Tag der Deutschen Einheit 

Michael Meinicke wagte die Flucht aus Ostberlin - Das hat er erlebt

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Neben einem Stück Berliner Mauer in Fritzlar: Michael Meinicke erinnert sich noch genau an die Zeit vor der Wiedervereinigung. Er floh 1978 aus der DDR.

Heute ist Tag der Deutschen Einheit. Es ist ein Tag, der auch bei Autor und HNA-Mitarbeiter Michael Meinicke viele Erinnerungen wachrüttelt.

Meinicke kommt aus Ostberlin und saß seinerzeit wegen staatsfeindlicher Gedichte im Gefängnis. Wir haben mit ihm über sein Leben hinter der Mauer und sein neues Buch „Is’ doch lächerlich“ unterhalten.

Herr Meinicke, Ihr Buch besteht aus 22 Briefen an Ihren Freund, der nach der Wende starb. Warum diese Darstellungsform?

Ich habe mir überlegt, was man mit einem toten Freund macht, außer ihm Blumen aufs Grab zu legen. Außerdem wollte ich, dass die Wurzeln von Rammstein nicht in Vergessenheit geraten. Aljoscha war Gründer der DDR-Punkband „Feeling B“, von der drei Musiker heute bei Rammstein spielen. Jede Sekunde der Lieder dieser Band erinnert mich an damals.

Was ist das Besondere an Aljoscha?

Durch Aljoscha werden beide Berliner Seiten für den Leser erlebbar. Aljoscha fand damals heraus, dass er Schweizer war, weshalb er zwischen Ost- und Westberlin hin und her raste. Ihm waren alle Regeln wurscht. Er besetzte mit 300 Leuten ein Haus. Sein Tod ging durch die großen Zeitungen in Berlin. Er starb an einem Asthma-Anfall, offiziell. Daran glaube ich aber nicht. So wie der auf der Bühne gebrüllt hatte.

Starb er durch das System?

Ja. Letztendlich sind er und viele meiner Freunde vom System getötet worden. Die meisten haben Dinge getan, die sie in einem freien System nicht getan hätten. Du hattest ja andauernd mit dem Staat zu tun. Zum Beispiel hatte jedes Haus eine Hausgemeinschaftsleitung, die im Grunde in jede Wohnung eindringen und dort kontrollieren konnte.

Wie war der Kontakt zu anderen Jugendlichen im Ostblock?

Wir hatten alle dieselben Probleme, das hat zwangsläufig zusammengeschweißt. Alle Grundlagen waren gleich, über Belanglosigkeiten musste man also nicht reden. Wir haben uns darüber ausgetauscht, wie wir gegen die Sowjetunion zusammenhalten können. Man traf sich beispielsweise in Tschenstochau (Polen) am Kloster der Schwarzen Madonna. Einmal im Jahr kamen dort Religiöse aus der ganzen Welt zusammen. Wir gingen hin, um diese Ausländer zu treffen und von Menschen aus Frankreich und den USA zu hören.

Wie war das Leben hinter der Mauer zu ertragen?

Mit Alkohol (lacht). Wir wollten unbedingt daran glauben, dass wir im besseren Staat lebten. Aber als wir dann nicht nach Woodstock durften, war klar: Was ist das für ein Land, aus dem ich nicht raus kann? Drei Leute, die sich trafen, konnten schon als verbotene Versammlung gelten. Man hat sich also Schlupflöcher gesucht. Wir trafen uns am Wochenende im Wald, nur um einmal laut schreien zu dürfen. Ich habe sehr früh angefangen, gegen den Staat zu denken. Mit 19 Jahren bin ich dann für zwei Jahre in den Knast gekommen wegen sieben Gedichten.

Am Ende haben Sie die Flucht gewagt…

Ich habe versucht, etwas in dem Land zu ändern. Letztlich habe ich aber nur noch die Möglichkeit gesehen, zu fliehen. 1978 mit meiner ersten Frau in einem Kofferraum. Damals hatte mich eine neue Haft erwartet, ich weiß bis heute nicht warum. Ich bin also nicht nur aus dem System und dem Staat geflohen, sondern vor der konkreten Bedrohung einer Haftstrafe.

Wie haben Sie den Mauerfall erlebt?

Ich lebte in Charlottenburg und renovierte gerade das Bad. Während ich den Putz abkloppte, kloppten andere die Mauer weg. Um Mitternacht klingelte es dann an der Tür und es hat nicht mehr aufgehört. Die ganzen Kumpels aus Ostberlin reisten mit dem Fahrrad an. Wir haben dann zwei Wochen lang in der Wohnung gesessen, getrunken und pausenlos geredet.

Gibt es die Mauer in den Köpfen heute noch?

Vielleicht noch vereinzelt, aber ich denke, das heutige Deutschland ist vereint. Früher habe ich in den 90er-Jahren noch mehrfach erlebt, dass Taxifahrer in Berlin nicht vom Kudamm zum Prenzlauer Berg fahren wollten mit dem Argument: „Ich fahre doch nicht in den Osten, bin doch nicht blöd.“ Das lag aber auch daran, dass manche Fahrer in Westberlin zu faul waren, die Straßen im Ostteil zu lernen.

Wissen Jugendliche die Freiheit genauso zu schätzen wie Ihre Generation?

Die Jugendlichen wissen heute durchaus, was Freiheit ist. Die nutzen sie auch für ihre Zwecke, siehe Greta Thunberg. Ich spreche gern als Zeitzeuge in Schulen darüber, wie man solche Lebenssituationen wie in der DDR ertrug. Die Generation davor, also meine Eltern und Großeltern, redeten fast nie über den Krieg und die Nazizeit. Hätten sie mehr darüber geredet, würde es heute nicht so viele faschistische Gruppierungen geben, weil die seit Jahren gehört hätten, wie es unter Adolf Hitler wirklich gewesen war.

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