Erinnerungen

Die Welt war eine andere: Walter Discher ist seit 70 Jahren Feuerwehrmann

Seine Uniform und die Mütze hält er in Ehren: Walter Discher feiert am heutigen Donnerstag seinen 90. Geburtstag. Foto:  Brandau

Völkershain. Als er vor 70 Jahren zur Feuerwehr kam, stand die Spritze noch in der Efze und wurde von sechs Mann bedient. Walter Discher, der am heutigen Donnerstag 90 Jahre alt wird, erinnert sich.

Früher, sagt Walter Discher, brauchten Feuerwehrmänner vor allem eines: viel Kraft. Die war nötig, um die Spritzpumpe zu bedienen, die auf einem Wagen zu Übungen und Einsätzen gezogen wurde. Und zwar nicht etwa von Traktoren oder Lastwagen, sondern von den Brandschützern selbst. Und das war nicht im Jahr 1800, sondern noch 1945.

In diesem Jahr trat der Völkershainer der Freiwilligen Feuerwehr bei. Heute wird der Senior mit dem hellwachen Geist und dem gebrechlichen Körper 90 Jahre alt - und schwärmt noch heute von seiner „kleinen Wehr mit dem großem Zusammenhalt“.

Damals hatte sich Walter Discher, 20 Jahre alt und eben aus amerikanischer Gefangenschaft in den Knüll heimgekehrt, die Frage gar nicht gestellt, ob er überhaupt Mitglied in der Wehr werden wollte: Alle Männer gehörten ihr an. „Das war einfach selbstverständlich.“

Spritze stand in der Efze 

Damals kannten die Feuerwehren noch keine Nachwuchssorgen: Walter Discher (vorne ganz links) gehört seit 70 Jahren der Feuerwehr Völkershain an. Das Foto entstand bei einem Umzug im Jahr 1984.

Alles andere als selbstverständlich aber ist die Tatsache, dass er dieser Wehr seit sieben Jahrzehnten angehört. 27 Jahre davon war er Wehrführer, seit über 30 Jahren ist er Ehrenvorsitzender des Feuerwehrvereins. In den 70 Jahren seiner Mitgliedschaft hat er ungezählte Anekdoten erlebt. Allein wenn er erzählt, dass sechs Männer nötig waren, um bei Einsätzen die Spritze vom Wagen zu heben, in die Efze zu stellen und dann aus Leibeskräften zu pumpen, kommt man nicht mehr aus dem Staunen heraus. „Das sind alles Geschichten aus einer anderen Welt“, sagt Discher. Einer Welt, in der es keine Atemschutzgeräte, keine Löschfahrzeuge, keine Drehleitern, keine Hydranten gab. Eine Spritzpumpe in der Efze war alles, was die Feuerwehrleute kurz nach dem Krieg den Flammen entgegen halten konnten.

Diesen niedrigen Technikstand ersetzten die Völkershainer durch hohe Motivation. „Bei Festumzügen sind immer alle auf den Vordermann aufgelaufen - da haben wir so lange das Marschieren geübt, bis keiner mehr dem anderen auf die Hacken getreten hat“, sagt Discher und lacht.

70 Jahre in der Feuerwehr, 62 Jahre mit seiner Frau Liesel verheiratet - Walter Discher steht für Kontinuität. Zu seinem Geburtstag heute kommen die Kinder, Enkel, Urenkel. Der 90-Jährige freut sich aufs Treffen, auch wenn es anstrengend für ihn ist, Gäste zu haben. „Alt werden ist schön“, sagt er. „Alt sein aber nicht.“

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