Mehr als 42.000 Facebook-Fans und Konzerte in 25 Ländern

Jan Hoffmann aus Harle spielt in der bekanntesten unbekannten Band Deutschlands

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Als Musiker ist er mit lauter Musik erfolgreich, privat mag er es aber gern ruhig: Bassist Jan Hoffmann auf der Bühne mit seiner Band Long Distance Calling (links) und beim Wandern.

Mit seiner Band Long Distance Calling tritt Jan Hoffmann aus Wabern-Harle bei Rock am Ring und in Wacken auf. Dabei schien seine Musikkarriere schon zu Ende, bevor sie richtig begonnen hatte.

Mit seiner Postrock-Band Long Distance Calling tritt Jan Hoffmann aus Wabern-Harle bei Rock am Ring und in Wacken auf. Dabei schien die Musikkarriere des Nordhessen schon zu Ende, bevor sie richtig begonnen hatte.

Gerade hat sich Jan Hoffmann gefragt, was wohl sein ehemaliger Pfarrer aus Harle dazu sagen würde, dass er heute sehr erfolgreich in einer Rockband spielt. Vor mehr als 20 Jahren probte er mit seiner damaligen Metal-Formation Discordance im Jugendraum des Waberner Ortsteils. Der Pfarrer kam hinein und bemerkte in der Luft etwas, das nicht nach Weihrauch, sondern nach einem Joint roch. Wenig später hatten die Nachwuchsmusiker keinen Proberaum mehr.

Die Kifferphase hat Hoffmann längst hinter sich gelassen. Auch seine Formation Discordance gibt es seit fast zwei Jahrzehnten nicht mehr. Dafür ist der 44-Jährige als Bassist Mitglied in der vielleicht bekanntesten unbekannten Band Deutschlands. Seine Gruppe Long Distance Calling ist stilprägend im Genre Postrock. Das in Münster und Dortmund beheimatete Quartett wurde bei Rock am Ring gefeiert und trat voriges Jahr in Wacken auf beim größten Festival der Welt für Metal und andere harte Spielarten der Rockmusik.

Nach sechs Alben haben Long Distance Calling mittlerweile mehr als 42.000 Facebook-Fans. Das ist beachtlich für ein Genre, mit dem die meisten hierzulande kaum etwas anfangen können. Wenn der Wahl-Dortmunder Hoffmann in seinem Heimatdorf Harle gefragt wird, was er denn eigentlich für eine Musik mache, antwortet er: "atmosphärische Instrumentalmusik mit langen Songs und viel Dynamik zwischen laut und leise." Wenn Pink Floyd sowohl eine Grunge-,als auch eine Speed-Metal-Band wären, würden sie sich wohl so anhören wie Long Distance Calling.

Hoffmanns Karriere ist auch deshalb so ungewöhnlich, weil er dachte, dass sie bereits zu Ende sei, bevor sie richtig begonnen hatte. Anfang der Nullerjahre zog er nach einigen Semestern Politik in Kassel und einem Studium der Medienwissenschaften in Marburg für ein Praktikum bei einer Plattenfirma nach Dortmund. Weder mit Discordance noch mit der Nachfolge-Band Dogday hatte er so viel Erfolg, dass man hätte ahnen können, aus dem Hobby könnte einmal ein Beruf werden.

"Ich hatte schon abgeschlossen mit der Musik", sagt Hoffmann heute. Er war bald Promo- und Marketing-Manager bei der Plattenfirma geworden und traf sich hin und wieder zum Jammen mit Kumpels. Daraus entstand Long Distance Calling. Es war ein "reines Spaßprojekt", wie Hoffmann sagt, aber schon die erste Veröffentlichung wurde "Demo des Monats" in den Fachmagazinen "Rock Hard" und "Visions".

Mittlerweile sind Long Distance Calling nicht nur Kritikerlieblinge, sondern auch durch 25 europäische Länder getourt. Selbst in Russland traten die Westfalen in vollen Clubs auf. Trotzdem haben alle vier Band-Mitglieder noch andere Jobs. "Wir wollen nicht von unserer Band abhängig sein, denn wenn Musik Arbeit wird, leidet schnell die Qualität", sagt Hoffmann.

Long Distance Calling: Boundless

Ist ein neues Album erschienen wie im vorigen Jahr "Boundless", kann der Vater eines Sohnes gut davon leben, wie er vorrechnet, "aber im zweiten Jahr wird es eng". Mittlerweile arbeitet er nicht mehr bei der Plattenfirma, er hat sich als Berater für junge Bands selbstständig gemacht. Für sie sucht er Plattenfirmen, Konzertagenturen und Verlage. Im Prinzip ist er ein Manager, auch wenn er das nie so sagen würde: "Ich mag den Begriff nicht."

In den vergangenen zehn Jahren hat er auf diese Weise mehr als 100 Bands bei ihren ersten Karriereschritten begleitet. Er erklärt den Nachwuchsmusikern, dass man mittlerweile auch mit Streamingdiensten wie Spotify Geld verdienen kann. Vielleicht erzählt er manchmal auch von früher und seinen Anfängen in der nordhessischen Provinz, wo Death Metal für ihn und seine Freunde zur Gegenkultur wurde: "Wir waren die langhaarigen Außenseiter. Immer wenn im Dorf was Blödes passiert war, sollten wir es gewesen sein." Heute vermisst Hoffmann Harle. Einmal im Monat besucht er Eltern und Freunde dort: "Man bekommt den Jungen aus dem Dorf, aber das Dorf nie aus dem Jungen.“

Bevor Long Distance Calling in diesem Sommer beim Burg-Herzberg-Festival gastieren, tritt die Band im Frühjahr in Kulturkirchen in Hamburg und Köln auf. Die ehemaligen Gotteshäuser werden bestuhlt sein, und der Sound soll Dolby-Surround sein. Gekifft wird mit einiger Sicherheit nicht. Das könnte auch Pfarrern gefallen.

Long Distance Calling im Netz

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