Interview

Fastenbrechen wieder nur im Kleinen - Imam berichtet von Verzicht in der Krise

Kann dem Ramadan in Coronazeiten auch Positives abgewinnen: Imam Sohaib Nasir von der Ahmadiyya-Gemeinde in Wabern.
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Kann dem Ramadan in Coronazeiten auch Positives abgewinnen: Imam Sohaib Nasir von der Ahmadiyya-Gemeinde in Wabern.

Ein Gespräch mit Imam Sohaib Nasir von der Ahmadiyya-Gemeinde in Wabern zum Fastenmonat Ramadan im Zeichen der Pandemie.

Ramadan ist der neunte Monat im islamischen Mondkalender. Im Islam gilt er als Fastenmonat, in dem es gläubigen Muslimen nicht erlaubt ist, zwischen Morgendämmerung und Sonnenuntergang zum Beispiel Nahrung oder Getränke zu sich zu nehmen – in diesem Jahr vom 13. April bis zum heutigen 12. Mai.

Was bedeutet Ramadan für Sie persönlich?
Der Ramadan ist ein sehr spezieller Monat für alle Muslime. Man freut sich bereits im Vorfeld und bereitet sich seelisch und körperlich darauf vor. Der Monat bringt sehr viele Segnungen mit sich und wir als Muslime versuchen, von all diesen Segnungen zu profitieren. Für mich persönlich, aber ich denke auch für alle anderen Muslime, ist dieser Monat dazu da, um Kraft zu tanken für die restlichen elf Monate des Jahres. Fasten heißt nämlich nicht nur hungern und dursten, sondern vielmehr, dass die Bindung zu Gott gestärkt wird.
Das Ende des Fastenmonats wird mit einem großen Fest gefeiert, an dem zahlreiche Menschen teilnehmen. Wie beurteilen Sie den sozialen Aspekt des Ramadans in Zeiten der Pandemie?
Zum Abschluss des Monats findet das sogenannte „Id-ul-Fitr“ statt, das normalerweise auf einem Festplatz oder hierzulande in Moscheen zelebriert wird, indem man ein gemeinsames Gebet verrichtet. Unter normalen Umständen laden wir auch gern dazu ein. In den vergangenen Jahren haben wir sogenannte Iftar (Fastenbrechen)-Empfänge in den Moscheen veranstaltet, bei denen der Monat Ramadan mit Vorträgen vorgestellt wurde und die Zuschauer ein Fastenbrechen live in der Moschee miterleben durften. In diesem Jahr wurde von unserer Jugendorganisation ein nationales virtuelles Iftar-Event veranstaltet, dem viele Gäste online beiwohnten. Außerdem fanden auch hier in der Region Online-Vorträge statt, in denen die Philosophie des Ramadan detailliert erläutert wurde. Im Ramadan steht die Gemeinschaft im Vordergrund und mit solchen Events wird die Gemeinschaft in der Gesellschaft stark gefördert.
Wie sieht das Fest in diesem Jahr im Zeichen des Virus aus?
Es wird klein ausfallen, wie bereits im vergangenen Jahr. Wegen der Abstandsregeln kann nur eine begrenzte Anzahl Menschen die Moschee besuchen. Außerdem muss auf größere private Zusammenkünfte verzichtet werden, damit wir die Gesundheit aller Bürger gewährleisten können. Nichtsdestotrotz kann das Gebet auch mit der Familie zu Hause verrichtet werden, somit bleibt die spirituelle Gemeinschaft bestehen und jeder kann von den Segnungen des Id-ul-Fitr-Festes profitieren.
Inwieweit mussten Sie sich generell im Ramadan aufgrund der Pandemie einschränken?
Im vergangenen Jahr waren unsere Moscheen zum Ramadan noch geschlossen. Wir sind sehr glücklich, dass wir dieses Jahr die Möglichkeit haben, die Gebete in der Moschee zu verrichten. Die Vorträge und Kurse werden mittlerweile online abgehalten. Somit kann jeder ganz bequem von zu Hause aus davon profitieren. Viele haben die Situation genutzt, um zuhause eine schöne Atmosphäre zu erschaffen und die Gebete gemeinsam mit der Familie zu verrichten.
Ist die coronabedingte Isolation dem Ramadan in manchen Aspekten vielleicht sogar dienlich, etwa bei der Konzentration auf den Glauben?
Der momentanen Situation kann auf jeden Fall auch Positives abgewonnen werden, so wurde etwa die Gemeinschaft in der Familie noch mal gestärkt. Außerdem soll man sich im Ramadan voll und ganz auf die Gebete konzentrieren. So isolieren sich viele Muslime in den letzten zehn Tagen des Ramadan von der Außenwelt und intensivieren ihre Gebete. Dies ist in der momentanen Situation einfacher zu organisieren als in den Jahren zuvor. In der freien Zeit, die man heutzutage hat, sollte man sich mit dem Studium des Heiligen Koran beschäftigen. So versuchen viele Muslime, einen kompletten Durchlauf des Heiligen Koran im Monat Ramadan zu vollenden. Auch dies ist mit Homeoffice einfacher als in den Jahren zuvor.
Wie hat sich in diesem Jahr die fehlende Gemeinschaft ausgewirkt, gibt es hierzu offizielle Regeln?
Natürlich fehlen das gemeinsame Fastenbrechen und auch die freiwilligen Nachtgebete in der Moschee. Das gehört einfach zum Ramadan dazu. Die Moschee wurde in diesem Jahr nur für die Pflichtgebete genutzt. Wir haben unser Bestmögliches versucht, die gemeinschaftliche Atmosphäre im Ramadan in die Häuser zu verlagern. Die Online-Events haben trotzdem ein Gemeinschaftsgefühl ermöglicht. Außerdem wurde durch persönliche Anrufe der Kontakt zu den Gemeindemitgliedern aufrechterhalten. Seit dem Coronavirus wird darauf geachtet, dass nur gesunde Menschen zu den Gebeten in die Moschee kommen. Kinder und Ältere sollen die Gebete zu Hause verrichten.

Hintergrund

Die Ahmadiyya Muslim Jamaat (AMJ) ist eine Religionsgemeinschaft, die 1889 in Indien gegründet wurde. Sie versteht sich als Reformbewegung des Islam und sieht ihren Gründer Hazrat Mirza Ghulam Ahmad als Messias. Viele andere Muslime lehnen die Ahmadiyya-Lehre ab. Deshalb werden ihre Anhänger in einigen Ländern sogar verfolgt. Die AMJ hat deutschlandweit nach eigenen Angaben rund 40 000 Mitglieder in 225 Gemeinden. 2008 gründete sie als erste muslimische Gemeinschaft in Deutschland ein Ausbildungsinstitut für Imame in Riedstadt. zhf

Von Sascha Hoffmann

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