Der Hexenprozess in Fritzlar: Das Volk kochte, und eine Blondine stand auf dem Scheiterhaufen

Der Tag, als die Seele brannte

Der Scheiterhaufen, die Hexe, der Henker, das Gericht: Das war die Schlüsselszene des Spektakels am 28. August 1983 in Fritzlar, das tausende von Menschen angezogen hatte. Die junge Frau wurde natürlich rechtzeitig gerettet. Archivbild:  Berger

Fritzlar. Die Hexe ist blond. Und trägt weiß. Und hat keinen Namen. Nur Hexe. Sie soll auf dem Fritzlarer Marktplatz verbrannt werden. Ach, du liebes bisschen, was hat da die Volksseele gekocht. Ein kleiner Teil der Volksseele, mehr ein Seelchen, zugegeben. Aber dann wurde alles gut und Lady Blond gerettet.

August 1983: Fritzlar ist bundesweit in aller Munde und produziert Schlagzeilen über Schlagzeilen. Die Boulevardblätter zerreißen sich die Mäuler, die großen Nachrichtenagenturen tickern weltweit die üble Nachricht von der Hexenverbrennung herum. Und am Ende macht es „buff“, und alles löst sich in Wohlgefallen auf. Adrenalinproduktion bitte einstellen!

So fing eines der unglaublichsten Spektakel in der Domstadt nach dem Zweiten Weltkrieg an:

Fritzlar, die Idylle auf dem Berg, hat eine neue Marketingidee und verpflichtet die Truppe „Kramerey und Kurtzweyl“ für ein Wochenende voller Mittelalter. Der Schmied, der Feuerschlucker, der Narr, sie alle tun so, als sei die Zeit vor 800 Jahren stehengeblieben. 25 000 Menschen strömen in die Stadt, so viele wie nie zuvor bei einem Fest. Ein gewisser Karl-Wilhelm Lange*, Rathaussprecher, verkündet hinterher den großen Erfolg.

Kein Mensch hätte sich darüber großartig aufgeregt, wenn nicht dieses Wahnsinnsspektakel dafür gesorgt hätte, dass die Nerven blank liegen: Krönender Abschluss des zweitägigen Marktes sollte eine Hexenverbrennung auf dem Scheiterhaufen sein. Und zwar mit höchstamtlichem Segen. Der Magistrat hatte sich einstimmig entschieden: Jawohl, wir machen den Hexenprozess. Und zwar gegen den Willen der katholischen und der evangelischen Kirche. Der Pfarrgemeinderat auf katholischer Seite protestierte heftig, und der Pfarrer von der evangelischen Gemeinde bot an, die Hexenverfolgung in einem Vortrag aufzuarbeiten. Die Grünen, die Anfang der achtziger Jahre gerade angefangen hatten, sich ins politische Leben einzumischen, schimpften wie die Rohrspatzen und forderten, die Schau zu verhindern. Und die Zuschauer wurden aufgefordert, trocknen Reisig mitzubringen.

Dabei war von Hexenverbrennung offiziell gar keine Rede. Weil ja nun wirklich kein Mensch verbrannt werden sollte. Jedenfalls zeigte die Maschinerie des Widerstands Wirkung. Fritzlar war plötzlich bundesweit die Top-Nachricht.

Von Reinhard Berger

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