Interview mir dem Schulleiter der Dr.-Georg-August-Zinn-Schule in Gudensberg

Ein Jahr Ausnahmezustand an Schulen: „Die Haut ist dünn - Wir schaffen uns die Probleme von morgen“

Schüler mit Mund- und Nasenschutz im Klassenzimmer bei einer Arbeit
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Mund- und Nasenschutz im Unterricht

Der reguläre Präsenzunterricht an Schulen ist seit einem Jahr ausgesetzt. Der Spagat zwischen Wechsel- und Distanzunterricht stellt Eltern, Schüler und Lehrer zunehmend auf die Probe. Wir sprachen mit dem Schulleiter der Gudensberger Dr.-Georg-August-Zinn-Schule, Peter Häßel.

Herr Häßel, ein Jahr Ausnahmezustand an Schulen. Wie lautet Ihr Resümee?
In den vergangenen Wochen zeigte sich, dass die Menschen müde werden. Lockdown-Verlängerung, verschobener Schulstart – das hat Schülern und Eltern wehgetan, die Haut ist dünn.
Welche Auswirkungen hat das auf den Unterricht und die Schüler?
Prinzipiell ist es so, dass gut strukturierte Schüler die Schulschließung besser verkraften, während Schüler, die weniger Unterstützung haben, noch große Probleme bekommen werden. Der Unterschied wird immer größer. Wir können im Digitalunterricht zwar ähnliches vermitteln, aber nicht in der Art und Weise eines Präsenzunterrichtes. Beispiel Fremdsprachenunterricht: Da muss Kommunikation geübt werden und das ist digital unheimlich schwer. Eine Lehrerin hat jüngst sieben Stunden lang jeweils einzeln Prüfungen abgenommen – das ist aber eher die Ausnahme. Zudem fragen die Schüler im Präsenzunterricht deutlich öfter nach, wenn etwas nicht verstanden wird. Digitalunterricht hingegen ermöglicht Schülern, die ohnehin nicht mitkommen, unbeobachtet zum Handy greifen oder sich anderweitig ablenken.
Und als Lehrkraft ist man da machtlos?
Der Digitalunterricht benötigt eine völlig andere Didaktik und Mediothek. Als Lehrer spricht man online teilweise in einen leeren Raum ohne Rückmeldung. Dazu kommen technischen Probleme, die es häufig gibt – und schon wird es schwierig. Für viele Lehrer ist der Einsatz digitaler Medien auch Neuland.
Was können Sie als Schule dennoch tun?
Die Notbetreuung wird in jüngster Zeit verstärkt nachgefragt, insbesondere von jenen Schülern, die zu Hause weniger Unterstützung erfahren und mehr und mehr den Anschluss verlieren. Ein Problem, das sich seit Januar total verschärft hat. Deswegen bin ich auch enttäuscht über den gekippten Wechselunterricht. In Fitnessstudios darf trainiert werden. Wir dürfen aber keine zehn Schüler, die bereit sind Masken zu tragen, in einem 50 Quadratmeter großen Raum unterrichten. Das ist nicht vermittelbar.
Was wünschen Sie sich als Schule von der Regierung?
Ich habe eine andere Meinung als unser Kultusminister: Digital- und Präsenzunterricht sind nicht vergleichbar – das wären sie, wenn jeder Schüler die selben Voraussetzungen hätte. Es ist aber nun mal so, dass wir uns jetzt die Probleme von morgen schaffen. Wenn wir die Schulen nicht öffnen, werden wir dafür im nächsten Jahr bezahlen. Auch mit Hinblick auf die psychische Belastung der Schüler – viele werden alleine gelassen, genau wie die Eltern. Ich wünsche mir in dieser Zeit mehr Pragmatismus. Wir brauchen intelligente Teststrategien, um den Präsenzunterricht wieder zu ermöglichen. Gern sind wir als Schule bereit, das zu unterstützen. Bildung ist unsere große Chance für die Zukunft, uns darf keine Mühe zu groß sein, um zur Entfaltung der Potenziale der Schüler beizutragen.

Zur Person

Peter Häßel (51) ist seit 2016 Schulleiter an der GAZ. Er ist in Nordhessen aufgewachsen, studierte in Heidelberg und Kassel. Er ist verheiratet, hat eine Tochter und wohnt in Fritzlar.

Von Linett Hanert

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