30 Jahre Deutsche Einheit

Uttershäuser Autor floh in den 70er-Jahren von Ost- nach Westberlin

In Berlin wiesen Schilder auf die unterschiedlichen Sektoren hin: Michael Meinicke floh in den 70er-Jahren von Ost- nach Westberlin.
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In Berlin wiesen Schilder auf die unterschiedlichen Sektoren hin: Michael Meinicke floh in den 70er-Jahren von Ost- nach Westberlin.

30 Jahre Deutsche Einheit – der heutige Tag geht zahlreichen Menschen, so auch dem Uttershäuser Autor und HNA-Mitarbeiter Michael Meinicke, sehr nahe. Er floh damals aus Ostberlin.

30 Jahre Deutsche Einheit – das wird gefeiert. An musealen Standorten wie Point Alpha. In Dörfern, die geteilt waren. Vor allem jedoch in Berlin. 28 Jahre lang ging hier die Mauer durch Häuser, Straßenzüge und hinein in tiefste, familiäre Schichten. Nach dem Krieg wurde Berlin in einen amerikanischen, französischen, englischen und sowjetischen Bereich gegliedert.

Wer Glück hatte, lebte im freien, im westlichen Teil. Ab Sonntag, 13. August 1961, waren unzählige Familien geteilt. Väter lebten im Osten und arbeiteten im Westen. Großeltern sahen ihre Enkel nie wieder. Da schuftete eine Frau aus dem Ostteil, um für sich und die kleine Tochter eine hübsche Wohnung einzurichten. Alles war fertig. Das Mädchen sollte im Westen eingeschult werden. Es fehlten zwei Ferienwochen.

20 Jahre später floh die junge Frau unter Todesgefahr im Kofferraum eines Fords. Genau wie der Nachbarsjunge aus Weißensee. Auch er hatte bereits eine Wohnung im Westteil. Mit Erfolg würde er nächste Woche seinen Abschluss als Schneider bestehen. Er schwamm über die Spree und bekam einen Schuss ins Genick. Das war am 24. August 1961. Günter Litfin war der erste Mauertote, wie die Ermordeten genannt wurden. Informationen darüber gab es in den gut zu empfangenden Westmedien.

30 Jahre Deutsche Einheit: Die ersten Betonbrocken von der großen Mauer 

Wer beim Hören erwischt wurde, bekam hohe Strafen. Doch vor allem Jugendliche hielten sich nicht daran. So durchlöcherten Beatles und Stones mit musikalischen Salven den Eisernen Vorhang. Das ließ den Alltag oft erträglicher werden.

Freiheit als höchstes Gut: Michael Meinicke als junger Mann mit dem Bulli in Portugal.

Doch die Sehnsucht, Frank Zappa in der Deutschlandhalle zu erleben, stieg ins Unermessliche. So gab es dann die unvorstellbarsten Fluchten zu Wasser, zu Lande und in der Luft.

Allein in Berlin fanden dabei mehr als 200 Menschen einen schrecklichen Tod. Ein historisches Datum war und ist der 9. November, vor allem, was Revolutionen betrifft. 1989 war das herrschende Regime am Ende. Die Mauer fiel. Die Menschen beider Stadthälften umarmten sich. Stunden später gab es diese Befreiungsszenen an der gesamten, innerdeutschen Grenze.

In einer Wohnung am Berliner Schloss Charlottenburg wurde ein Kind erwartet. Die Mutter ruhte. Der Vater hatte die Badewanne ausgebaut, um mit hübschen Kacheln die Wand zu verschönern. Während er mit Hammer und Meißel den Putz abschlug, klingelte es plötzlich. Vor der Tür standen die Verwandten, die Freunde aus dem Ostteil der Stadt. Sie brachten die ersten Betonbrocken, von der großen Mauer ebenfalls mit Hammer und Meißel abgeschlagen.

Die Badwand wurde erst nach zwei Wochen fertig. Aber das Kind begriff seit der Geburt: Wir leben mit Rissen im Beton. 1990 wurden beide Teile Deutschlands auch politisch vereint.

30 Jahre Deutsche Einheit: Kein Krieg seit 1945

Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt: Dieses Bild entstand auf der Westberliner Seite. Auch dort, sagt Meinicke, sei die Zerrissenheit des Landes deutlich zu erkennen gewesen.

Seither wurden ganze Berge von Schwierigkeiten aufgeschüttet und wieder abgetragen. Von den älteren Menschen mit ihren oft grundverschiedenen Erinnerungen. Dafür gibt es aber in einer Demokratie Gesprächsräume jeglicher Art. Zudem weiß jeder, ohne Erinnerungen keine vernünftige Gegenwart und damit keine Zukunft. In vollen Zügen und manches Mal im Flix-Bus genießt die Jugend die heutige Lebenssituation. Sie simsen, chatten und surfen.

Sie lieben die Songs von Mark Forster und Black Eyed Peas und studieren, lernen und arbeiten. Und wer alt danebensteht (will denn niemand aufstehen?), der freut sich, dass es den Nachkommenden besser geht. Probleme, Schwierigkeiten – alles lässt sich regeln und klären.

Nach 30 Jahren Einheit steht kein Bruder dem Bruder in Uniform mit der Waffe im Anschlag gegenüber. Die deutsche Politik kann gedreht und gewendet werden, doch eine Sache wurde richtig gehandhabt, das Wichtigste. Seit 1945 gab es in unserem Land keinen Krieg. Fast ein Wunder.

Zur Person

Michael Meinicke (72) wuchs in Ostberlin auf und lebt seit 1991 in Utterhausen. Nachdem er in politischer Haft saß, floh er 1978 nach Westberlin. Dort studierte er Germanistik, Publizistik und Theaterwissenschaft an der Freien Universität. Meinicke hatte bereits viele Berufe: Er war Direktor an der Umweltbibliothek, arbeitete als Exportkaufmann, Elektriker, Berufsmusiker und Lehrer. Seit 2001 ist er bei der HNA Freier Mitarbeiter. Er ist Zeitzeuge, hat einen Sohn (19) und eine Tochter (28).

Von Michael Meinicke

30 Jahre Deutsche Einheit: Der Schwalm-Eder-Kreis profitierte

Nach jahrzehntelanger Teilung sind Ost und West heute seit 30 Jahren eine Einheit – das Zusammenwachsen dauert aber bis heute an. Der Schwalm-Eder-Kreis profitierte vom Mauerfall, so Landrat Winfried Becker im HNA-Gespräch. Denn mit der Wiedervereinigung rückte der Landkreis in die Mitte Deutschlands. Und ist damit auch zu einer Drehscheibe geworden – unter anderem für Logistiker. Neue Gewerbegebiete wie in Knüllwald-Remsfeld und bei Malsfeld sind entstanden, so Stephan Bürger, Pressesprecher des Kreises.

Bereits 1989, ein Jahr bevor das Land wiedervereint wurde und die Mauer fiel, hatte sich der Schwalm-Eder-Kreis auf Menschen aus dem Osten vorbereitet – schon Anfang Mai, als Ungarn die Grenzen zu Österreich öffnete.

„Der Schwalm-Eder-Kreis hatte mit der Flüchtlingswelle schon vorher viel zu tun“, sagt Historiker Thomas Schattner aus Wabern. „Das hat unsere Gegend schnell erreicht.“ Schon am Vorabend des 9. November 1989, dem Tag, an dem die Mauer fiel, verzeichneten die Quartiere in Fritzlar 300 aus der DDR Geflüchtete und in Schwarzenborn 1098 Menschen. Am 11. November, einem Samstag, hätten die Gemeinden Einreisenden Begrüßungsgeld ausgezahlt. Für das Homberger Autohaus am Kreisel bedeutete der Mauerfall eine Menge Umsatz: „Das Autohaus war zu Beginn des Jahres 1990 komplett leer gekauft“, erzählt Schattner.

30 Jahre Deutsche Einheit: Dutzende Trabis am nordhessischen Grenzübergang

Clemens Lohmann, ehemaliger Fritzlarer Stadtarchivar, erinnert sich daran, dass sich am nordhessischen Grenzübergang dutzende Trabis aneinanderreihten. Drinnen saßen Menschen, die Freunde und ihre Familien besuchen wollten.

Nach der Ankunft im Kreis wurde den Menschen im Einwohnermeldeamt eine Unterkunft in den Obdachlosenunterkünften der Kommunen vermittelt. Danach meldeten sich die Mitbürger aus der DDR bei den Stellen des Sozialamtes, so Bürger. Bis heute unterhalten Kommunen im Kreis Beziehungen in den Kyffhäuser Kreis in Thüringen, darunter Bad Zwesten, Knüllwald, Melsungen und Frielendorf.

Quartiere für aus der DDR Geflüchtete

Im Schwalm-Eder-Kreis entstanden nach dem Mauerfall drei größere Quartiere, in denen die Menschen aus der Deutschen Demokratischen Republik aufgenommen werden konnten: Auf dem Gelände der Fritzlarer Bundeswehr gab es für 350 Menschen Platz, die Kaserne in Schwarzenborn war für 800 Geflüchtete ausgelegt, am Silbersee konnten 600 Menschen aufgenommen werden, berichtet Historiker Thomas Schattner. 

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