25 Jahre Wiedervereinigung: Interview mit DDR-Flüchtling Michael Meinicke

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Relikt aus der Vergangenheit: In Michael Meinickes Haus in Uttershausen erinnern ungezählte Sammlerstücke an die DDR, so wie dieses Schild von der Meldestelle der Volkspolizei.

Wabern. Michael Meinicke ist aufgewachsen in Ost-Berlin, 1978 nach West-Berlin geflüchtet und lebt seit 1992 in Wabern. HNA-Redakteurin Anke Laumann hat mit ihm über den Mauerfall gesprochen.

Herr Meinicke, wie haben Sie den Mauerfall und die Wiedervereinigung erlebt?

Michael Meinicke: Meine Frau war hochschwanger und ich baute in unserer Wohnung in West-Berlin das Nest für das Baby. Ich habe im Bad den Putz abgeschlagen und die Wand gekachelt. Ich habe sozusagen eine Mauer beseitigt. Und während ich dabei war, klingelte es und die Freunde aus dem Osten standen vor der Tür. Sie waren mit dem Fahrrad gekommen. Wir saßen dann zwei Wochen auf dieser Baustelle und tranken und feierten.

Haben Sie damit gerechnet, dass der Mauerfall friedlich über die Bühne geht?

Meinicke: Ab dem Moment, wo der Massenexodus begann über die Botschaften und die ungarische Grenze. Dann flohen nicht mehr Leute, die sowieso jahrelang Widerstand geleistet haben, sondern es waren Leute aus allen Schichten und Familien mit Kindern. Es gab kein Zurück mehr. In den letzten Monaten sind schlagartig Familienverbände zerbrochen. Meiner ist bereits 1961 zerbrochen. Die Familie wurde durch die Mauer geteilt, meine Omas und Tanten waren im Westen.

Wie haben Sie die Deutsche Teilung als Familie gemeistert?

Meinicke: Es war schrecklich. Bis dahin waren die Familienfeste immer herrlich, wir waren 60 und mehr Leute mit Tanz und Akkordeonspieler. Es war die Alt-Berliner Gemütlichkeit. Das war von einem Tag zum anderen vorbei.

Wie war es für die verbliebene Familie im Osten?

Meinicke: Die zankte sich auch noch untereinander, weil es plötzlich um politische Statements ging. Man konnte nicht sagen, die DDR ist scheiße, weil ich meine Oma nicht sehen darf, sondern musste sagen: Ich verstehe das, weil der Imperialist uns töten will.

Wie ist Ihre Familie nach der Wende zusammengekommen?

Meinicke: Meine Großeltern und weitere Verwandte waren gestorben. Viele andere Onkel und Tanten habe ich bis heute nicht wiedergesehen. Für die war Osten aus und wir waren tot.

Was hat sich seit der Wiedervereinigung in Deutschland verändert?

Meinicke: Es ist super, dass jetzt Deutschland eins ist und alles zusammen ist und man überall hin kann. Wobei erst jeder fünfte Westdeutsche bislang in Ostdeutschland zu Besuch war. Ich erlebe es immer wieder, wenn ich auf Lesungen bin. Viele Leute sagen, sie müssten da mal hin, aber sie haben immer wieder eine Ausrede, nicht hinzufahren.

Woher kommt diese Zurückhaltung?

Meinicke: Es ist das Bedürfnis, auf den gewohnten Pfaden zu gehen. Ich habe viele Freunde, denen ich Prospekte von der Mecklenburgischen Seenplatte gezeigt habe. Nach dem Urlaub sagen sie dann: „Ne Micha, wir waren am Gardasee“. Da ist immer eine Hemmschwelle.

Sind Sie der Meinung, dass die deutsch-deutsche Geschichte ausreichend aufgearbeitet wurde?

Meinicke: Nein, das kann man auch gar nicht in der kurzen Zeit. Wichtig ist, dass Geschichten erhalten bleiben und man darüber schreibt. Denn Geschichte besteht aus Geschichten. Irgendwann entstehen vernünftige Essays, heute ist das alles noch beeinflusst von den eigenen Ansichten.

Inwiefern ist Deutschland noch in den Köpfen der Menschen geteilt?

Meinicke: Perfekt ist es bei den Menschen zwischen 25 und 30 und jünger. Für sie ist das ein vollkommen klares Land. West und Ost sind eins. Das große, glückliche Ziel ist erreicht, dass diese Leute das als eine Einheit sehen und nicht mehr irgendwelche Unterschiede. Etwas Besseres konnte nicht passieren.

Zur Person

Michael Meinicke (67) ist in Ost- Berlin geboren und dort aufgewachsen. Er ist gelernter Elektriker, Export-Kaufmann und Verkäufer. Von 1972 bis 1974 saß er wegen „staatsfeindlicher“ Gedichte im Gefängnis. 1978 gelang ihm die Flucht nach Westberlin , wo er an der Freien Universität Berlin Germanistik, Publizistik und Theaterwissenschaften studierte. Seit 1992 lebt der Autor und Journalist im Waberner Ortsteil Uttershausen. Michael Meinicke ist Vater von zwei Kindern.

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