Junge Ärzte auf dem Land gesucht

Schwalm-Eder-Kreis bietet Stipendium für Medizinstudenten an

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Werbung: Mit diesem Flyer wirbt der Schwalm-Eder-Kreis für das Medizinstipendium, mit dem er Ärzte anlocken will. 

Neue Wege geht der Schwalm-Eder-Kreis, um dem Ärztemangel auf dem Land entgegenzuwirken. Er will fünf Medizinstudenten ein achtsemestriges Stipendium gewähren.

Dafür müssen sie ihre Facharztausbildung im Landkreis machen und dann fünf Jahre im Kreis als Mediziner arbeiten. Damit, so hofft der Landkreis, Medizinstudenten in die Region zu locken und später als Arzt zu halten. Dass der Plan des Ersten Kreisbeigeordneten Jürgen Kaufmann aufgeht, könnte durchaus sein, denn schon nach der ersten Veröffentlichung hätten sich sechs Interessenten nach dem Stipendium erkundigt. Und alle kamen sie aus dem Landkreis. „Einen Vertrag gibt es bislang noch nicht. Doch wenn sich ein Student dazu entscheidet, sind wir zum Abschluss bereit“, sagt Kaufmann. 

Das Geld dafür ist nämlich vorhanden und muss nicht erst vom Kreistag bewilligt werden. Doch bis sich der erste Stipendiat als Arzt im Landkreis niederlässt, bedarf es eines langen Atems. Denn für Studium und Weiterbildung vergehen zehn bis zwölf Jahre, rechnet Kaufmann vor. „Doch wir müssen etwas machen und dürfen nicht nur auf die Kassenärztliche Vereinigung (KV) verweisen, die für die Besetzung der Arztsitze zuständig ist“, betont der Vizelandrat. Sicher, räumt er ein, könne man nicht mit absoluter Sicherheit sagen, ob das Konzept aufgehe. Doch das Interesse seitens der Ärzte im Landkreis und der KV stimme ihn positiv. 

Der Blick in die Statistik macht deutlich, dass die medizinische Versorgung auf dem Land auf keinen zukunftssicheren Beinen steht. So liegt das Durchschnittsalter der Hausärzte im Landkreis bei 54 Jahren. Bei einem Ausstiegsalter von 65 Jahren müssen bis 2030 insgesamt 57 Prozent der Stellen nachbesetzt werden. Um dem Mangel möglichst früh etwas entgegenzusetzen, setzt der Landkreis auf das ausgelobte Stipendium. Die ersten sechs Interessenten, die sich gemeldet haben, zeigten, dass die Neugierde geweckt sei, sagt Kaufmann. „Wir müssen jede Chance nutzen, um die medizinische Versorgung im Landkreis zu sichern."

Landkreis lockt junge Ärzte

Die medizinische Versorgung im Landkreis muss gesichert werden. Deshalb bietet der Schwalm-Eder-Kreis ab sofort fünf Medizinstudenten ein Stipendium in Höhe von monatlich 875 Euro an. Dazu sollen sie ihre Facharztausbildung im Landkreis absolvieren und anschließend fünf Jahre hier arbeiten. Dabei spiele die Fachrichtung keine Rolle, sagt der Erste Kreisbeigeordnete Jürgen Kaufmann.

Um das Ziel zu erreichen, hat der Landkreis einen Flyer erstellt. In dem beschreibt er die Kriterien und Voraussetzungen für das Stipendium und nennt Adressen, wohin sich Interessenten wenden können. Dass Interesse an dem Stipendium besteht, zeige sich laut Kaufmann daran, dass sich nach der ersten Veröffentlichung sechs Interessenten meldeten.

Nun will der Landkreis mit dem Flyer in die Offensive gehen. Er soll an den Universitäten in Heidelberg, Bochum, Frankfurt, Göttingen, Gießen, Hannover, Marburg und Jena ausgelegt werden. Insgesamt würden so 23 900 Studenten erreicht. Darüber hinaus soll schon in den 12. und 13. Klassen der Gymnasien im Schwalm-Eder-Kreis auf die Möglichkeiten des Stipendiums aufmerksam gemacht werden.

Werbung: Mit diesem Flyer wirbt der Schwalm-Eder-Kreis für das Medizinstipendium, mit dem er Ärzte anlocken will. 

Das Problem ist nach Darstellung von Kaufmann nicht, dass es zu wenige Mediziner gibt, sondern, sie auf das Land zu locken. Und das soll so früh wie möglich geschehen. Um Kontakte zu knüpfen und das Leben im Landkreis kennenzulernen, soll deshalb schon die Facharztausbildung im Landkreis absolviert werden. Dass es dafür Stellen geben wird, steht für Kaufmann außer Frage. „Der Bedarf ist da, da mache ich mir keine Sorgen“, sagt Kaufmann. Das liege unter anderem daran, dass „wir weniger werden“, aber zugleich die Menschen älter werden und mehr medizinische Betreuung benötigen.

Damit all das funktioniert, will der Landkreis den Stipendiaten bei der Suche nach einer Weiterbildungsstelle oder einem Praxissitz behilflich sein. Doch bis die ersten Mediziner sich im Landkreis niederlassen, werden sich wohl einige Hausärzte zur Ruhe setzen. Der Sitz fällt dann nach Darstellung von Kaufmann an die Kassenärztliche Vereinigung (KV) zurück. Handelt es sich dabei um einen notwendigen Sitz, habe die KV signalisiert, den Arztsitz zu reaktivieren.

Trotz zahlreicher Hilfestellungen für den Stipendiaten hat der Landkreis in die Richtlinien für das Stipendium auch Sicherheiten eingebaut. So soll es in der Weiterbildung zwar möglich sein, die Fachrichtung zu ändern. Doch an der Verpflichtung, im Landkreis zu arbeiten, ändert sich nichts.

Sich davon zu befreien, sei nur möglich, wenn das Geld des Stipendiums komplett zurückgezahlt werde. Und das würden sich ein junger Mediziner oder eine Klinik, die ihn abwirbt, angesichts der Summe wohl überlegen, sagt Kaufmann.

Stipendiat muss als Arzt arbeiten

Fünf Stipendien vergibt der Schwalm-Eder-Kreis an Medizinstudenten, die das Physikum bestanden haben. Monatlich erhält der Stipendiat 875 Euro für maximal acht Semester. Im Gegenzug verpflichtet sich der Medizinstudent, die Facharztausbildung im Schwalm-Eder-Kreis zu absolvieren und danach fünf Jahre als Arzt im Landkreis arbeitet. Bricht der Stipendiat sein Studium ab oder möchte er nicht im Landkreis arbeiten, muss er das Geld zurückzahlen.

Interessenten für das Stipendiumdes Landkreises sollen sich mit Dr. Ulrich Klinge, Tel. 0 56 81/77 56 50 oder Stefan Lautenschläger, Tel. 0 56 81/77 56 55 in Verbindung 

Von Natalie Montag

Es ist ein faires Angebot, das der Landkreis macht. Denn nicht jeder, der im Schwalm-Eder-Kreis arbeitet, spart 42 000 Euro. So viel Geld erhalten Medizin-Studenten, wenn sie ihre Facharztausbildung im Kreis absolvieren und dann fünf Jahre lang hier als Arzt tätig sind. 

Das Tauschgeschäft kann ein großer Anreiz sein, in die Region zu ziehen. Manche bevorzugen vielleicht das Landleben gegenüber dem Großstadttrubel. Es muss kein Dorf auf dem Lande sein – es kann auch die eigene Praxis, eine in Gemeinschaft oder ein Krankenhaus sein. 

Für Kritiker mag das Stipendium einer Zwangsverpflichtung gleichkommen, die Freiheiten einschränkt. Aber: Niemand wird dazu gezwungen. Bei der Bundeswehr funktioniert das Konzept „Wir bezahlen dein Studium, dafür arbeitest du eine Zeit lang für uns“ auch. 

Zugute kommt das auf lange Sicht den meisten von uns. Denn bis 2030 wird über die Hälfte aller Ärzte im Landkreis in Rente gehen – während die Zahl älterer Patienten steigt. 

Ein Landarzt muss zwar viel arbeiten. Falls er aus der Region stammt, lebt er jedoch in der Nähe seiner Freunde und Familie und hilft Menschen, die er teilweise seit der Kindheit kennt – und die ihn brauchen werden. nmo@hna.de

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