Viel Platz für Rollstuhlfahrer

Schwalm-Eder-Kreis schneidet bei Barrierefreiheit gut ab

Bodenplatten an der Drehscheibe in Homberg: Bei neuen Bauvorhaben muss auf Barrierefreiheit geachtet und Orientierungshilfen für wahrnehmungsbehinderte Menschen berücksichtigt werden.
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Bodenplatten an der Drehscheibe in Homberg: Bei neuen Bauvorhaben muss auf Barrierefreiheit geachtet und Orientierungshilfen für wahrnehmungsbehinderte Menschen berücksichtigt werden.

In Sachen Barrierefreiheit steht es besser um den Landkreis, als vermutet. Doch Praxen, Restaurants und Geschäfte in unsanierten Gebäuden sind oft noch nicht barrierefrei erreichbar.

Die deutschlandweit aktive Initiative Sozialhelden, die sich für mehr Barrierefreiheit einsetzt, bescheinigt dem Schwalm-Eder-Kreis, dass etwa 59,5 Prozent der öffentlichen und von ihnen untersuchten Orte rollstuhlgerecht sind. Die Behindertenbeauftragten des Landkreises gehen von deutlich mehr aus. Lothar Kraß sagt: „Das Thema ist in der Gesellschaft angekommen.“ Denn: Barrierefreiheit trifft alle Menschen.

Der Behindertenbeauftragte des Landkreises beschäftigt sich gemeinsam mit drei weiteren Ehrenamtlichen seit 2016 mit dem Thema Barrierefreiheit und sozialen Fragen für Menschen mit Behinderung. Nach ihren Erkenntnissen sind bereits etwa 90 Prozent aller Banken, Sparkassen und großen Einkaufsmärkte barrierefrei zugänglich.

Kommunale Gebäude wie Rathäuser und Kirchen sind es demnach zu 75 Prozent. Dennoch: „Es finden sich überall Baustellen“, sagt Kraß, und spricht von „der gesamten Bandbreite“ öffentlich zugänglicher Orte.

Noch sind nicht alle Bushaltestellen im Kreis barrierefrei

Gerade Praxen, Restaurants und kleinere Geschäfte in alten, unsanierten Gebäuden seien im Landkreis häufig noch nicht barrierefrei erreichbar.

Ähnlich sieht es laut Kraß im öffentlichen Nahverkehr aus. Zwar hätten alle im Schwalm-Eder-Kreis eingesetzten Busse eine Absenkautomatik. Leichter würde das Einsteigen für Menschen, die in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt sind, jedoch nicht. „Die Haltestellen sind das Problem. Aber auch da sind wir auf einem guten Weg.“

Zum 1. Januar 2022 sollen alle Bushaltestellen barrierefrei sein – so will es das Personenbeförderungsgesetz. Erreicht wird das Ziel im Landkreis wohl nicht, glaubt Kraß. „Die Kommunen haben zu spät angefangen. Erst in den letzten zwei Jahren hat sich einiges getan.“ Er glaubt aber, dass bis 2022 etwa 60 Prozent fertiggestellt sein könnten. Sinnvolle Unterstützung in der Beförderung: Bürgerbusse. Sie bringen Menschen zum Arzt, zum Einkaufen, zur Bank. Und das auch noch von Haustür zu Haustür – barrierefrei.

Interview: Barrierefreie Mobilität im ländlichen Raum vor Herausforderungen

Schmale Gehwege, fehlende Bodenleitsysteme oder kaum überwindbare Buseinstiege: Dr. Melanie Herget, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Kassel und Expertin für Mobilität im ländlichen Raum, erklärt, mit welchen Herausforderungen mobilitätseingeschränkte Menschen auf dem Land konfrontiert werden und wieso das Problem in den nächsten Jahren einen wachsenden Bevölkerungsanteil betreffen wird.

Frau Herget, wie mobil sind bewegungseingeschränkte Menschen im ländlichen Raum?
Im ländlichen Raum werden im öffentlichen Verkehr häufig auch Reisebusse eingesetzt – besonders auf längeren Strecken. Diese Busse haben einen steilen und engen Einstieg. Das wird schnell zur Herausforderung. Alternativ werden in einigen Regionen Rufbusse oder Sammeltaxen eingesetzt, die bedarfsorientiert Personen befördern.
Manchmal liegt die Hürde aber auch direkt vor der Haustür, weil es gar keine Bürgersteige gibt oder Autos zum Teil so schnell fahren, dass man sich mit Rollator oder Rollstuhl an der Straße nicht sicher fühlt.
Wie gut ist das Fußgängernetz im ländlichen Raum ausgebaut?
Es wäre wünschenswert, wenn es zwischen benachbarten Dörfern und Ortsteilen sowie innerhalb der Ortschaften ausreichend breite Gehwege geben würde. Das ist jedoch nicht flächendeckend der Fall. Die meisten Investitionen fließen noch immer in den Ausbau von Straßen für Autos – da gibt es ein Ungleichgewicht in der Prioritätensetzung.
Was meinen Sie damit?
Mit Blick auf den demografischen Wandel wird in den kommenden Jahren der Anteil an älteren Menschen in der Bevölkerung wachsen. Es wird somit auch mehr Betroffene geben. Eigentlich müssten daher die Wegbreiten angepasst werden.
Es wird auf den Gehwegen und Radwegen immer mehr zweispurige Fahrzeuge geben, also neben Rollatoren zum Beispiel elektrische Dreiräder. Das betrifft dann insbesondere Straßen, die in der Nähe von Seniorenheimen oder auf dem Weg zum Supermarkt liegen.
Gibt es Alternativen, die zu mehr Mobilität führen können?
Die Möglichkeit, durch einen Rufbus direkt an der Haustür abgeholt zu werden, ist zum Beispiel ein guter Ansatz, der zu mehr Barrierefreiheit führt. Das ist ein absoluter Komfortfaktor für Betroffene, selbst wenn die Fahrt mit einem kleinen Aufpreis verbunden ist.
Allerdings zeigt sich hier ein großer Unterschied zwischen einkommensarmen und einkommensreichen mobilitätseingeschränkten Personen – manche können sich selbst dieses Angebot nicht leisten. Zudem verbieten einige Bundesländer derzeit die Haustürbedienung.
Und wie steht es um die Infrastruktur für Blinde?
Natürlich gibt es in Städten am ehesten taktile Orientierungshilfen, wie etwa Bodenleitsysteme. Im ländlichen Raum sind die deutlich weniger vorhanden. Sie müssen das so sehen: Bei jedem Bauprojekt wiegt der Träger ab, wie viele Menschen betroffen sind und welche Dinge anderswo dann nicht mehr finanziert werden können.
Wenn Orientierung im öffentlichen Raum fehlt, was kann dann alternativ helfen?
Da spielt uns die Digitalisierung ganz gut in die Hände, weil es zunehmend Leitsysteme über Apps gibt, die über Sprachausgabe bei der Orientierung helfen. Diese Anwendungen unterstützen auch Analphabeten, sodass sie nicht von Informationen ausgeschlossen werden.
Fehlt ein Bewusstsein für die Thematik?
Wir haben bei einem Modellvorhaben in 18 verschiedenen Landkreisen kleinräumige Bevölkerungsprognosen erarbeitet. Die Verwaltungen waren zum Teil überrascht oder sogar schockiert. Die Prognosen haben gezeigt, dass sich bis 2030 Vieles einfach verändern und die Bevölkerung immer älter wird. Den Verantwortlichen war dies nicht immer bewusst.
Kann man sie für das Problem sensibilisieren?
Es gibt sogenannte Altersanzüge, die Belastungen im Alter simulieren. Diese sind ein interessantes Instrument, um das Bewusstsein für Fortbewegungsmöglichkeiten zu schärfen und zu verstehen, welche Herausforderungen in Zukunft anstehen.
Barrierefreie Mobilität wird also immer wichtiger.
Das stimmt. Bereits jetzt ist es für Träger im öffentlichen Verkehr eine Pflichtaufgabe, bis zum 1. Januar 2022 vollständige Barrierefreiheit zu erreichen. Das hat natürlich auch finanzielle Auswirkungen, die nicht von allen Landkreisen gestemmt werden können. Daher ist es wichtig, die Umstellung in Stufenplänen zu priorisieren und so transparent schrittweise für mehr barrierefreie Mobilität zu sorgen.

Behindertenbeauftragter: Schwalm-Eder-Kreis ist in Sachen Barrierefreiheit auf gutem Weg

Gemessen am gesellschaftlichen Ziel, Menschen mit Behinderung eine selbstständige Teilhabe am Leben zu ermöglichen, gibt es auch im Schwalm-Eder-Kreis noch Mobilitätshindernisse zu beseitigen, sagt Lothar Kraß. Der Behindertenbeauftragte findet aber auch: „Es ist ein hinreichendes Teilhabeangebot vorhanden.“

Historische Stadtkerne

Selbst als gesunder Mensch kann man im Schwalm-Eder-Kreis ordentlich aus der Puste kommen. In vielen Kommunen heißt es fleißig bergab und bergauf laufen. Für Rollstuhlfahrer wird der Besuch historischer Stadtkerne schnell zur Herausforderung. So sehen die Behindertenbeauftragen den Trend zu großen Pflasterflächen kritisch.

„Vor allem rustikales Pflaster wackelt häufig und ist uneben“, sagt Kraß. Das beeinträchtige die Stand- und Trittsicherheit. „Das sieht alles schön aus, birgt aber auch für Gesunde Gefahren.“ Etwa im Herbst und Winter, wenn der Bodenbelag durch Nässe besonders rutschig sei.

Auch Orte, die von starken Neigungen und Gefällen geprägt sind, seien problematisch. „Wir können ja auch keine Rampen in einen Steilhang bauen“, sagt Kraß. Natürliche Gegebenheiten zeigten somit häufig Grenzen barrierefreier Mobilität auf.

Barrierefreiheit auf Gehwege und Straßenquerungen wird verbessert

Wegenetz

Die Barrierefreiheit auf Gehwege und Straßenquerungen würde kontinuierlich verbessert, sagt Kraß und meint damit die Breite von Gehwegen sowie das Einbauen von taktilen Orientierungshilfen an Straßeneinmündungen oder vor Haltestellen und Behördengebäuden.

„Von den Straßenbaumaßnahmen unabhängige, eigenständige, Arbeiten zur Verbesserung der Barrierefreiheit im Straßennetz finden eher selten statt“, sagt Kraß. Positiv hervor hebt er die Straßenquerung im Gewerbegebiet Malsfeld. Dort wurde der Weg von der Bushaltestelle zur Behindertenwerkstatt barrierefrei gestaltet.

Barrierefrei bauen, daran denken die wenigsten jungen Menschen

Wohnungsbau

Vornehmliche Aufgabe der Behindertenbeauftragen des Landkreises ist die Unterstützung beim Stellen von Anträgen sowie die Beratung beim Wohnungsbau. Im Gegensatz zum öffentlichen Raum müsse sich gerade dort noch einiges tun, sagt Kraß. „Die wenigsten jungen Menschen denken daran, barrierefrei zu bauen.

Dabei werden sie auch alt.“ Während beim Bau von Mehrfamilienhäusern das barrierefreie Bauen inzwischen vorgeschrieben sei, seien die Hürden im privaten Bereich oft noch zu hoch, diese Art des Bauens teuer, kritisiert Kraß. „Da bräuchte es eine staatliche Förderung.“

Coronabedingt habe keiner der vier Behindertenbeauftragten in diesem Jahr eine Wohnberatung übernehmen können. Dabei sei das eine ihrer Hauptaufgaben, so Kraß. „Wir helfen, wenn jemand sein Haus umbauen möchte.“

Analyse

Der Landkreis hat 2017 mit einer Bestandsaufnahme zum Stand der Barrierefreiheit begonnen. Schwachstellen wurden vor allem bei Arztpraxen, Restaurants, Friseurläden, öffentlichen Toiletten, Rathäusern, Kirchen und Friedhöfen gefunden. Also nahezu im gesamten öffentlichen Raum.

Diese Analyse soll kontinuierlich fortgeführt werden. Daraus erwachsen Handlungsbedarfe: für den Kreis, für Kommunen und Privatleute.

Von Felix Busjaeger

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