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Lesung vor vollem Haus: Andrea Sawatzki bei der Waberner Kulturwoche

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Von: Sascha Hoffmann

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Gewährte tiefe Einblicke in ihre Kindheit: Schauspielerin Andrea Sawatzki.
Gewährte tiefe Einblicke in ihre Kindheit: Schauspielerin Andrea Sawatzki. © Hoffmann, Sascha

Schauspielerin und Autorin Andrea Sawatzki liest in Wabern aus ihrem Buch. Sie erzählt darin eine persönliche Geschichte.

Wabern – Als Filmstar dürfte sie jeder kennen. Tatort, Familie Bundschuh, Die Apothekerin – Andrea Sawatzki zählt zu den meistbesetzten Schauspielerinnen Deutschlands. Doch auch als Autorin hat sie sich einen Namen gemacht, schreibt seit 2013 ein Buch nach dem anderen. Mehrere Spiegel-Bestseller sind mit den Jahren entstanden. Den jüngsten mit dem Titel „Brunnenstraße“ hat die charmante Berlinerin mit Wurzeln in Bayern am Samstagabend zur Waberner Kulturwoche mitgebracht.

Ein wenig angespannt wirkt die 59-Jährige, als sie von der Kreisfrauenbeauftragten Bärbel Spohr auf der Bühne begrüßt wird. Den lockeren Talk hat sie selbst einer starren Begrüßung vorgezogen. Der rasante Streifzug durch ihre Erfolgsgeschichte liegt ihr aber spürbar weniger als die eigentliche Lesung, für die sie aus der Hauptstadt ins beschauliche Wabern gereist ist.

Auge in Auge mit dem Star: Andrea Sawatzki signierte im Anschluss an ihre Lesung geduldig Bücher.
Auge in Auge mit dem Star: Andrea Sawatzki signierte im Anschluss an ihre Lesung geduldig Bücher. © Hoffmann, Sascha

Die mit knapp 300 Besuchern restlos ausverkaufte Mehrzweckhalle in eine gemütliche Lesestube zu verwandeln, ist eine echte Herausforderung. Die so vertraute Fernsehstimme hallt durch den riesigen Raum, ihr zu folgen, ist nicht leicht. Doch Sawatzki gelingt es, mit ihrem sympathischen Mix aus Lesung und Erzählung wirklich jeden bis in die letzte Reihe zu erreichen – auch all jene, die vielleicht nicht des Buches wegen gekommen sind, sondern einfach nur, um das prominente Fernsehgesicht einmal hautnah zu erleben.

Die Geschichten aus der Brunnenstraße müssen einen einfach packen. Weit entfernt von lockerer Unterhaltung à la Bundschuh, erzählt Sawatzki hier von einer ungewöhnlichen Vater-Tochter-Beziehung. Es ist ihre eigene Geschichte, ihre Kindheitserinnerung, die sie durch die Erwachsenenbrille mit einem Abstand erzählt, der es ihr möglicherweise selbst leichter macht, dem Erlebten ohne Selbstmitleid zu begegnen. Sawatzkis Kindheit nämlich war alles andere als unbeschwert. Oder wie sie selbst etwas moderater formuliert: „Keine Kindheit wie jede andere.“

1971 wird der Journalist Günther Sawatzki von seiner Stelle in London abgezogen und geht zurück zu seiner Familie nach Deutschland. Aber er will sein altes Leben aufgeben und mit seiner Geliebten zusammen sein, mit der er eine Tochter hat: Andrea.

Doch bald stellt sich heraus, dass dieser weltläufige und gebildete Mann schwer krank ist. Das Geld wird knapp, die Mutter muss wieder als Nachtschwester arbeiten, und die zehnjährige Andrea kümmert sich um den dementen Vater. Der ist launisch, ungeduldig und jähzornig. Es entspinnt sich ein geheimes Leben zwischen den beiden von Nähe und Entfremdung, Liebe und Überforderung.

Es sind ausgesprochen intime Einblicke, die Sawatzki gewährt. Einblicke in eine Zeit, in der ihr die Kindheit genommen wurde. Man kann mitfühlen, wenn sie sagt, dass sie sich lange gescheut habe, ein solch persönliches Buch zu schreiben. Man möchte ihr zur Seite stehen, wenn sie sich ganz sachte und gleichzeitig so stark und klar dem Erlebten nähert, ohne allzu düstere Bilder zu malen.

Kein Groll, keine Verbitterung, dafür ein reflektierter Blick auf eine kleine Familie, die vielleicht eine glückliche Familie hätte werden können – wenn diese Krankheit nicht gewesen wäre. „Ich habe in diesem Buch versucht, uns dreien irgendwie gerecht zu werden und die Not eines jeden Einzelnen zu beschreiben, auch die meines Vaters.“ Es ist ihr gelungen. (Sascha Hoffmann)

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