1. Startseite
  2. Lokales
  3. Fritzlar-Homberg
  4. Wabern

Sie sind als Team unschlagbar: Niedermöllrich, der Ort an Eder und der Bundesstraße 254

Erstellt:

Von: Christina Zapf

Kommentare

Die Mitglieder der Niedermöllricher „Rentner-Band“: von links Erich Rostek, Herta Saul, Reinhard Pippert und Karl Schäfer.
Die Mitglieder der Niedermöllricher „Rentner-Band“: von links Erich Rostek, Herta Saul, Reinhard Pippert und Karl Schäfer. © Christina Zapf

Jahrhundertealte Geschichte, lustige Anekdoten oder eindrucksvolle Vereine, jeder Ort hat etwas zu bieten. Für unsere „Gespräche am Gartenzaun“ waren wir in Niedermöllrich unterwegs.

Niedermöllrich – Mitten durch den Waberner Ortsteil Niedermöllrich führt die Bundesstraße 254. Deshalb kennen viele Menschen das Dorf. Verlässt man die viel befahrene Straße, dann findet man sich in einem ganz beschaulichen Örtchen an der Eder wieder.

Kaum aus Niedermöllrich wegzudenken ist die „Rentner-Band“. Ihr gehören Erich Rostek (94), Herta Saul (84), Reinhard Pippert (91) und Karl Schäfer (93) an. Das Quartett geht jeden Tag zwischen 13.45 Uhr und 16.30 Uhr im Ort spazieren. „Dann sind wir unterwegs – aber nur bei schönem Wetter“, sagt Saul. „Wir passen aufeinander auf und ergänzen uns“, sagt Reinhard Pippert. Das Laufen halte sie fit. Über die Jahre haben sie den Wandel im Ort hautnah miterlebt.

Niedermöllrich hat etwas, was nicht viele Dörfer haben: einen privaten Kindergarten

Doch auch wenn es nicht mehr so viele Vereine wie einst gibt, und die letzte Dorfgaststätte und der letzte Dorfladen vor Jahren schlossen, hat Niedermöllrich viel zu bieten. Es gibt schöne alte Höfe und unter anderem ein Fotostudio, eine Krankengymnastik-Praxis, einen Heizungsbauer, einen Elektriker, einen Friseur, ein IT-Unternehmen, ein Bauunternehmen und zwei Schreiner. Außerdem hat Niedermöllrich etwas, was nicht viele Dörfer haben: einen privaten Kindergarten. Dieser besteht seit 1976 und bietet 17 Plätze für Kinder ab zwei Jahren.

Das hat nicht jedes Dorf: Deborah Deist ist die 3. Vorsitzende vom Verein Kindergarten Niedermöllrich.
Das hat nicht jedes Dorf: Deborah Deist ist die 3. Vorsitzende vom Verein Kindergarten Niedermöllrich. © Christina Zapf

Es sind vor allem die im Ort lebenden Menschen, die ihn prägen. Das weiß auch Ortsvorsteherin Sabine Schweinebraden: Baldur Steiner kam zum Beispiel 1946 als Flüchtlingsjunge mit Mutter und Bruder aus der damaligen Tschechoslowakei nach Niedermöllrich. Früher war er im Gesangsverein, heute ist der 82-Jährige noch im Feuerwehrverein. Auch 2016 sind einige Geflüchtete in Niedermöllrich angekommen. Unter ihnen Ali Zare, seine Frau Narges und Sohn Abolfazl. Die Familie hat sich laut Schweinebraden gut eingelebt – auch dank der Niedermöllricher Physiotherapeutin und Heilpraktikerin Ursula Faulstich-Ruoff. Sie hat ihnen beim Ankommen geholfen.

Willi Engemann (85) hingegen lebt seit jeher in Niedermöllrich. Viele Jahre hat er im Fußballverein gespielt. Außerdem hat er auf dem Bau gearbeitet. Seine handwerklichen Fähigkeiten hat er auch bei Dorf-Projekten eingebracht. So hat er geholfen, den Eingang der Evangelischen Kirche behindertengerecht zu gestalten und Pflastersteine auf dem Friedhof und vor dem Dorfgemeinschaftshaus verlegt. Wenn Schweinebraden sagte „Willi, wir müssen mal wieder was machen“, war er stets zur Stelle. Wie einst schon Ilse und Walter Schmidt, bringen sich heute Landwirt Volker Schmidt und seine Frau Sandra in die Dorfgemeinschaft ein. Die Familie war und ist eine große Unterstützung, „wenn das Dorf um Hilfe ruft“, so Schweinebraden.

Suchen die Einsatzkräfte von morgen: von links Michael Peters und Reiner Pippert.
Suchen die Einsatzkräfte von morgen: von links Michael Peters und Reiner Pippert. © Christina Zapf

Auch Erna Reisiger lebt seit 65 Jahren in Niedermöllrich. Um fit zu bleiben, fährt sie mit ihrem E-Bike durch das Dorf. „Ich fahre jeden Tag meine Runde.“ Dann halte sie Schwätzchen mit anderen Dorfbewohnern. Ihre Tochter Cornelia Reisiger-Kromat sei seit ihrem zehnten Lebensjahr in der Feuerwehr aktiv – und im Alter von 60 Jahren noch Mitglied in der Einsatzabteilung.

Mehr Frauen wie Reisiger-Kromat würden sich Michael Peters, Wehrführer, und Reiner Pippert, 2. Vorsitzender der Feuerwehr Niedermöllrich, wünschen. Denn aufgrund fehlender Mitglieder sorgen sie sich um die Zukunft der Wehr. Auch Frauen seien gefragt. Die Feuerwehr sei keine reine Männerdomäne mehr, betonen sie. Es gibt eine Jugend- und eine Einsatzabteilung. Aktuell suchen Peters und Pippert Nachwuchs für eine Kinderfeuerwehr. Um für das Hobby zu werben, gibt es am 8. Oktober eine 12-Stunden-Übung aller Waberner Jugendfeuerwehren mitten im Ort.

Der demografische Wandel bereitet in Niedermöllrich Sorgen

Doch in Niedermöllrich mangelt es nicht nur an Feuerwehrmitgliedern, sondern es gibt laut Schweinebraden auch einige leer stehende Gebäude. Sie drohen zu verfallen. Auch der demografische Wandel bereitet Sorgen: 14 Einwohner Niedermöllrichs sind laut der Ortsvorsteherin älter als 90 Jahre. 762 Einwohner habe der Waberner Ortsteil derzeit.

Haben sich in ihrem Garten eine Wohlfühloase geschaffen: Gerhild Henneberg und ihr Mann Helmut.
Haben sich in ihrem Garten eine Wohlfühloase geschaffen: Gerhild Henneberg und ihr Mann Helmut. © Christina Zapf

Andrea Wiegand-Krüger, Leiterin der Storchenstation Wabern, lebt in Niedermöllrich. Ein besonderes Verhältnis hat sie zu Storchen-Dame „Romy“, die sich 2018 ein Bein brach. „Ich dachte, das war es für sie, weil Beinbrüche bei Störchen schwierig sind.“ Als Romy nach ihrem Wegflug ins Winterquartier 2019 überraschend zurückkehrte, päppelte Wiegend-Krüger sie auf. Bis heute füttert sie den Vogel.

Weiter geht’s zu Gerhild und Helmut Henneberg. In ihrem Garten stehen allerlei Kunstwerke. Für das Ehepaar gibt es nichts, was nicht noch verwertet werden kann. „Es darf nichts weggeworfen werden“, sagt Gerhild Henneberg. Sie habe die Ideen und ihr handwerklich begabter Mann setze diese dann um. „Wir sind als Team unschlagbar“, sagt sie. Ein Satz, der auf ganz Niedermöllrich zu passen scheint. (Christina Zapf)

Auch interessant

Kommentare