Premiere am Freitag

Von Heimweh und Hoffnung: "Die Sudetenvertreibung" in Großenenglis

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So mancher Vertriebene hatte nichts außer einer Kiste, in der er sein Hab und Gut transportierte: Zwei dieser Exemplare bilden die Kulisse, vor der Alexander Bräutigam (links) und Robin Middeke ihr Stück „Die Sudetenvertreibung“ im Theater der Bunten Bühne Großenenglis spielen.

Großenenglis. Alexander Bräutigam hat keine Angst vor großen Themen: Der 28-Jährige bringt am kommenden Wochenende zusammen mit seinem Kollegen Robin Middeke aus Kassel das Stück „Die Sudetenvertreibung“ auf die Großenengliser Bühne.

Die beiden Schauspieler haben es selbst entworfen, entwickelt, geschrieben. Und stellen damit das Schicksal vieler Vertriebenen in den Fokus.

Es ist eine ungewöhnliche Wahl, die die beiden Mittzwanziger da getroffen haben, denn es gibt deutlich leichtere Themen als die Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei in den Jahren 1945 und 1946. Die ist schwere Kost und in jeder Hinsicht eine Herausforderung: Die historischen Fakten müssen stimmen, die Schicksale berühren, die szenischen Abläufe für die Schauspieler auch zu zweit gut spielbar und fürs Publikum gut nachvollziehbar sein.

Dennoch gab es für Alexander Bräutigam keinen Zweifel daran, dass er das Thema auf die Bühne bringen wollte. Der Großenengliser hatte im März zusammen mit seinem Vater jene Orte in den ehemaligen deutschen Siedlungsgebieten besucht, aus denen seine beiden Großmütter stammten. Und erst da die volle Tragweite des Begriffs Heimatvertreibung begriffen.

Zusammen mit seinem Schauspielkollegen Robin Middeke entwickelte er die Idee und das Skript für das Theaterstück, das sie am Wochenende zeigen. Die beiden recherchierten die Fakten, sprachen mit Zeitzeugen und drehten Videos. Noch ist das möglich, noch gibt es Menschen in der Region, die die Vertreibung vor über 70 Jahren selbst erlebt haben.

Viele der ehemaligen Sudetendeutschen haben in Nordhessen ein gutes neues Zuhause gefunden – auch wenn in den vielen die Sehnsucht nach der alten Heimat nie ganz erloschen ist.

Das Stück beginnt in dem Moment, in dem die Menschen die Nachricht erhalten, dass sie ihr Zuhause aufgeben müssen, es spiegelt die Zeit im Auffanglager wider und berichtet von der Ankunft in den Dörfern – in denen längst nicht überall eine ausgeprägte Willkommenskultur herrschte. Die Neuankömmlinge galten als arme Flüchtlinge, es dauerte, bis sie sich Freunde, einen Arbeitsplatz und einen Platz in der Gemeinschaft erobert hatten.

All das bietet viel Raum für Trauer und Schwermut – aber genau das will das Stück nicht vermitteln. „Wir haben bewusst auf schmerzhafte lange Monologe verzichtet“, sagt Robin Middeke. Natürlich soll das Publikum emotional Anteil nehmen, aber: „Wir führen ja kein Drama auf.“ Der Fokus liege auf der Zuversicht, der Hoffnung auf ein besseres Leben – und nicht auf der Trauer und dem Verlust, sagt Bräutigam. Das alles kommt sehr komprimiert daher.

Der Stoff hätte garantiert für ein dreistündiges Stück gereicht, aber die beiden Schauspieler begrenzen sich auf 70 Minuten. Aber auch die werden reichen, um dem Publikum den Blick auf ein Stück Nachkriegsgeschichte zu öffnen, das nicht allzu häufig im Rampenlicht stand. Und ohne die Unterstützung der Stadt Borken und der Bunten Bühne Großenenglis, sagt Bräutigam, wäre auch dieses Stück nie auf die Bühne gekommen.

Premiere am Freitag:

• Die Premiere findet am Freitag, 30. Juni, statt, weitere Aufführungen am Samstag, 1. Juli, und Sonntag, 2. Juli, bei der Bunten Bühne Großenenglis. Beginn ist um 19.30 Uhr. Tickets: kosten an der Abendkasse 9 Euro, Reservierungen bei der Tourist-Info Borken: Tel. 0 56 82/808-271.

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