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Christa Eckhardt (69) aus Harle hat eine gespendete Lunge

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Von: Christina Zapf

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Berthold Eckhardt und seine Frau Christa Eckhardt: Gemeinsam haben sie die schwere Zeit vor und nach der Lungentransplantation durchgestanden.
Berthold Eckhardt und seine Frau Christa Eckhardt: Gemeinsam haben sie die schwere Zeit vor und nach der Lungentransplantation durchgestanden. © Christina Zapf

Christa Eckhardt aus Harle hat ein zweites Leben geschenkt bekommen. 2020 haben Ärzte ihr eine Lunge transplantiert. Ohne diese würde die heute 69-Jährige vermutlich nicht mehr leben.

Harle – „2014 hat es angefangen“, erinnert sich Christa Eckhardt. Damals wurde bei ihr eine Lungenentzündung diagnostiziert. Da diese trotz einer Behandlung mit Antibiotika nicht besser wurde, verwies ihr Hausarzt sie an einen Lungenfacharzt (Pneumologe). Dieser schickte sie in die Lungenfachklinik in Immenhausen. Dort erhielt sie die Diagnose Lungenfibrose – funktionierendes Lungengewebe wird schrittweise durch funktionsloses Bindegewebe (ähnlich einem Narbengewebe) ersetzt. Nun wusste sie auch, was die Ursache dafür war, dass sie schon seit Längerem beispielsweise beim Treppenlaufen schlecht Luft bekam.

Es folgte eine Sauerstofftherapie. Ein Behälter mit flüssigem Sauerstoff, den sie über Schläuche inhalierte, war ihr ständiger Begleiter. „Anfangs konnte ich noch laufen und am Leben teilhaben“, sagt Christa Eckhardt. Doch ihr Zustand verschlechterte sich über die Jahre. Schließlich war sie auf einen Rollstuhl angewiesen. „2019 habe ich meistens gelegen.“ Ihr Mann Berthold kümmerte sich um sie, zog sie beispielsweise an, und er übernahm alle Hausarbeiten. Pro Woche benötigte Christa Eckhardt 120 Liter flüssigen Sauerstoff. „Überall waren Schläuche, es war eine schlimme Zeit“, sagt sie. Nachts habe sie sogar ein Beatmungsgerät gebraucht, dass das CO2 aus der Lunge pumpte, so Tochter Sandra Faupel.

Klinik in Bad Oeynhausen ist auf Herz und Lunge spezialisiert

In einem Urlaub traf Christa Eckhardt einen Mann, der ebenfalls Lungenfibrose hatte. Er machte sie auf eine Klinik in Bad Oeynhausen (Nordrhein-Westfalen) aufmerksam, die auf die Organe Herz und Lunge spezialisiert ist. Dort werden Lungen transplantiert. Zuvor wurde Christa Eckhardt von diesem Schritt unter anderem aufgrund ihres Gewichts und ihres Alters abgeraten.

Im Februar 2020 stellte sie sich in Oeynhausen vor. Dann musste sie für etliche Untersuchungen im März für drei Wochen dortbleiben. „Sie haben geschaut, ob sie ihrem Alter entsprechend fit ist“, sagt Sandra Faupel. Ende März 2020 wurde Christa Eckhardt dann auf die Lungentransplantationsliste gesetzt. „Mit Dringlichkeitsstufe 1“, sagt die 69-Jährige.

Dass ihre Lunge ziemlich hinüber war, zeigte sich im Sommer 2020. Mit einem Rettungswagen kam sie ins Krankenhaus nach Bad Wildungen, weil ihre Lunge zusammengefallen war. Zwei Tage später brachte sie ein Intensivmobil nach Bad Oeyenhausen. Dort lag sie dann auf der Intensivstation – bis zum 5. August 2020. An diesem Tag war es so weit: Sie bekam eine Lunge transplantiert. Zwölf Stunden habe der Eingriff gedauert. Es folgten drei Tage im künstlichen Koma.

Ihre Muskeln hatten sich zurückgebildet

Danach ging es, wenn auch langsam, bergauf. Obwohl Christa Eckhardt eigentlich wieder frei atmen konnte, wollte sie in der ersten Zeit nach der Transplantation noch weiterhin flüssigen Sauerstoff. „Ich hatte so Angst, dass ich ersticke“, sagt Christa Eckhardt. Nach und nach wurde sie dann jedoch sicherer und konnte schließlich ohne Schläuche und Sauerstofftank von Oeynhausen in die Reha nach Bad Lippspringe (NRW) wechseln. „Ich musste mich zurück ins Leben kämpfen. Ich konnte nicht mehr Laufen.“ Durch das viele Liegen vor der Transplantation hatten sich ihre Muskeln zurückgebildet. Anfangs war sie auf 36 Tabletten am Tag angewiesen, heute seien es noch 26. „Die muss ich mein Leben lang einnehmen“, sagt sie. Nur so werde die Lunge nicht abgestoßen. Wobei das Risiko dafür nach zwei Jahren geringer sei, als in der ersten Zeit nach der Transplantation.

Heute sagt Christa Eckhardt: „Ich kann wieder das Leben genießen.“ Ein wesentlicher Faktor: Ihre Mobilität – sie kann wieder laufen, auch wenn sie für weitere Wege einen Rollator nutzt. Die 69-Jährige ist dankbar, dass ihre Familie sie immer unterstützt. „Sie passen auf mich auf und sorgen für mich. Alleine hätte ich das nicht geschafft.“

Vor und nach der Lungentransplantation ist Vorsicht geboten

Christa Eckhardt aus Harle hatte Glück, dass sie eine neue Lunge bekommen hat. Obwohl es ihr dank dieser wieder gut geht, sei weiterhin Vorsicht geboten.

„Ich muss sehr darauf achtgeben, dass meiner Lunge nichts passiert“, sagt die 69-Jährige aus Harle. Unter anderem dürfe sie nicht alles essen. „Ähnlich wie eine Schwangere.“ So müsse sie auf Gehacktes, Räucherlachs und Eis aus der Eisdiele verzichten. Auch dürfe sie weder Katzen halten noch echte Blumen in der Wohnung haben.

Durch die Corona-Pandemie ist Christa Eckhardt bislang gut gekommen. Als sie im Spätsommer 2020 in der Reha in Bad Lippspringe war, seien die Besuchsregeln gelockert gewesen, sodass Familienmitglieder sie sehen durften. Wenig später wäre das nicht mehr möglich gewesen.

Mein Mann und ich hatten noch kein Corona.

Christa Eckhardt

Zu Hause musste sie sich in der ersten Zeit nach der Reha noch komplett abschotten. „Keiner durfte rein, wir mussten uns schützen“, sagt die 69-Jährige. Die Folge: Ihre Kinder und Enkelkinder sah sie nur am Fenster.

Auch wenn dem nicht mehr so ist, versucht die 69-Jährige eine Infektion mit dem Coronavirus zu vermeiden. „Innenräumen mit vielen Menschen muss man sich nicht aussetzen“, sagt sie. Bislang hat sich ihre Vorsicht ausgezahlt. „Mein Mann und ich hatten noch kein Corona“, sagt Christa Eckhardt.

Heiligabend 2020 und 2021 traf die Familie Vorkehrungen, um das Ansteckungsrisiko für Christa Eckhardt gering zu halten. So fand die Familienfeier im Garten unter einem offenen Pavillon statt. „Wir sind zwölf Personen“, sagt sie. Christa und Berthold Eckhardt haben drei Töchter und vier Enkel.

Dreimal im Jahr muss die 69-Jährige zu Kontrolluntersuchungen in die Klinik in Oeynhausen. Dort hat sie Antikörper gegen das Coronavirus gespritzt bekommen, da die Schutzimpfungen bei ihr aufgrund der Immunsuppressiva – Medikamente, die das Immunsystem unterdrücken – nicht anschlugen.

Christa Eckhardt ist ihrem Spender und seinen Angehörigen dankbar

Auch wenn die Kräfte von Christa Eckhardt nach wie vor begrenzt sind, gehe es ihr im Vergleich zur Zeit vor der Lungentransplantation „richtig gut“. „Sie muss nicht mehr daran denken: ‘Reicht der Sauerstoff’?“, sagt ihre Tochter Sandra Faupel. Menschen, die wie der Schlagersänger Roland Kaiser bei einer Lungentransplantation noch jünger seien, könnten danach fast ohne Einschränkungen leben.

Ihrem Spender und seinen Angehörigen ist Christa Eckhardt sehr dankbar. Sie und ihre Familie würden sich wünschen, dass in Deutschland ein Organspendeausweis zum Standard wird. Und: Ähnlich wie nach einer Stammzellenspende, bei der man den Spender zunächst anonym kontaktieren und nach zwei Jahren kennenlernen kann, könne sie über die Stiftung Eurotransplant mit Sitz im niederländischen Leiden anonym Kontakt mit der Familie des Organspenders aufnehmen, so die 69-Jährige.

Im Rückblick sagt Christa Eckhardt: „Ich bin froh, dass ich es habe machen lassen.“ Die Entscheidung sei ihr jedoch nicht leicht gefallen. „Ich hatte richtig Angst vor der Operation.“ Doch nun hat sie gute Chancen, mit der neuen Lunge mindestens zehn weitere Jahre leben zu können.

Selbsthilfegruppen sind wichtige Stütze für Patienten

Der Verein Deutsche Sauerstoff-und-Beatmungs-Liga (LOT) hat mehrere regionale Selbsthilfegruppen. Bis Ende 2021 gab es auch in Kassel eine Gruppe. Diese hatte einen großen Einzugsbereich. Christa Eckhardt aus Harle war, solange sie noch konnte, bei den monatlichen Treffen im Stadtteilzentrum Agathof dabei. Zusätzlich trafen sich die Mitglieder einmal im Monat zu einem kleinen Spaziergang mit Kaffeepause.

Die LOT-Selbsthilfegruppen richten sich an Menschen, die an einer Erkrankung leiden, die zu einer Sauerstofflangzeit-Therapie (LOT - “long term oxygen therapy“) führt. Diese ist nötig, wenn eine chronische Erkrankung der Lunge oder des Herzens vorliegt, die Sauerstoffmangel im Blut verursacht. Dann erhält der Patient Sauerstoff, meist rund um die Uhr, als lebenserhaltende Maßnahme. Sauerstoff verbessert seine Leistungsfähigkeit und Mobilität und lässt ihn teilweise noch am öffentlichen Leben teilhaben.

Edda Kulpe aus Lohfelden ist bei der Deutsche Sauerstoff-und-Beatmungs-Liga  bundesweit noch bis 31. Dezember zuständig für die Angehörigenberatung, dann übernimmt ihre Nachfolgerin das Amt. Gerhard Kulpe war der Leiter der Selbsthilfegruppe in Kassel. Nach dem Tod ihres Mannes Anfang 2021 führte Edda Kulpe die Gruppe, in der Hoffnung auf einen neuen Leiter, bis zu ihrer Auflösung Ende 2021 weiter. Derzeit treffen sich die einstigen Mitglieder, wenn, nur noch privat auf einen Kaffee. Würde sich ein neuer Leiter finden, könnte die Selbsthilfegruppe wieder aktiviert werden, so Edda Kulpe. Eine weitere LOT-Gruppe gibt es nicht in Nordhessen. Die nächsten Angebote sind in Frankfurt, Limburg, Leipzig und Dorsten. (Christina Zapf)

Kontakt: KISS – Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen in Kassel Tel. 05 61/8 16 44-2 22, E-Mail-Adresse kiss@kassel.de.

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