Inzidenz sinkt unter 100 im Schwalm-Eder-Kreis

Corona-lnfektionen im Landkreis bleiben diffus: Ausbruch in Betrieb - Vereinsmitglieder in Sorge

Sind aktuell viel mit der Übersetzung der Corona-Quarantäne-Maßnahmen für EU-2-Bewohner beschäftigt: Von Verein Mach mit Monika Vöge, Integrationsberater Biser Ivanov und Vorsitzender Sascha Fleddermann.
+
Sind aktuell viel mit der Übersetzung der Corona-Quarantäne-Maßnahmen für EU-2-Bewohner beschäftigt: Von Verein Mach mit Monika Vöge, Integrationsberater Biser Ivanov und Vorsitzender Sascha Fleddermann.

Endlich sinkt die Inzidenz im Schwalm-Eder-Kreis deutlich: Sie lag am gestrigen Mittwoch laut RKI bei 66,8. Zuletzt hatte sie sich jedoch durchgehend auf hohem Niveau knapp unter oder über 100 gehalten. Vor allem im Kreisteil Fritzlar-Homberg weisen manche Städte noch sehr hohe Coronazahlen auf.

Die Stadt Homberg bleibt mit 47 Coronafällen Spitzenreiter unter den Städten und Gemeinden im Landkreis. Laut Kreissprecher Philipp Klitsch handelt es sich aber trotz des kürzlichen Ausbruchs im Homberger Awo-Altenzentrum um ein eher diffuses Infektionsgeschehen, das sich im privaten Bereich ereigne. Gleiches gelte auch für die Stadt Borken, die – Stand gestern Nachmittag – 32 Infizierte aufweist. Es gebe keinen Hotspot in Borken, sagt auch Bürgermeister Marcel Pritsch. „Der Kreisteil Fritzlar-Homberg ist mit 84 332 Einwohnern deutlich größer als Schwalmstadt und Melsungen“, sagt Klitsch und nennt damit einen weiteren Grund für die hohen Zahlen.

Zuletzt gab es auch ein dynamisches Infektionsgeschehen in Gudensberg. Dieses habe hingegen einen konkreten Grund, sagt Klitsch: Im Geflügelschlachtbetrieb Plukon sind 22 Mitarbeiter nachweislich an Corona erkrankt. 89 der insgesamt 450 Mitarbeiter befinden sich in Quarantäne. Das bestätigt Geschäftsführer Frank Grundl gegenüber der HNA. Auf den Betrieb habe das laut Grundl keine Auswirkungen. „Die Kontinuität des Betriebes ist gewährleistet“, sagt er. Die Corona-Fälle bei Plukon bereiteten vielen Gudensberger Sorge im Zusammenhang mit den großteils aus EU-2-Ländern stammenden Arbeitskräften.

Hintergrund sei deren zum Teil beengte Wohnsituation, weshalb Infektionsketten kaum zu vermeiden seien. Das bemängeln Biser Ivanov, Integrationsberater des Landkreises sowie Jochem Hamacher und Sascha Fleddermann vom Verein Mach-Mit. Fleddermann weist darauf hin, dass eine Diffamierung einer Personengruppe aktuell niemandem nütze. Nicht das ganze Infektionsgeschehen sei nur auf eine Gruppe zurückzuführen. 

Vereinsmitglieder von Mach -Mit aus Gudensberg in Sorge

Das Corona-Infektionsgeschehen in Gudensberg hielt am Mittwoch eine etwas positivere Entwicklung bereit, als die Tage zuvor: 35 Menschen sind dort aktuell laut RKI an Corona erkrankt. Zuletzt lag die Zahl stets bei 47 und damit vergleichsweise deutlich höher als im restlichen Landkreis. Zwei Kita-Gruppen mussten unter anderem in der Kernstadt geschlossen werden (HNA berichtete).

Ein Teil der Corona-Erkrankten sind Fachkräfte des Geflügelschlachtbetriebs Plukon und stammen zum großen Teil aus EU-2-Ländern. Das sorgte zuletzt für einen Diskurs in der Gudensberger Bevölkerung, den die Mitglieder vom Verein Mach-Mit und Biser Ivanov, Mitarbeiter der mobilen Integrationsberatung des Landkreises, mit Sorge betrachten. Gründe dafür gebe es viele, wie sie im HNA-Gespräch schildern.

„Wir finden es bedenklich, dass das hiesige Corona-Geschehen ausschließlich auf eine Personengruppe zurückgeführt wird“, sagt Sascha Fleddermann, Vorsitzender des Vereins. Der Verein engagiert sich aktiv in der Flüchtlings- und Integrationsarbeit.

Rund 300 Bulgaren und 75 Rumänen leben derzeit in Gudensberg. Da auch in Schulen und Kitas Kinder positiv getestet wurden, habe es unter anderem bedenkliche Forderungen von Eltern gegeben, „dass Kinder mit einem bulgarischen Migrationshintergrund nur noch außerhalb der Schule getestet werden sollen, bevor sie in die Schule kommen“, berichtet Fleddermann.

Was Fledderman oder Ivanov auch nachdenklich stimmt: „Die Lebens- und Wohnbedingungen dieser Menschen werden dabei nicht beachtet.“ Die Situation erschwert sich beispielsweise auch durch die behördlichen Quarantäne-Anordnungen. „Viele verstehen die Sprache nur sehr schlecht. Dazu kommt ein hoher Teil an Analphabeten“, erklärt Ivanov.

Er ist die vergangenen Tage rund um die Uhr im Einsatz, um die Betroffenen aufzuklären, die Schreiben vom Gesundheitsamt zu übersetzen und zwischen den Behörden und Betroffenen letztlich zu vermitteln. Grundsätzlich sei es wie überall in der ganzen Gesellschaft: „Dann gibt es Familien, die die Quarantäne-Maßnahmen ordnungsgemäß einhalten und wiederum andere, die sie nicht so ernst nehmen“, erklärt Ivanov. Kontrollen vom Ordnungsamt finden statt, würden aber nicht immer ausreichen. Auch Ivanov versuche die Corona-Auflagen der Betroffenen mit im Blick zu behalten.

Da er aber auch weitere Kommunen im Landkreis als Berater betreut, bleibe langfristig auch etwas auf der Strecke – „das ist keine langfristige Lösung“, sagt er. Der Verein und Ivanov wünschen sich deshalb auch mehr Aufklärungsarbeit seitens des Arbeitgebers und auch des Gesundheitsamtes. Der Verein und Ivanov stünden in regelmäßigem Austausch mit den Behörden.

„Die Zusammenarbeit funktioniere gut – Aber: mit Hinblick auf die Corona-Geschehnisse beim Schlachthof Tönnies, war unser jetziges Problem eigentlich absehbar“, sagt Dorothea Hamacher, ebenfalls vom Verein Mach-Mit. Sie weise in diesem Zusammenhang auf die zum Teil sehr ungünstigen Wohnverhältnisse der Betroffenen hin: „Infektionsketten können kaum unterbrochen werden, da eine Isolation eines Erkrankten aufgrund der begrenzten Räumlichkeiten kaum möglich ist“, schildert Hamacher die Situation.

Der ehemalige Vereinsvorsitzende, Jochem Hamacher, erinnert in diesem Zusammenhang auch an die aktuell entstehenden 44 geförderten Wohnungen am Ringwall. „Wenn diese im Juli bezugsfertig sind, könnten sich die Wohnverhältnisse vielleicht etwas verbessern“, sagt er. Die Vermietung der Wohnungen soll in Abstimmung mit der Stadt ausschließlich an Bürger mit Wohnberechtigungsschein erfolgen. Alternativ würden auch mobile Impfteams zur Entlastung beitrage, so Dorothea Hamacher.

Alle Mitarbeiter von Plukon würden täglich vor Produktionsbeginn getestet, um jedes Infektionsrisiko auszuschließen, sagt Geschäftsführer Grundl gegenüber der HNA. Zu einer Corona-Impf-Möglichkeit im Betrieb, teilt er mit: „Plukon unterstützt eine betriebliche Impfung der Mitarbeiter, laut Behördeninformationen ist damit ab Juni zu rechnen. Privat können die Mitarbeiter mit einer Arbeitgeberbescheinigung einen Impftermin über Ihren Hausarzt beantragen.“

Coron-Infektionsgeschehen in Gudensberg: Das sagt der Landkreis

Auch der Landkreis äußert sich zum Infektionsgeschehen in Gudensberg. Übersetzungen der Isolierbescheide in den jeweiligen Landessprachen können demnach nicht versendet werden, „da dem Gesundheitsamt bei der Meldung von Neuinfektionen nicht bekannt ist, welche Staatsbürgerschaft der Empfänger des Bescheids hat.“ Für den Landkreis sind die Daten der Einwohnermeldeämter im Zusammenhang mit der Kontaktnachverfolgung nicht einsehbar. Es gibt jedoch Corona-Merkblätter in unterschiedlichen Sprachen, die über die Integreat-App zur Verfügung stehen. Mitarbeiter der Kontaktnachverfolgung müssen bei jedem Infizierten die Kontakte durch telefonische Nachfrage erfragen. „Gerade im Fall von Plukon ist die Sprachbarriere ein Problem.“ Was die Qurantäne-Kontrollen angehe, so bediene sich das Gesundheitsamt der kommunalen Ordnungsämter, zu denen auch Hilfspolizisten gehören. Wegen der begrenzten Wohnsituation ist eine Isolation eines Erkrankten oft schwer. Eine Idee, eine zentrale Stelle, wie ein Isolierhaus zu schaffen, gibt es laut Kreis nicht. 

Von Linett Hanert

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.