Die zarte Hand war eisern

Elisabeth Schaumlöffel war die erste Bürgermeisterin Hessens

Frau unter lauter Männern: In den 1960er Jahren gehörte Liesel, wie sie genannt wird, der SPD-Fraktion im Kreistag Fritzlar-Homberg an.

Holzhausen/Hahn. Wenn es an der Tür von Elisabeth Schaumlöffel im Altenzentrum Eben-Ezer in Gudensberg klopft, dann ist es manchmal jemand, der auch nach vielen Jahrzehnten noch dankbar für ihre Unterstützung ist und einen Strauß Blumen vorbeibringt.

Denn Liesel Schaumlöffel, die gerade 95 Jahre alt geworden ist, hat vielen Menschen tatkräftig geholfen. Über zwölf Jahre besaß sie die Position dafür. Von 1960 bis 1972 war sie Bürgermeisterin in ihrem Heimatdorf Holzhausen/Hahn: die erste Frau in Hessen, die in ein solches Amt gewählt wurde.

Das sorgte damals sogar bundesweit für Aufmerksamkeit. Im Hamburger Abendblatt erschien am 26. November 1960 ein großer Bericht darüber mit der Titelzeile: „Eine Frau regiert mit zarter Hand über 550 Bürger.“ Und Liesel Schaumlöffel wird darin zitiert: „Die zarte Hand aber wird keine leichte Hand sein, denn es gibt noch viel zu tun in der Gemeinde, und es kommt allerhand auf uns zu.“

Sie wurde jetzt 95 Jahre alt: Elisabeth Schaumlöffel (vorne) war die erste Bürgermeisterin in Hessen, links ihre Nichte Gisela Wicke, rechts ihre Großnichte Martina Schmoll.

Das bestätigt sie heute noch: Holzhausen, das kleine Dorf am Hahn, hatte in jenen Jahren manche Sorgen.Etwa die Wasserversorgung, die gesichert werden musste. Neues Bauland für Vertriebene, aber auch Neubürger, die im nahen VW-Werk arbeiteten, galt es zu erschließen, die Finanzierung der Bauten zu sichern.

„Vielen habe ich damals ein Landesbaudarlehen verschafft“, erinnert sich die 95-Jährige. Und denkt auch an den damaligen Landrat August Franke zurück, der ihr viel geholfen habe. „Er war derselbe Jahrgang wie ich, 1920“, sagt Liesel, und stammte aus dem benachbarten Haldorf.

Ob der Bau der Friedhofshalle (1970), des Dorfgemeinschaftshauses (1964) oder des Wasserhochbehälters am Hahn: Alles fiel in die Amtszeit der einzigen Frau, die damals als Bürgermeisterin arbeitete. Weitgehend ehrenamtlich, denn hauptamtlicher Verwaltungschef wurde erst Heinrich Rudolph ab 1972 für die Gesamtgemeinde Edermünde, die mit der Gebietsreform entstanden war.

Wie kam es eigentlich dazu, dass sie 1960 überhaupt gewählt wurde? „Mein Vorgänger Werner Pipper war zuvor mein Chef“, erzählt sie. Seit 1946 hatte sie als Schreibkraft in dessen Büro gearbeitet. Als Pipper dann nicht mehr weitermachen wollte, habe er gesagt: „Liesel, du kannst das doch machen!“

Sie war damals Gemeindevertreterin für die SPD, und als der einzige Gegenkandidat verzichtete, wurde sie mit sieben von neun Stimmen der Gemeindevertretung zur neuen Bürgermeisterin gewählt.

Ausbildung auf Helgoland: Elisabeth Schaumlöffel lernte in den 1930er Jahren das Hotelgewerbe in einer Pension. Auf dem Foto ist sie mit ihrem Vater Justus auf der Insel zu sehen. Fotos: privat

Es habe nie Probleme gegeben, dass sie als Frau die Geschicke der Gemeinde leitete, sagt Liesel Schaumlöffel: „Ich war bekannt und beliebt im Dorf“, meint sie selbstbewusst. Sie habe jederzeit ein gutes Verhältnis zu den Holzhäusern gehabt. Nach Ende ihrer Amtszeit arbeitete sie bis zum Ruhestand 1982 in der Gemeindeverwaltung Edermünde, war auch Standesbeamtin. Politisch engagierte sie sich eine Zeitlang als Kreistags-Mitglied, 30 Jahre lang war sie Vorsitzende des Awo-Ortsvereins.

Liesel Schaumlöffel, die schon als 13-Jährige im Jahr 1934 eine Ausbildung im Hotelgewerbe auf der Insel Helgoland begonnen hatte, blickt auf ein ungewöhnliches Leben zurück. Sie blieb ledig, nachdem ihr Verlobter im 2. Weltkrieg gefallen war, lernte einen Beruf, war politisch und gesellschaftlich aktiv, kümmerte sich lange um ihre Eltern, ihre Nichte und Großnichte.

Seit gut einem Jahr lebt sie, die heute älteste Bürgerin von Holzhausen/Hahn ist, im Altenzentrum Eben-Ezer in Gudensberg. „Die Augen wollen nicht mehr so richtig“, sagt sie. Aber ihr reger Geist, der ist ihr bis heute unverändert geblieben.

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