„Es war das Glück in Tüten“

Interview mit Günter Jung über seine Zeit als Waberner Bürgermeister

Abschied von der Gemeinde Wabern: Günter Jung stand 24 Jahre an der Spitze der Verwaltung. Jetzt ist er Ehrenbürgermeister der Rübengemeinde. Foto: Laumann

Wabern. 24 Jahre lang stand er an der Spitze der Gemeinde Wabern: Günter Jung. Aus dem Bürgermeister ist jetzt ein Ehrenbürgermeister geworden.

Mit den Redakteurinnen Claudia Brandau und Anke Laumann sprach Jung über seine Amtszeit.

Herr Jung, Sie hatten in Wabern über all die Jahrzehnte eine große finanzielle Sorglosigkeit. Sagen Sie daher: Es war eine schöne Zeit? 

Günter Jung: Es war nicht nur eine schöne Zeit: Es war das Glück in Tüten. Natürlich haben diese guten Bedingungen dazu beigetragen: Es gab keinen Streit und keine Tricksereien. Dafür habe ich mit fast allen politischen Entscheidern Frieden gehabt – und die auch mit mir.

Was würden Sie im Nachhinein anders machen? Gibt etwas, das Sie bedauern? 

Jung: Ich würde heute für einen anderen Standort der Moschee plädieren. Das Gebäude des Kasseler Architekten Gernot Minke ist ein architektonisches Wunderwerk – es gehört an eine ganz andere Stelle als die, an der es jetzt steht. Aber sonst gibt es aus meiner derzeitigen Betriebsblindheit heraus nichts. Fragen Sie mich das in einem Jahr nochmal.

Und was ist mit dem Kleinkunstfestival Harlekinade? Ist es Ihrer Sparsamkeit zum Opfer gefallen?

Jung: Ein Stück weit vielleicht schon. Die Harlekinade ist aber vor allem dem Umstand zum Opfer gefallen, dass die politische Akzeptanz gefehlt hat. Ich habe es nicht hinbekommen, genügend Waberner auf unsere Seite zu bringen. Irgendwann ging es deshalb nicht mehr.

Wegen der Besucherzahlen? 

Jung: Die Zahlen der Besucher haben abgenommen, die Gagen der Künstler dagegen enorm zugenommen. Es kam aber auch hinzu, dass jeder Ort dann seine Harlekinade hatte, nachdem wir es eingeführt hatten. Es gab Dorffeste mit Feuerspuckern, mit Akrobaten und all den Dingen, die wir gezeigt haben.

Aber sonst war doch alles super: In Wabern haben selbst Störche ideale Bedingungen gefunden, oder? 

Jung: Die gute Ausgangslage für die Störche waren nicht etwa unsere feuchten Wiesen und die vielen Horste, sondern die Mülldeponie. Sie hat mit dazu beigetragen, dass sich die Störche hier wohlgefühlt und angesiedelt haben. Sie sind aber auch hier geblieben, nachdem die Mülldeponie geschlossen wurde.

Die Gemeinde hat Störche angesiedelt, das Bahnhofsgebäude in ein Kulturzentrum verwandelt: Auf welche Dinge aus Ihrer Dienstzeit sind Sie sonst noch stolz? 

Jung: Auf die gesamte Infrastruktur in Wabern, die wir sehr positiv verändert haben. Der kostenlose Kindergartenbesuch beispielsweise ist ein Markenzeichen und Alleinstellungsmerkmal für Wabern geworden.

Was unterscheidet den Günter Jung von 1991 von dem im Jahr 2015? 

Jung: Ich bin selbstbewusster geworden – allerdings nicht nur zu meinem Vorteil. Ich habe manchmal das Gefühl, dass ich beratungsresistenter geworden bin, nicht genug auf die Meinungen anderer zugehe. Das ist etwas, das jeder Bürgermeister durchlebt. Es hängt mit dem Amt zusammen. Es formt die Persönlichkeit um.

Mit welchem Gefühl gehen Sie in den Ruhestand? 

Jung: Mit Wehmut, aber auch mit Erleichterung.

Worauf freuen Sie sich jetzt am meisten? 

Jung: Auf die viele Freizeit. Ich habe ganz viele Pläne, will donnerstagmorgens immer die Kasseler Markthalle besuchen, mit meiner Frau viele Ausflüge unternehmen und die Kunstwelt entdecken.

Was werden Sie vermissen? 

Jung: Schwer zu sagen. Im Augenblick rede ich mir ein, dass ich gar nichts vermisse.

Lesen Sie dazu auch:

- Claus Steinmetz neuer Bürgermeister von Wabern

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.