Richter geht davon aus, dass ganze Familie beteiligt war

Urteil im Brandstifter-Prozess: „Alle wussten Bescheid”

Wabern/Kassel. Nach 17 Verhandlungtstagen wurde das Urteil im Waberner Brandstifter-Prozess verkündet: Der Hauptangeklagte muss für vier Jahre und sieben Monate in Haft.

„Es war eindeutig Brandstiftung mit Brandbeschleunigern.” Das sagte Jürgen Stanoschek, Vorsitzender Richter der 5. Strafkammer des Landgerichts Kassel, als er am Montag das Urteil begründete.

Der 24-jährige Hauptangeklagte sitzt bereits seit über einem Jahr in Untersuchungshaft, der Haftbefehl bleibt wegen Fluchtgefahr bestehen.

Der 33-jährige Bruder des Hauptangeklagten wurde wegen „Nichtanzeigens einer geplanten Straftat“ zu einem Jahr Freiheitsstrafe verurteilt. Nun überlege die Anklagebehörde, Rechtsmittel einzulegen, berichtet Staatsanwalt Wolfgang Göb, Göb hatte eine Verurteilung wegen versuchten Betrugs beantragt und insgesamt vier Jahre und sechs Monate gefordert. Die 30-jährige Ehefrau des 33-Jährigen erhielt eine Freiheitsstrafe von einem Jahr - wie die für ihren Mann auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Acht Menschen waren in dem Gebäude, das im Juli 2014 lichterloh brannte. Alle entkamen unverletzt.

Mann rief laut „Scheiße“

Angeklagt war nach den Worten von Richter Stanoschek „nur ein Teil der Täter: Auf die Anklagebank gehören eigentlich alle, die im Haus waren, sie alle waren eingeweiht”. Danach rief der 33-Jährige nach einem lauten Knall hinter der Anklagebank zweimal „Scheiße” in den Saal. Der Richter ermahnte ihn lautstark und drohte mit Ordnungsgeld oder Haft.

Die gesamte Familie habe beschlossen, den Brand herbeizuführen und als den Versicherungsfall abzurechnen, kommentierte Stanoschek die Vorbereitung und Ausführung der Tat. Die Kammer habe aber nicht feststellen können, wer die Idee dazu gehabt hatte. Der Hauptangeklagte habe die Brandsätze gebastelt.

Der Richter schilderte alle Details des Brandes, der sich rasend schnell ausgebreitet hatte. Die hohe Versicherungssumme habe gelockt, und das sei der Auslöser der Tat gewesen.

Angespannte Familienlage

Dass zwei Trinker, die als Zeugen vernommen worden waren, den Brand gelegt haben, sei unvorstellbar, sagte Stanoschek. Auch der vom Anwalt des 24-Jährigen beschuldigte 36-jährige Bruder sei „keiner, der Brandsätze präpariert”. Diese Aussage kritisierte ein Familienangehöriger im Zuschauersaal mit lautem Ruf. Mehrfach war auch am letzten Verhandlungstag von den angespannten familiären Verhältnissen die Rede.

Der Anwalt hatte beantragt, die Beweisaufnahme erneut zu starten und zehn weitere Zeugen zu hören. Dabei ging es auch um eine Anzeige, die kürzlich der Bruder gegen den 36-Jährigen erstattet hatte. Der soll ihm vor dem Haus gedroht haben: „Ich werde Deine Familie fertig machen und Dir die Fresse polieren.” Er soll mit einer Pistole in Richtung Gebäude gezielt und Ladevorgänge simuliert haben.

Auch weitere Straftaten des 36-Jährigen, der zurzeit ohne festen Wohnsitz ist, sollten hinterfragt werden. Das Gericht wies dies angesichts der umfangreichen Ermittlungen zurück.

Der 36-Jährige, der sich am ersten Tag mit dem Richter angelegt hatte, hatte während der Urteilsverkündung Hausverbot.

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