Historische Worte an der Wand

Graffiti erzählt Geschichte: Arbeiten in Wabern erinnern an die Friedensbewegung

An der Waberner Raiffeisenstraße wurde ein historisches Graffiti entdeckt: Die Worte „Reagan verrecke“ sollten offensichtlich die Politik des US-Präsidenten Ronald Reagan der 1980er-Jahre kritisieren.
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An der Waberner Raiffeisenstraße wurde ein historisches Graffiti entdeckt: Die Worte „Reagan verrecke“ sollten offensichtlich die Politik des US-Präsidenten Ronald Reagan der 1980er-Jahre kritisieren.

Bei Renovierungsarbeiten an der Waberner Raiffeisenstraße tauchte jetzt hinter einer weißen Hartfaserplatte, die zuvor jahrzehntelang zu Werbezwecken genutzt wurde, ein drastisches historisches Graffiti auf, das die Politik des 40. US-Präsidenten Ronald Reagan (1981 bis 1989) scharf kritisiert.

Wabern – Das Graffiti erinnert an bedeutsame Jahre der Vergangenheit: Reagan kam am 20. Januar 1981 in einer Zeit ins Amt, in der in der alten Bundesrepublik die Friedensbewegung immer stärkeren Zulauf bekam, weil immer mehr Menschen große Angst davor hatten, dass sich die Spannungen zwischen den beiden Supermächten USA und der Sowjetunion in einem Atomkrieg entladen könnten.

Reagan verschärfte diese Spannungen noch rhetorisch, in dem er davon sprach, dass die UdSSR „das Reich des Bösen“ sei. In diesem Kontext ist vermutlich das Waberner Graffiti entstanden. Denn Reagan wurde immer mehr zum Feindbild der Friedensbewegung. Er erlaubte sich während einer Mikrofonansprache den als unglaublich makaber empfundenen Scherz, dass er gerade die Bombardierung der Sowjetunion angeordnet habe.

Das Foto zeigt eine Friedensdemonstration in Fritzlar am Domplatz in den 1980er-Jahren.

Vor diesem Hintergrund entstanden auch im Kreisgebiet im Jahr 1981 zahlreiche friedenspolitische Aktivitäten. So wurde der 24. Oktober in Fritzlar zu einem Tag ausgerufen, der unter dem Motto „Schweigen statt demonstrieren“ stand. Ziel war, den Protest gegen das 25-jährige Bundeswehrjubiläum in der Domstadt still zu artikulieren.

Des Weiteren organisierte die evangelische Jugend im Kirchenkreis Fritzlar eine Friedenswoche. Wenig später bildete sich in Gudensberg ein Arbeitskreis „Initiative Friedenswoche“. Außerdem gab es in Fritzlar eine Schweigestunde für die Toten der beiden Weltkriege, die Toten von Hiroshima und Nagasaki sowie für die Menschen, die irgendwo in der Welt durch von uns produzierte Waffen gestorben sind und noch sterben werden. Dazu wurde auf dem Marktplatz das Theaterstück „Das Gleichgewicht des Schreckens“ aufgeführt.

Mittendrin fuhren zahlreiche friedensbewegte Menschen aus dem Kreisgebiet am 10. Oktober 1981 zu einer Großdemonstration in die alte Hauptstadt Bonn. Dort kamen im Bonner Hofgarten 300 000 Menschen zusammen, unter ihnen zahlreiche Oberstufenschüler der Homberger Theodor-Heuss-Schule. Die Bonner Demonstration bildete den Auftakt zu den Großdemonstrationen der Jahre 1981 bis 1983 gegen den NATO-Doppelbeschluss. Dieser führte zwar zuerst zu einer Aufrüstung im Bereich der atomar bestückbaren Mittelstreckenraketen in Europa, aber danach setzte sich auch bei Amerikanern und Sowjets die Vernunft durch. Im Jahr 1987 schlossen die beiden Supermächte einen Abrüstungsvertrag. Mit dem IMF-Vertrag wurden die Mittelstreckenwaffen in Europa abgeschafft.

Es wäre vermessen zu glauben, dass dies der Friedensbewegung zu verdanken gewesen wäre. Aber sie hielt den öffentlichen Druck aufrecht und thematisierte über all die Jahre hindurch den Wahnsinn der atomaren Rüstungsspirale. So wurde auch im Lokalen weiter protestiert, vor allem gegen das US-Atomwaffenlager in Schwalmstadt-Rörshain. Dort wurde unter anderem im September 1983 vor den Toren des Waffenlagers ein Friedenscamp abgehalten. Gleichzeitig wurde später erst deutlich, dass oft auch die US-amerikanische Geheimhaltung derart gut funktionierte, dass auch die Friedensaktivisten im Kreisgebiet nicht alle militärischen Anlagen kannten. Das galt auch für den „Semmelberg“ unweit von Schwarzenborn an der Kreisgrenze zum Kreis Hersfeld-Rotenburg, wo die Amerikaner eine Flugabwehrraketen-Stellung in Betrieb hatten. (Thomas Schattner)

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