018 war ein Mastjahr. Dabei produzieren Bäume besonders viele Samen. Durch die kalten Tage im Februar und März hatte sich die Blüte verzögert, weshalb mit schnellem Temperaturanstieg vor allem Birken plötzlich ihre Pollen in die Luft schleuderten. Die Folge: Triefende Nase und brennende Augen.

Auch Fichten trieben nicht nur Menschen mit Heuschnupfen die Tränen in die Augen. Bereits im Mai bedeckte eine Schicht gelber Blütenstaub alles, von Gartenmöbeln bis zum Autolack. Da Autowaschanlagen keine Option für Allergiker sind, blieb ihnen nicht viel anderes übrig, als auf Regen zu hoffen. Doch der war selten zu Gast.

Wespen-Alarm 

Gemütlich Kaffee und Kuchen im Garten ohne tierische Freunde genießen, das war diesen Sommer nicht drin. Wespen schwirrten bei dem heißen Wetter überall herum. Kaum stand das Essen auf dem Tisch, kamen die kleinen Insekten angeflogen. Zwei Ratschläge gegen Wespen, die funktionieren: Kaffeepulver anzünden, der bittere Geruch vertreibt Wespen; eine Sprühflasche mit Wasser bereithalten und die Wespen besprühen, das erinnert sie an Regen und sie fliegen weg.

Freibad-Rekorde

Dieser Sommer hat den Kassen der Kommunen mit Freibädern richtig gutgetan. Ins Fritzlarer Ederauen-Erlebnisbad zum Beispiel, das traditionell viele Gäste zählt, kam der 100 000. Besucher bereits Anfang August – bis zur Schließung waren es über 126 000! Aber auch das Erfrischungsangebot der kleinen Bäder in der Region fand deutlich mehr Nutzer als in einem normalen Sommer.

Flächenbrände

Den Feuerwehrleuten im Landkreis blieb wenig Zeit, den Sommer zu genießen: Sie mussten auffallend oft wegen Flächenbränden an ausgedörrten Feldern und Wiesen ausrücken. Bereits bis Juli hatte es 15 solcher Brände gegeben – doppelt so viel wie sonst im Jahresschnitt. 

Einer von vielen Flächenbränden: Zwischen Guxhagen und Wollrode schlugen am 30. Juli Flammen aus einem Feld. Leser Manfred Koehler hat diesen Moment mit seiner Kamera eingefangen. Immer wieder kam es in diesem trockenen Sommer zu Flächenbränden.

Wegen der Trockenheit reichte schon ein Funke, um ein Feuer zu entfachen. Auslöser konnten zum Beispiel weggeworfene Zigaretten sein, aber auch Fahrzeuge mit heißen Abgasanlagen, die auf Feldern abgestellt wurden.

Angst ums liebe Vieh

Wegen der Hitze und der Trockenheit blieb der Rasenmäher wochenlang in der Garage: Das Gras wuchs einfach nicht. Was dem einen Arbeit ersparte, bedeutet für Landwirte Mangel. Denn das wenige Heu wird im Winter fehlen als Viehfutter. Bereits jetzt mussten Rinder vorzeitig geschlachtet werden.

Brechend volle Obstbäume 

Sie sind in diesem Jahr brechend voll und brechen gleichzeitig leicht: die Obstbäume. Unter der Last der vielen Äpfel, Birnen, Zwetschen und Mirabellen knicken die zu trockenen und dadurch geschwächten Äste reihenweise ab. Die Schwemme an Obst führte vor den Sammelstellen und Keltereien bereits zu endlos langen Schlangen der Anlieferer.

Rubriklistenbild: © Anke Laumann 

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