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Totensonntag: Pfarrerin spricht über Tod und Trauer

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Von: Maja Yüce

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Ein Trauerengel ziert ein Grab: Am Sonntag ist Totensonntag, dieser Tag ist dem Andenken an Verstorbene gewidmet.
Ein Trauerengel ziert ein Grab: Am Sonntag ist Totensonntag, dieser Tag ist dem Andenken an Verstorbene gewidmet. © Arne Dedert/dpa

Interview mit Pfarrerin Sabine Koch über den Tod und den Umgang mit Abschied. Anlass ist der Totensonntag.

Fritzlar-Homberg – Viele Menschen fürchten den Tod, denn er hinterlässt Einsamkeit und ist auch mit schmerzhafter Trauer verbunden. Der Ewigkeitssonntag, auch Totensonntag genannt, ist dem Andenken an Verstorbene gewidmet – er ist am 20. November. Ein Gespräch mit Pfarrerin Sabine Koch aus Hebel über den Tod und den Umgang mit Trauer.

Frau Koch, Sie haben als Pfarrerin oft mit dem Tod zu tun. Macht das nicht unsäglich traurig?

Ja und Nein. Ein Trauerfall ist für mich eben nicht nur ein „Fall“. Die meisten Menschen in meinen Gemeinden kenne ich schon sehr lange. Ich weiß um ihre Lebens- und Leidensgeschichten. Und ich bin auch mit ihnen traurig.

Die Begleitung beim Abschied und in der Trauer ist aber nicht nur durch Traurigkeit bestimmt. Da gibt es auch viele schöne Momente. Wir lachen zusammen, wenn wir an den Verstorbenen denken. Wir erinnern uns in Dankbarkeit. Und ich kann für die Menschen da sein, kann ihnen meine Worte leihen, wenn die eigene Stimme versagt. Ich kann sie trösten und ihnen meine Zeit schenken. Nicht selten komme ich dankbar und erfüllt von einer Trauerfeier zurück. Es ist also viel mehr als nur Traurigkeit.

Das Bestattungsrecht ist streng. Diskutiert wird oft eine Lockerung des Friedhofszwangs, die bisher in Bremen gilt. Dort darf die Urne eines Verstorbenen auch nach bestimmten Regeln im eigenen Garten beigesetzt werden. Wie stehen Sie dazu?

Von der Urne im Vorgarten oder ganz klassisch auf dem Kaminsims halte ich nichts. Da kommen so viele Fragen auf, die ich jedes Jahr wieder neu mit den Konfis diskutiere: Was passiert, wenn die Asche der Großmutter runterfällt und vom Staubsauger verschluckt wird? Und wem gehört sie überhaupt? Mir oder meiner Schwester?

Was passiert mit der Asche im Vorgarten, wenn ich wegziehe? Und so weiter. Und woher nehme ich überhaupt das Recht, die Asche für mich zu beanspruchen? Ich bin eine große Freundin unserer Friedhöfe, weil sie neben Abschiedsorten eben auch wichtige Kulturstätten sind, zu denen jede und jeder Zugang haben sollte.

Und wo sehen Sie einen Reformbedarf?

Ich sehe Reformbedarf, aber es ist da auch schon eine ganze Menge passiert. Neben Familien- und Einzelgrabstätten gibt es schon viele Jahre lang Rasengräber für all die, die ihren Angehörigen keine Grabpflege zumuten möchten. In den Waberner Ortsteilen ist es seit drei Jahren sogar erlaubt, an einem Baum bestattet zu werden. Andere gestalten Grabflächen an einem Bachlauf, die Namen der Verstorbenen sind in eine Stele gemeißelt.

Da ist viel in Bewegung. Und das ist auch gut so. Egal, für welche Art der Grabstätte sich jemand entscheidet – mir ist nur wichtig, dass es nicht anonym geschieht. Ich finde, dass jeder Mensch ein Recht darauf hat, dass sein Name bleibt. Denn immer gibt es jemanden, der sich an diesen einen Menschen erinnern möchte. Dazu sollte er auch die Möglichkeit haben.

Was ist bei der Trauerarbeit besonders wichtig?

Vor allem ist eines wichtig: reden, reden, reden. Man sollte mit seiner Familie über seinen Tod reden und auch über die Bestattung. Man sollte aufschreiben, was einem wichtig ist und wie man einmal bestattet werden möchte, damit auch das Ende des Lebens nach den eigenen Vorstellungen abläuft.

Gräber in Reih und Glied – viele Menschen wollen das nicht mehr. Sie suchen nach individuellen letzten Wegen. Wie erleben Sie diese Veränderung?

Für mich zeigt diese Entwicklung erstmal, dass sich die Menschen vermehrt Gedanken über ihren eigenen Tod machen, und das finde grundsätzlich gut. Auch hier gilt: Reden Sie darüber. Im Trauergespräch versuche ich, auf die Wünsche der Angehörigen einzugehen und diese aktiv einzubeziehen.

Was bedeutet das konkret?

Viele wissen gar nicht, dass Beteiligung überhaupt möglich ist. Das fängt schon bei einer persönlichen Aussegnung am Sterbebett an und geht über die Gestaltung des Sarges oder der Urne weiter, bis hin zur Trauerfeier selbst.

Tod, Trauer und Abschied

Tod, Trauer und Abschied sind besonders im November große Themen. Denn gleich zwei Tage erinnern in diesem Monat an die Verstorbenen: Auf den Volkstrauertag folgt an diesem Wochenende der Totensonntag. Immer wieder hört und liest man dabei Ratschläge und Fragen: „Schieben Sie nichts auf“, sagen die einen und appellieren, das Leben im Hier und Jetzt zu leben. „Sagen Sie jetzt, was Sie Ihren engen Freunden und der Familie immer sagen wollten“, sagen die anderen. Tabuisieren wir den Tod zu sehr im Alltag? Sind wir uns der Sterblichkeit zu wenig bewusst?, fragen Theologen und Sterbebegleiter. Am Totensonntag werden diese Fragen wieder in Erinnerung gerufen. (may)

Hat sich durch die Coronapandemie auch dabei etwas verändert?

Es hat sich seitdem vieles verändert. Aus der Not ist oft eine Tugend geworden. Wir feiern zum Beispiel in Hebel nach wie vor Trauerfeiern draußen, auch am kommenden Sonntag auf allen vier Friedhöfen. Das verbindet die Menschen in ihrer Trauer, wenn sie da in der Kälte zusammenstehen und ein Licht anzünden. Und wenn wir gemeinsam „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ singen. Mich trägt diese Gemeinschaft sehr.

Sind Traditionen wie Trauerkaffee nach der Bestattung aus der Zeit gefallen?

Mir persönlich fehlt der Trauerkaffee danach ein bisschen, den es seit Corona nicht mehr gibt. Mir tut es gut, sich hinterher bei einer guten Tasse Kaffee über den Verstorbenen zu unterhalten und liebevoll an ihn zu denken. Ich hoffe, das wird bald wieder möglich sein.

Und wie sieht es mit den Trauerfeiern in tiefschwarz aus?

Trauerfeiern in tiefschwarz mögen viele nicht. Ich schätze sie aber. Es ist eine ganz alte Tradition, dass Menschen „Trauer tragen“ – im Museum für Sepulkralkultur in Kassel können Sie sich das sehr eindrucksvoll anschauen – dieses Museum, das es in Europa so nur einmal gibt, empfehle ich übrigens allen einmal. Warum nicht sogar am Totensonntag?

Warum trägt man eigentlich ausgerechnet schwarze Kleidung?

Trauerkleidung hat einen guten Sinn: Sie schützt die Trauernden für eine gewisse Zeit vor der Gesellschaft. Wenn jemand schwarz gekleidet ist, weiß man, dass er gerade einen lieben Menschen verloren hat und geht anders mit ihm um. Lässt ihn erstmal in Ruhe, wenn er das möchte, oder spricht ihn einfach mal an: Wie geht es dir eigentlich? Ich schätze diesen Brauch sehr. Aber wenn sich jemand wünscht, dass man während seiner Trauerfeier bunt trägt, warum nicht?

Was raten Sie Menschen, die den Totensonntag begehen?

Vor allem rate ich ihnen, sich Zeit für die Trauer zu lassen und sich ihr zu stellen. So blöd es klingt, aber ich mag diese letzten Novembertage sehr. Besonders wenn das Wetter draußen so schön ist und man auf den Friedhöfen spazieren gehen kann. Die Natur erzählt uns ja gerade die beste Geschichte von Abschied und Neuanfang.

Das Herbstlaub zergeht, aber an den Ästen sind schon wieder neue Triebe ausgebildet. Dass mit dem Tod nicht alles aus ist, sondern noch etwas ganz Wunderbares bei Gott auf uns wartet, davon werden wir am Wochenende ja reden. Und das geht kaum besser als jetzt im November.

Sind die Gottesdienste am Totensonntag anders als an anderen Tagen?

Ich möchte alle einladen, die Gottesdienste auf den Friedhöfen und in unseren Kirchen zu besuchen. Viele meiner Kolleginnen und Kollegen gestalten diese sehr persönlich und einfühlsam. Jeder Verstorbene wird genannt. Es werden Kerzen entzündet. Und so vieles mehr.

Ich finde es ganz wichtig, dass keiner in seiner Trauer allein ist. Der Totensonntag ist eine gute Möglichkeit, mit anderen zu trauern, zu schweigen, zu beten und zu singen. Und dann wieder ein Stückchen mehr in den Alltag zurückzukommen. (Maja Yüce)

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