„Leben und Tod“ beschäftigt sie seit ihrem Studium.

„Mama geht es gut im Himmel“: Pfarrerin über Trauerarbeit von und mit Kindern

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Sie haben einen Sarg bemalt: (von links) Adrian Jonderko, Kyra Kurz, Lukas Hartung, Maja Zerbes, Mila Ziegler, Bestatter Björn Wille, Karl Heimel, Henry Krimmel, Aaron Sperber, Bestatterin Corina Rau und Justus Vonhold. 

Abschied, Sterben und Tod: Als sie das Thema für die Kinderbibeltage festgelegt hatte, zweifelte Pfarrerin Sabine Koch aus Hebel kurz. 

Ihre Befürchtung: Abschied, Sterben und Tod, sind keine Themen, für die Eltern ihre Kinder anmelden würden. „Ich dachte, es kommt niemand“, sagt sie und weiß heute, dass das Gegenteil der Fall ist. Für die Kinderbibeltage am Wochenende gab es sogar eine Warteliste – 45 Kinder von fünf bis elf Jahren haben mitgemacht. „Die Eltern haben sich gefreut, dass wir das Thema behandeln.“ Ein Gespräch mit der Beauftragten für Öffentlichkeitsarbeit im Kirchenkreis Fritzlar-Homberg über die Trauerarbeit von und mit Kindern.

Sabine Koch (50) geboren in Laudenbach (Werra-Meißner-Kreis), ist seit 2004 Pfarrerin in Hebel und Beauftragte für Öffentlichkeitsarbeit im Kirchenkreis Fritzlar-Homberg. Das Thema „Leben und Tod“ beschäftigt Sabine Koch bereits seit ihrem Studium. Es ist ihr ein Anliegen, das Thema zu enttabuisieren und in die Öffentlichkeit zu bringen. Koch ist Mitglied des Chores Die Knurrhähne. Sie ist verheiratet mit Timo Koch, das Paar hat eine Tochter und lebt in Hebel.

Warum sollten sich schon Fünfjährige mit dem Tod beschäftigen?

Der Zeitpunkt kann nicht früh genug sein. Geboren werden und sterben hängen eng zusammen. Es ist ein Trugschluss, wenn man glaubt, man darf Kinder noch nicht mit dem Thema belasten. Überhaupt haben sie oft kein Problem mit dem Thema Tod. Berührungsängste haben eher Eltern. Viele Erwachsene möchten sich nicht damit beschäftigen und versuchen, Tod und Abschied aus ihrem Leben zu verdrängen.

Ist das bei Kindern anders?

Ja, sie wollen beteiligt werden. So war es auch kürzlich, als ich den Großvater eines Kindes aus der Jungschargruppe beerdigt habe. Das Kind ist in erster Reihe, direkt nach der Urne gegangen und hat Blumen getragen. 

So erlebe ich es auch in meinem eigenen Empfinden: Denke ich an die Beerdigungen meiner beiden Großväter – die erste war in den 80er Jahren, die zweite zehn Jahre später -, dann war es so, dass ich als Achtjährige bei der ersten völlig rausgehalten wurde. Ich konnte nicht richtig Abschied nehmen, habe das bis heute nicht verarbeitet. Zehn Jahre später war das anders – da durfte ich sogar den Sarg schmücken, das tat mit gut.

Also raten Sie, Kinder mit zur Beerdigung gehen zu lassen?

Ich ermutige Eltern, die Kinder zur Beerdigung mitzubringen. Es ist ein Trugschluss, dass man ihnen das nicht zumuten kann. Aber: Es ist auch ein guter Tipp, die Kinder zu fragen, was sie wollen. Wenn sie sich wehren, dann sollte man auch ihr Nein akzeptieren.

Wie gestalten Sie Trauerfeiern, wenn Kinder dabei sind?

Ich gehe bei der Predigt auch auf sie und ihre Fragen ein. Also: Wo ist der Opa jetzt? Ich sage aber auch, dass ich manches nicht weiß und auch nicht immer alles verstehe, was Gott macht.

Wie spricht man mit Kindern über das Sterben?

Es gibt richtig gutes Material für Kinder, das dabei hilft, die richtigen Worte zu finden. Zum Beispiel das Buch „Der rote Faden“. Man fängt da an, wo Kinder dem Thema begegnen, in ihrer Erlebniswelt.

Ab wann haben Kinder eine Vorstellung vom Tod?

Wir haben Kinder ab fünf Jahren eingeladen. Vermutlich können sie noch nicht den Tod in seiner Gänze begreifen, aber sie können Berührungsängste verlieren. In dem Alter werden die schon durch Erwachsene aufgebaut. Denn Kinder haben die ja gar nicht. Finden sie einen toten Vogel, gehen sie ganz natürlich damit um – sie fassen ihn an, wollen ihn begraben.

Trauern Kinder anders?

Sie trauern im Moment des Verlustes ganz intensiv, aber auch kurz. Sie zeigen ihre Gefühle offen – können, schreien, weinen und den Tod beklagen. Aber auch am nächsten Tag wieder auf dem Spielplatz lachen und toben. 

Es können dann immer wieder Phasen der Trauer kommen. Damit sollten Erwachsene offen umgehen und zugeben, wenn sie selbst nicht weiter wissen und traurig sind. Es ist okay, wenn man traurig ist. So können Kinder ihre Trauer auch besser verarbeiten.

Aber was ist, wenn Eltern mit der Trauer ihrer Kinder überfordert sind?

Man kann sagen, dass man keine Antwort auf das hat, was gerade passiert. Dass man gemeinsam traurig ist. Es ist aber ebenso wichtig, sich Hilfe zu holen, wenn es ein Dauerzustand wird.

Wie erklärt man Kindern einen Todesfall?

Es fängt schon in der Sterbebegleitung an. Es ist wichtig, füreinander da zu sein. Auch hier gilt: ehrlich ansprechen, dass jemand sterben wird. Ist das erst mal ausgesprochen, traut man sich eher, über Ängste zu reden und über Dinge, die noch getan werden sollten. Das kann befreiend sein.

Was sollte man ganz konkret sagen?

Formulierungen, die gefährlich sein können, sind: Die Oma ist jetzt eingeschlafen. Oder: Er ist von uns gegangen. Kinder wollen dann nicht mehr einschlafen, weil sie Angst haben, nicht mehr aufzuwachen. Ich finde es wichtig, auszusprechen, dass jemand tot ist. Ganz elementar ist es aber auch, Hoffnung aufzuzeigen und im Gespräch zu bleiben. 

Gemeinsam Bilder vom Himmel zu malen und die Erinnerung an die Verstorbenen wach zu halten. Geschichten von ihnen erzählen. Und auch Mut machen: „Ich glaube fest daran, dass es Mama jetzt gut geht im Himmel.“

Und was sollte man besser verschweigen?

Ich würde nichts verschweigen. Je authentischer, desto besser. Man sollte auf jeden Fall nichts erzählen, was nicht stimmt.

Sie bemalen mit Kindern Särge, es gibt Geocaching auf dem Friedhof. Was halten Sie von Ritualen am Grab, bei denen Kinder eingebunden werden?

Alles, was das Unfassbare begreifbarer macht, ist gut. Luftballone am Grab steigen lassen, um Kinder einzubinden, Windräder basteln, die sich am Grab drehen. Gefühle in Taten auszudrücken, sind ganz starke Zeichen. Durch die Berührung des Sarges wird man zum Beispiel berührt und verliert etwas von der Angst vor dem Tod. Alles, was hilft, den Tod begreifbarer zu machen, finde ich gut. Deshalb hatten wir auch Spezialisten eingeladen, einen Bestatter, eine Steinmetzin und Mitarbeiter des Hospizvereins.

Buchtipp

Ulf Nilsson, Eva Eriksson: Die besten Beerdigungen der Welt. Eines der schönsten Bilderbücher, die sich mit Tod und Sterben auseinandersetzen. Es nimmt Kinder ernst, die sich unbefangen mit dem Thema Tod beschäftigen. Es geht um die Beerdigungen AG, gegründet von Ester, Putte und „ich“. Die Kinder entdecken eine Amsel, die gerade stirbt. Liebevoll illustriert. Moritz Verlag, 40 Seiten, 4 bis 6 Jahre, 5,95 Euro.

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