Singverbot beim Gottesdienst: Verzicht aus Überzeugung

Propst Helmut Wöllenstein über das Singverbot in Gottesdiensten

ein Foto vom ersten Gottesdienst unter den Maßgaben, am 10. Mai 2020, in der Kirche St. Josef. -© M. Kutzbach
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Symbolbild Kirche

Helmut Wöllenstein, Propst des Sprengels Marburg, weist die Kritik zurück, dass das Singverbot in Kirchen ein unnötiger Erlass sei.

Schwalm-Eder– Diesen Vorwurf hatte Pastor Reinhard Schumacher von der Gemeinde Gottes aus Gudensberg in einem Leserbrief in der Fritzlar-Homberger Allgemeinen erhoben.

Hat Sie der Vorwurf getroffen?

Ja. Wir verzichten ja nicht aufs Gemeindesingen, um uns Regeln anzupassen oder gar zu kuschen – wir verzichten aus Überzeugung. Die evangelische Kirche zeigt sich damit solidarisch mit den Schwachen und Gefährdeten. Deshalb folgen wir den Empfehlungen des Robert Koch-Instituts: Das warnt davor, dass auch beim Singen mit Maske die Aerosole in die Raumluft gelangen und für Tröpfcheninfektionen sorgen können. Genau aus diesem Grunde lassen wir es sein.

Aber das Singverbot ist doch eine Einschränkung im Ablauf der Gottesdienste.

Ja, ist es. Aber ist gewiss nicht das Ende der Religionsfreiheit. Es ist ein Abwägen des Grundrechts auf Unversehrtheit und des Rechts auf Zusammenkunft. Diese beiden Rechte korrelieren bei der Frage, ob man in Coronazeiten gemeinsam singen darf. Beim Singverbot handelt es sich um eine schmerzhafte, aber auch nur befristete Einschränkung – und keinesfalls ums Ende der Kirchenmusik.

Es ist aber zumindest bedauerlich.

Auf jeden Fall ist es das. Aber Infektionswellen können leicht in Chören verbreitet werden, das gilt ja für den kompletten Musik- und Kulturbetrieb. Da kann Kirche nicht einfach sagen: „Wir sind immun, weil wir mit Gott im Bunde stehen!“. Der Fall der südhessischen Baptistengemeinde, in der sich am

vergangenen Wochenende über 100 Menschen mit dem Coronavirus infizierten, ist mir richtig in die Knochen gefahren. Ganz gleich, um welche Gemeinde es sich handelt, das ist schlimm. Aber es zeigt auch, wie wichtig das Singverbot und die Hygieneregeln sind.

Es ist das erste Mal seit hunderten von Jahren, dass die Gemeinde stumm bleibt.

Es ist das erste Mal seit der Reformation vor 500 Jahren, dass evangelische Christen keine Choräle singen. Es ist aber auch eine Notsituation, die es so noch nie gab. Inzwischen tut es uns schon gut, einfach wieder zusammen kommen zu dürfen. Und die Gottesdienste sind auch nicht stumm und trist. Man betet zusammen das Vaterunser, spricht einen Psalm. Die Orgel spielt, eine Solostimme singt, dazu liest man den Liedtext. Oder man ist einfach mal still. In Coronazeiten lernen wir, dass auch das Schweigen eine Qualität für die Andacht hat.

Das hoffentlich befristete Schweigen...

Ja, sicher ist es befristet. Natürlich wollen die Gemeinden wieder zusammen singen. Und das wird auch bald möglich sein. Wir freuen uns schon jetzt auf den Tag, an dem die Erlaubnis zum Singen kommt. Aber jetzt dürfen die Pferde nicht mit uns durchgehen, weil wir denken, die Welt geht unter ohne Kirchengesang. Nein, das tut sie ganz bestimmt nicht.

Das sagt das Gesundheitsamt:

Für Dr. Ulrich Klinge vom Gesundheitsamt des Landkreises ist der Wunsch der Kirchen nach gemeinsamem Singen in der Kirche zwar verständlich – dessen Verbot aber aus medizinischer Sicht sinnvoll. Auch wenn es bislang keine wissenschaftlichen Studien zum Coronavirus in Kombination mit dem Singen gebe, rate doch allein der gesunde Menschenverstand dazu, Präventionsmaßnahmen wie ein Singverbot ernst zu nehmen. Denn das banne die Gefahr, dass beim gemeinschaftlichen Singen trotz Maske Aerosolwölkchen entstehen, die zu einer Tröpfcheninfektion führen könnten. Auch wenn das Verbot die Abläufe von Gottesdiensten verändere: Eine solche Vorsichtsmaßnahme sei sinnvoll.

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