Coronakrise

Wiederöffnung der Gaststätten: Start mit vielen Auflagen

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Es geht los: Von links Armin Ochs, Josef Krammer und Astrid Krammer vom Restaurant „Das Nägel“ am Fritzlarer Marktplatz werden unter strengen Auflagen wieder öffnen. Reservierungen gibt es bereits.

Restaurants und Cafés dürfen wieder öffnen: Doch es gelten Corona-Regeln. Wir haben mit Gastronomen, dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband und  Ordnungsämtern gesprochen.

Es ist der Tag, auf den die Betreiber des Fritzlarer Restaurants „Das Nägel“ seit Wochen hingefiebert haben. Es ist aber auch der Tag, den sie seit Wochen am meisten fürchten.

Wenn hessenweit die Gastronomie wieder ihre Türen öffnet, zeigt sich: Wie schwer wiegt die Coronakrise? Wir haben mit Armin Ochs, Betreiber von „Das Nägel“,  darüber gesprochen.

Herr Ochs, ist der kommende Freitag einer der schönsten Tage des Jahres für Sie?

Ganz ehrlich? Nein. Ich bin vor allem angespannt und aufgeregt, ob alles klappt. Nicht falsch verstehen, bitte. Natürlich freuen wir uns, dass wir wieder öffnen dürfen, aber dies ist eben keine normale Wiedereröffnung. Sie erfolgt unter strengen Auflagen, Hygienevorschriften und Abstandsregeln. 

Auch datenschutzrechtlich wartet eine große Herausforderung auf uns, da wir personenbezogene Daten unserer Gäste erfassen müssen. Das Problem ist, viele Abläufe sind auch noch gar nicht bis ins kleinste Detail klar. Deswegen sind wir alle etwas nervös, ob wir auch alles richtig machen.

Coronakrise für Renovierung des Restaurants genutzt

Wie ist es Ihnen in den vergangenen Wochen ergangen?

Wir haben die Zeit genutzt, um zu renovieren und alles auf Vordermann zu bringen. Die Gedanken waren währenddessen vor allem von Ängsten geprägt. Es ging nicht um die Angst vor der Schließung, sondern vor der Wiedereröffnung.

Jetzt wird es erst richtig spannend. Vorher wussten wir weitestgehend, was zu tun war: Alle Kosten senken, alles minimieren. Da kann man nicht ganz so viel falsch machen. Nun müssen wir sehen, dass alles genau passt, zum Beispiel der Wareneinkauf und die Personalplanung.

Warum ist es so wichtig für die Menschen, dass Restaurants nun wieder öffnen?

Für uns ist es wichtig, weil wir den Bezug zu unseren Gästen nicht verlieren wollen und dürfen. Sie sollen ihre Gastronomie weiter lieben.

Und vor allem sollen sie bitte keine Angst haben vor uns. Essen zu gehen vermittelt vielen das Gefühl von Freiheit, das soll so bleiben.

Was ist nun ab morgen anders im Nägel?

Die Tische stehen weiter auseinander. Wir haben Leitlinien am Boden aufgeklebt, damit der direkte Kontakt zwischen den Gästen vermieden wird. Es gibt sozusagen eine Art Einbahnstraßensystem.

Außerdem gibt es einen Hinweis zum Händewaschen auf den Toiletten. Wir tragen Mundschutz, die Gäste müssen das nicht. Die Preise verändern sich für unsere Gäste übrigens im Vergleich zu vorher nicht.

Restaurants in der Coronkrise: Soforthilfe vom Staat

Was hätten Sie sich in dieser Krise gewünscht?

Mehr Transparenz. Das war ja ein einziges Chaos zwischen den Bundesländern. Wir und auch unsere Gäste haben da nicht mehr durchgeblickt.

Auch heute sind noch viele Dinge unklar, manche Gäste denken wir haben schon seit einigen Tagen offen, andere denken, ohne Reservierung ist kein Zutritt ins Restaurant möglich, was natürlich nicht stimmt. Die Gäste sind verunsichert. Das Durcheinander, das Regelchaos, das ist das Problem, das wir derzeit sehen.

Was ist gut gelaufen?

Die staatliche Soforthilfe war gut. Jetzt muss sich die Regierung aber noch ein Rettungspaket einfallen lassen. Es ist derzeit nämlich einfach nicht möglich, wirtschaftlich zu arbeiten.

Wenn wir am Jahresende noch 40 Prozent des Vorjahresumsatzes erreichen, ist das ein tolles Ergebnis. Wenn uns nicht geholfen wird, steht vielen Gastronomen Schlimmes bevor.

Wiederöffnung der Gastronomie wird positiv aufgenommen

Ist es ein Vorteil, ein Restaurant in Fritzlar zu haben, und nicht in einer Großstadt?

Ich glaube, es ist ein Vorteil, nicht in einem absolut touristischen Gebiet zu sein. Denn wer aktuell nur vom Tourismus abhängig ist, der braucht im Grunde noch gar nicht aufsperren. Zum Glück sind aber auch viele Einheimische unsere Gäste.

Wie reagieren die Menschen auf Ihre Wiedereröffnung?

Viele freuen sich. Vielen fehlt allerdings auch das Hintergrundwissen. Sie denken, wir machen wieder auf und alles ist gut. Dass es im Grunde aber vorn und hinten für viele Gastronomen nicht reicht, das können viele Menschen ja gar nicht wissen.

Wir fangen nun bei Null an. Unsere Gäste sollen hier nicht an das Virus denken. Sie sollen die Krise vielmehr mal für zwei Stunden vergessen. Das fällt uns leider noch etwas schwer.

Schaffen Sie das?

Ja. Irgendwie.

Zur Person: Armin Ochs von "Das Nägel"

Armin Ochs (40) betreibt gemeinsam mit seiner Schwester Astrid Krammer und deren Ehemann Josef Krammer das Nägel am Fritzlarer Marktplatz. Das Restaurant gibt es seit 2012.

Ochs ist zuvor als Einzelhandelskaufmann tätig gewesen. Seine Schwester und ihr Mann arbeiteten eine Zeit lang als Gastronomen in Österreich. Alle drei leben mittlerweile in Fritzlar.

Strenge Hygienevorschriften begleiten Wiederöffnung

Als katastrophal bezeichnet Theresia Liebermann, Chefin des Landgasthofs Jägerhof in Seigertshausen und Kreisvorsitzende des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga), die Informationen über die Hygienevorschriften zur morgigen Öffnung der Gaststätten. Diese hätten sich die Gastronomen selbst suchen müssen. Die Stimmung der 110 Mitgliedsbetriebe sei gemischt.

Denn die Auswirkungen der Schließung habe sich unterschiedlich ausgewirkt. So seien Wirte, deren Gaststätte in ihrem Eigentum ist, besser über die Runden gekommen. Auch Restaurants, die einen Liefer- oder Holservice angeboten haben, hätten die fehlenden Einnahmen abfedern können.

Die zahlreichen Auflagen für die Wiedereröffnungen seien recht streng. Die Folge: Noch nicht einmal die Hälfte der Gäste könnten bewirtet werden. Auch an der Theke dürfe nichts ausgeschenkt werden.

Ob die Gäste trotz der Auflagen kommen, müsse man abwarten. Wichtig sei, die Vorschriften zu beachten, denn sonst drohten Ordnungsstrafen.

Ordnungsamt überwacht die Wiederöffnung der Gastronomie

Ob die Hygiene- und Abstandsregeln, die aufgrund der Corona-Pandemie in den Restaurants, Cafés und Gaststätten gelten, eingehalten werden, prüft das Ordnungsamt. „Wir nehmen Stichproben“, sagt Udo Maikranz, Ordnungsamtsleiter in Borken. Es sei aber im eigenen Interesse der Gastwirte, die Vorgaben einzuhalten und Ansteckungen mit dem Virus zu verhindern, da sonst die Lockerungen rückgängig gemacht werden müssten. 

Bereits im Vorfeld unterstützen Maikranz und seine Kollegen Gastwirte, die im Ordnungsamt anriefen und Fragen zur Umsetzung der Vorschriften hatten. Sollte es dennoch Verstöße geben, sei das Ziel, sie zu beheben. „Es gibt aber Grenzen, die eingehalten werden müssen.“

Das bestätigt auch Cornelia Berresheim vom Ordnungsamt in Homberg. Gebe es Mängel, würden die Inhaber darauf hingewiesen, mit der Maßgabe, diese zu beheben. „Sollten wiederholt Mängel festgestellt und geahndet werden müssen, erfolgt dies durch das Gesundheitsamt“, sagt sie.

Wiederöffnung in Corona-Zeiten: Mundschutz für das Servicepersonal

„Die Arbeitgeber sind verpflichtet, ihre Mitarbeiter zu schützen “, sagt Andreas Kampmann, Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten für die Region Nord- und Mittelhessen. Dazu gehöre auch der Mundschutz des Servicepersonals.

Der Betrieb sollte anlaufen, denn die meisten Gastronomen hätten keine Rücklagen, um das Kurzarbeitergeld aufzustocken. Doch wer die Auflagen nicht einhalte, müsse mit Konsequenzen rechnen. Das sei „kein Kavaliersdelikt“.

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