Seine Tierköpfe und geometrischen Figuren erscheinen in Kunstbüchern

Tierisch heißer Hipster-Scheiß: Die ungewöhnliche Karriere des Tätowierers Valentin Hirsch aus dem Kellerwald

+
Hat in Wien Grafik und Kunst studiert und betreibt nun in Berlin-Neukölln sein Tattoo-Studio: Der aus Jesberg stammende Valentin Hirsch.

Früher lebte Valentin Hirsch von Hartz IV, heute ist der 39-Jährige aus dem Kellerwald einer der populärsten Tätowierer Deutschlands. Dabei verweigert sich der Wahl-Berliner radikal dem Kommerz.

Valentin Hirsch redet wie jemand, der Tätowierungen verachtet. Der 39-Jährige, der aus Jesberg im Kellerwald stammt, findet die meisten Tattoos "abstoßend". Wenn er durch seine Wahlheimat Berlin geht, sieht er auf der Haut von anderen vor allem "Kitsch und Blödsinn". Selbst ihr iPhone lassen sich manche stechen. "Der Mensch macht leider alles", sagt Hirsch.

Der Tattoo-Verächter Hirsch ist selbst Tätowierer, macht aber keineswegs alles. Mit diesem Prinzip ist er zu einem der bekanntesten Künstler der Branche geworden. Auf Instagram folgen Hirsch fast 75.000 Menschen. Wenn Australier auf Urlaub in Europa sind, machen sie in Hirschs Studio in Neukölln Station und lassen sich zum Beispiel einen riesigen Schmetterling auf den Rücken stechen. Hirschs geometrische Figuren und Tierköpfe werden nicht nur von Menschen durch die Welt getragen, sondern erscheinen auch in dicken Kunstbüchern.

Danke Katrin!

Ein Beitrag geteilt von Valentin Hirsch (@valentinhirschtattoo) am

Manche nennen seinen Schwarz-weiß-Stil "heißen Hipster-Scheiß". Aber Hirsch weißt nicht, ob er hip ist. Er sieht sich als Künstler und nicht als Tätowierer. Es gibt Kollegen, die haben 300.000 Instagram-Fans. Hirsch nennt sie "Rockstars auf Ikea-Niveau" und fragt: "Ist es geil, dass jeder dein Zeug will?"

Der Vater zweier Kinder ist einer der ungewöhnlichsten Köpfe der Tattoo-Szene, die längst die Ästhetik des Mainstreams bestimmt. Als Hirsch Mitte der 90er-Jahre auf der Jugenddorf-Christophorusschule Oberurff Abi machte, waren nur Rockstars und Kriminelle tätowiert. Heute gibt es kaum einen Fußballprofi, der nicht von Kopf bis Fuß beschriftet ist. Und am Urlaubsstrand wird man ohne Tattoo angeschaut, als sei man ein Aussätziger. Wie kann eine Tätowierung da noch etwas Besonderes sein?

Thank you David!

Ein Beitrag geteilt von Valentin Hirsch (@valentinhirschtattoo) am

Hirschs Bilder sind in jedem Fall etwas Besonderes. Seine Vorliebe für Tiere hat auch etwas mit seiner Kindheit in Nordhessen zu tun: Der gebürtige Eschweger wuchs im Kellerwald auf, der Vater ist ein Tierfreund. Valentin zeichnete schon früh Bussarde und andere Raubvögel. Mitschüler von damals sagen, er sei der Beste im Kunstunterricht gewesen.

An der Wiener Akademie der Bildenden Künste studierte Hirsch bei Gunter Damisch, der zu den Neuen Wilden der österreichischen Kunstszene zählte. Damals beschäftigte sich Hirsch besonders mit Elefanten, die für ihn "Metapher für ganz viel" sind.

In vielen Kulturen steht der Elefant für Glück. Das konnte Hirsch gebrauchen. Er machte sich nie Gedanken, wovon er mal eine Familie ernähren sollte. Er lebte nur für die Kunst. Als er 2010 nach Berlin zog und Vater wurde, verlor er seinen Job in einer Druckerei und musste Hartz IV beantragen. Seine erste Tätowiermaschine besorgte ihm ein Freund.

Heute ist er in der Szene ein Star. Demnächst fliegt er nach Kalifornien, wo viele ebenfalls auf ein Hirsch-Tattoo warten. Seine Einstellung von früher hat er sich trotzdem bewahrt. Bei Instagram verwendet er keine Hashtags, mit denen man in den unendlichen Weiten des Netzes leichter gefunden wird. Er sticht einem nicht die Namen der Kinder in den Unterarm, sondern seit zwei Jahren nur noch halbe Tierköpfe und geometrische Figuren - nicht weil sie so schön wären, sondern weil sie für ihn als Gegensatz von organisch und abstrakt für Leben und Tod stehen. Schöpfen, ob auf Papier oder Haut, ist für ihn "ein Akt für das Vergängliche". Hirsch, der kaum noch in Nordhessen ist, wo seine Eltern nach wie vor wohnen, will nicht der heiße Hipster-Scheiß sein, der morgen schon wieder kalt ist, sondern etwas Nachhaltiges schaffen. Seine Kompromisslosigkeit ist nicht risikolos: "Vielleicht muss ich irgendwann wieder von Sozialhilfe leben."

Hirsch selbst ist auch gut beschriftet. Sein allererstes Tattoo, ein Clowns-Kopf, den er sich in Wien selbst gestochen hat, ist längst übermalt. Ein Arm ist komplett schwarz. Falls er im Krankenhaus mal Blut abgeben muss, kann man verstehen, wenn die Krankenschwester laut flucht.

This fox is Davids first tattoo, thank you!

Ein Beitrag geteilt von Valentin Hirsch (@valentinhirschtattoo) am

Irgendwann soll ein großes Tattoo auf Hirschs Brust dazu kommen. Selbst ein Profi wie er hat ein bisschen Angst davor: "Ich mag das Verletztsein nicht so. Ein Tattoo ist immer auch eine Wunde." Hirsch verachtet und liebt die Kunst, die ihn berühmt gemacht hat.

Hier geht es zur Webseite von Valentin Hirsch.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.