Zu viele Horste und zu wenig Futter

Verletzte Storchenbabys: Auffangstation in Wabern fordert Umdenken

So langsam fassen sie Vertrauen: Zwei verletzte Jungstörche leben derzeit in der Storchenauffangstation von Andrea Krüger-Wiegand in Niedermöllrich. 
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So langsam fassen sie Vertrauen: Zwei verletzte Jungstörche leben derzeit in der Storchenauffangstation von Andrea Krüger-Wiegand in Niedermöllrich. 

Die Waberner Feuerwehr musste zwei verletzte Storchenbabys retten. Sie waren aus dem Nest gefallen, hatten Wunden an Kopf und Hals. Nun fordert die Auffangstation ein Umdenken. Sie sagen: Es gibt zu viele Horste.

Etwas zerzaust und ängstlich kuscheln sich die zwei verletzten Jungstörche in ihrem Nest aneinander, als Andrea Krüger-Wiegand vorsichtig das schützende Netz anhebt. Die wenige Wochen alten Geschwister leben derzeit in der Storchenauffangstation der 63-Jährigen aus Niedermöllrich. Und sie haben eine echte Tortur hinter sich.

Die Vorgeschichte

„Ich habe noch nie so verängstigte Tiere gesehen“, sagt Krüger-Wiegand, die sich bereits seit Jahrzehnten um Wildvögel kümmert und sich bestens mit dem Thema auskennt. Anfang der Woche hatte sie die zwei Storchenkinder auf der Waberner Kirche entdeckt. Eines hatte verletzt neben dem Horst gelegen.

Bei einer Rettungsaktion durch die Feuerwehr wurde klar: Sowohl das verstoßene Storchenbaby als auch sein Geschwisterkind im Horst hatten Wunden an Kopf und Hals. Ein dritter Jungstorch war bereits zuvor tot aufgefunden worden.

Die Pflege

Ob ihnen die Verletzungen durch Fremdstörche oder durch die Eltern selbst zugefügt wurden, sei unklar, sagt Krüger-Wiegand. Seit ein paar Tagen pflegt sie die Kleinen, füttert sie regelmäßig unter anderem mit Würmern. „Ich nehme mir jedes Jahr ohnehin drei Wochen Urlaub in der Schlupfzeit der Störche.“

So könne sie sich kümmern und regelmäßig nach dem Rechten schauen. Über den mit Heu gefüllten Korb hat Krüger-Wiegand ein Netz gespannt. „Das habe ich gemacht, damit sich die Fliegen nicht auf die Wunden setzen.“ Langsam fassen die Tiere Vertrauen: „Anfangs haben sie überhaupt nicht um Futter gebettelt, obwohl dies für Störche typisch ist.“

Das Problem

Fremd- oder gar Elternstörche, die ihre Kinder picken? Das höre sich brutal an, sei jedoch möglich, wenn die Not und der Überlebenswille der Altstörche groß seien. Und genau da liegt laut der erfahrenen Niedermöllricherin das Problem. Denn im Umkreis von Wabern gebe es viel zu wenig Futter für viel zu viele Störche.

Die Tiere bräuchten ein feuchtes Gebiet in der Nähe ihres Horstes, um genügend Würmer, Frösche und anderes zu finden. Überflutete Felder beispielsweise seien ein beliebter Ort für die Vögel. „In Wabern gibt es neben einem Naturhorst auch drei Kunsthorste.“ Zu viele und zu dicht beieinander seien diese, findet Krüger-Wiegand.

Die Altstörche müssten so nämlich in einem größeren Umkreis Futter suchen und könnten deshalb ihre geschlüpften Küken weniger gut verteidigen.

Der Lösungsvorschlag

Prinzipiell könne derzeit jeder, der möchte, einen Kunsthorst für Störche anlegen, sagt die 63-Jährige. Es gebe keine Auflagen. Diesbezüglich fordert Krüger-Wiegand ein Umdenken. „Ich wünsche mir, dass es eine Genehmigungspflicht für das Anlegen eines Kunsthorstes gibt.“ Als möglichen Ansprechpartner nennt sie die Naturschutzbehörde des Landkreises.

An zentraler Stelle könne die Anzahl der Horste kontrolliert werden, um den Futtermangel so langfristig in den Griff zu bekommen.

Sei ein Brutversuch schiefgegangen – wie es nun an der Kirche in Wabern der Fall war – wäre dies außerdem eine passende Gelegenheit, den Horst abzubauen und die Anzahl insgesamt zu reduzieren. „Drei bis vier Kilometer Abstand sollte zwischen den Horsten sein“, sagt Krüger-Wiegand. 

Untere Naturschutzbehörde: Es handelt sich um natürliche Vorgänge

Die Untere Naturschutzbehörde des Schwalm-Eder-Kreises sehe die Anlage von Storchenhorsten grundsätzlich positiv, heißt es auf HNA-Anfrage. Je größer das Angebot von Horsten im Landkreis, umso mehr Gelegenheiten zum Brüten stünden Störchen zur Verfügung. „Ob die Horste dann angenommen oder belegt werden, liegt einzig und alleine an den Störchen“, heißt es weiter. Momentan ist das Nahrungsangebot wegen der Trockenheit geringer und es bestehe vermehrt die Gefahr, dass die Storchenjungen von den Eltern verstoßen werden. „Es handelt es sich um natürliche Vorgänge und es bedarf zurzeit keiner zusätzlichen Reglementierung.“

Störche werden mit 65 Tagen flügge

Zwischen Ende April und Anfang Mai schlüpfen Jungstörche. Sie werden dann sowohl vom Vater als auch von der Mutter gefüttert. Die zwei Storchenkinder, die derzeit in der Auffangstation in Niedermöllrich leben, sind in der ersten Maiwoche geschlüpft. Ob es sich um weibliche oder männliche Tiere handelt, ist nicht klar. Andrea Krüger-Wiegand erklärt: „Die Geschlechtsteile liegen innen.“ Trotzdem sucht die 63-Jährige Namen für beide. Dann bekommen die Jungstörche auch einen Ring. Wer eine Idee oder auch allgemeine Fragen zu Störchen und ihren Horsten hat, kann sich melden unter Tel. 01 60 / 98 32 00 86 und stoerche-wabern@t-online.de

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