Interview

Weltfrauentag: Expertinnen sprechen über die Ungleichheit der Geschlechter

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Zum Frauentag verteilen sie lila Postkarten mit der Aufforderung „Sei du selbst“: links Frauenhausleiterin Heidemarie Lange aus Melsungen, rechts Frauenbeauftragte Bärbel Spohr.

Der 8. März gilt seit 1911 als Weltfrauentag. Ist der im 21. Jahrhundert noch notwendig? Wir sprachen mit Heidemarie Lange vom Frauenhaus und Frauenbeauftragter Bärbel Spohr über Gleichstellung – und über Gewalt.

Wir haben das Jahr 2020: Sind wir nicht längst an dem Punkt angekommen, an dem Männer und Frauen gleich gestellt sind?

Spohr: Nein. Gar nicht. Ein gutes Beispiel ist die Politik. Schauen Sie doch mal in die Parlamente hier im Landkreis: Frauen besitzen zwar seit 102 Jahren das Wahlrecht, sind aber auch heute nur zu 30 Prozent in den Gremien vertreten. Und nach oben wird die Luft immer dünner: Oder kennen Sie eine einzige Bürgermeisterin im Landkreis?

Nein. Tatsächlich nicht. Woran liegt das?

Lange: Auch daran, dass Frauen es nur ungern riskieren, nicht gewählt oder gar abgelehnt zu werden. Frauen setzen eher auf Harmonie. Männer sind in Sachen Ellenbogenkampf und auch Solidarität viel besser aufgestellt – und sie haben einfach ein anderes Selbstbewusstsein.

Das heißt?

Lange: Dass das einer der vielen Gründe dafür ist, dass wir die Frauenquote brauchen. Ich war nie ein Fan davon, aber ohne Quote schaffen wir es nicht, den Anteil der Frauen in Führungspositionen zu erhöhen.

Noch einmal zum Selbstbewusstsein. Ist das von Männern tatsächlich so viel größer?

Spohr: Ja. In Bewerbungsgesprächen verweisen Männer beispielsweise bei Fragen nach Computerkenntnissen auf den Programmkurs, den sie absolviert haben.

Frauen verweisen auf den Kurs und dann sofort auch darauf, dass sie in diesem Programm noch lange nicht wirklich fit sind. Frauen sind viel selbstkritischer.

Aber auch selbstbewusster als früher. Das bringen doch die modernen Zeiten automatisch mit sich.

Spohr: Finden Sie? Wirklich? Wir mögen viel erreicht haben, aber leider ist die Gleichberechtigung, wenn wir so weiter machen, erst in 170 Jahren erreicht.

Noch immer gibt es bei der Erziehung geschlechtsspezifische Rollenverteilungen und Spielzeuge – und neuerdings sogar wieder rosa Überraschungseier. Und dann versuchen Sie mal einen geschlechterneutralen Schulranzen – nicht mit Feen oder mit Monstertrucks bedruckt – zu erwerben.

Lange: Darüber muss man sich tatsächlich mehr Gedanken machen: Die Frage, wo Frauen in diesen Zeiten gesellschaftlich und beruflich stehen, muss mehr Menschen beschäftigen.

Aber es wird doch an vielen Stellen viel darüber diskutiert...

Spohr: Vor allem wird sich in diesen Diskussionen oft über das Gendersternchen lustig gemacht, das Frauen und Männer gleichzeitig anspricht und ins Geschehen einbezieht. Aber man muss sich bewusst machen: Sprache schafft immer Wirklichkeit.

Wenn Frauen nicht in der Sprache sichtbar werden, bleiben sie unsichtbar. Es kann doch nicht sein, dass immer nur Männer angesprochen werden – und dass wir das einfach so akzeptieren.

Unterschätzen wir die Macht der Sprache?

Lange: Auf jeden Fall. Es gibt ja nicht nur eine körperliche Gewalt, sondern auch eine verbale: Wenn Männer zu Frauen sagen „Halt‘s Maul, Du hast ja keine Ahnung!“, dann ist das ganz klar eine Form von Gewalt.

Das klingt hart.

Lange: Es ist aber so. Es gibt nicht nur körperliche Gewalt, sondern eine viel subtilere Form der Gewalt – so wie in der Sprache.

Nur die männliche Form des Worts Politiker zu nutzen, tut aber niemandem weh.

Spohr: Das stimmt nicht. Nicht angesprochen, nicht gemeint zu sein heißt, nicht gesehen zu werden – und das tut schon weh.

Dass Frauen heutzutage noch immer weniger verdienen, ist mindestens genauso schmerzhaft.

Spohr: Die Lohnlücke zwischen Männer und Frauen. Das ist ein richtig gutes Beispiel dafür, dass die absolute Gleichberechtigung noch immer in weiter Ferne liegt. Der Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen bei gleicher Arbeit liegt bei 21 Prozent – nur in Tschechen und Estland ist die Lücke noch größer.

Woran liegt das?

Lange: Frauen arbeiten häufig Teilzeit und nur selten in Führungspositionen. Häufig sind sie in der Pflege, in der Erziehung, im Einzelhandel tätig, leisten oft noch dazu unbezahlte Erziehungs- und Pflegearbeit in der Familie. Das alles sind Gründe – und das alles sind noch immer Frauendomänen. Da greift eines ins andere: Solange die Arbeit mit Menschen gesellschaftlich weniger wert ist als Arbeit mit Technik oder Finanzen, liegt generell etwas im Argen.

Warum ist das so?

Spohr: Frauen haben verinnerlicht, dass sie zurückstecken und Strukturen akzeptieren sollen. Der Weltfrauentag am Sonntag ist ein wichtiger Hinweis darauf, wie viele Dinge wir noch verändern müssen, damit Frauen in der Gesellschaft und der Sprache gesehen und auch in der Arbeitswelt gerecht bezahlt werden.

Zu den Personen

Heidemarie Lange (52) hat Sozialpädagogik studiert, sie leitet das Frauenhaus des Landkreises. Lange ist liiert, sie wohnt in Melsungen. Bärbel Spohr (54) ist zusammen mit Gerlinde Eckhardt Frauenbeauftragte des Lankreises Schwalm-Eder. Spohr war zuvor viele Jahre im Jugendbildungswerk des Kreises für die Mädchenarbeit zuständig. Die gebürtige Schwälmerin ist verheiratet und lebt in Alsfeld.

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