Kliniken im Kreis kritisieren Reform der Notaufnahme

Notaufnahme Ziegenhain: Sie sind die Spezialisten für den Notfall

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Gehören zu den wenigen Spezialisten in Deutschland: Leiter Patrick Müller-Nolte und Oberarzt Tobias Honacker haben eine der ersten unabhängigen Notaufnahmen in Schwalmstadt mit aufgebaut.

Notfallmedizin als eigene Disziplin: In anderen Ländern ist das Normalität, aber in Deutschland noch im Entwicklungsstadium. In Ziegenhain gibt es seit 2015 eine autarke Notaufnahme.

Es ist ruhig an diesem Vormittag in der Notaufnahme der Asklepios-Klinik Ziegenhain, nur das regelmäßige Piepen von allerlei Maschinen ist hören. 

Doch diese Ruhe gehört zu den Ausnahmen. „Der Zulauf wird immer größer, es gibt Tage, da starten wir mit minus 20 Betten“, sagt Patrick Müller-Nolte. „Hier kommen täglich bis zu 80 Patienten durch.“ Vor zehn Jahren seien es im Schnitt noch acht Patienten pro Tag gewesen. Der Leiter der Zentralen Notaufnahme (ZNA) gehört mit dem Oberarzt Tobias Honacker zu den wenigen Ärzten in Deutschland, die auf die Notaufnahme spezialisiert sind.

„In Hessen gibt es erst sechs Ärzte mit dem Zusatz „Klinische Akut- und Notfallmedizin“, sagt Müller-Nolte. Das bedeutet, dass man eine Notaufnahme leiten und alle Patienten behandeln kann, unabhängig vom eigenen Fachgebiet.

Interdisziplinäre Notaufnahme seit 2015

Dieser Zusatz ist erst seit Anfang Juli in Hessen eingeführt worden. „Damit ist die Notfallmedizin in Deutschland erstmals eine eigenständige Disziplin.“ In anderen Ländern sei das seit 50 Jahren Normalität. Selbst Kliniken in Frankfurt und Gießen seien noch nach Fachabteilungen orientiert. In der Ziegenhainer Klinik gibt es seit Juli 2015 eine interdisziplinäre Notaufnahme mit Müller-Nolte als erstem unabhängigen Leiter.

„Die Notfallmedizin erhält mit der künftigen Reform einen anderen Stellenwert, bislang hatten Notaufnahmen eher eine Dienstleisterrolle“, sagt Oberarzt Tobias Honacker. Dabei wurden Ärzte aus verschiedenen Fachabteilungen für Schichten abgeordnet, statt eine autarke Abteilung zu bilden.

Iris Schwarz gehört zu den ersten Fachkrankenschwestern für die Notfallkrankenpflege.

Die beiden Notfallmediziner steuern in der eigenständigen ZNA, welche Patienten welche Behandlung benötigen. Dafür ist eine zweijährige Ausbildung nach dem Facharzt-Abschluss notwendig. Es müssen mehrere Gebiete beherrscht werden. Invasive Maßnahmen wie Reanimationen, aber auch Chirurgie, Anästhesie und Psychiatrie.

Außerdem: „Im Fall von Massenverletzten bei einem Unfall oder Feuer muss man in der Lage sein, ein Team von Ärzten und Pflegekräften zu führen“, sagt Müller-Nolte. In einigen Monaten soll diese Weiterbildung zum Akut- und Notfallmediziner auch in der Schwälmer Klinik möglich sein.

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Die vom Gesundheitsminister angestrebte Reform soll die Arbeit in Notaufnahmen erleichtern. Derzeit ist auch die Schwälmer Notaufnahme überlastet, sagt Müller-Nolte. Der Grund: Viele werden falsch verteilt. „Noch kann der Patient entscheiden, dass er in der Notaufnahme behandelt werden will“, erklärt der Notfallmediziner.

Mit der Reform ändere sich das. An ausgewählten Krankenhäusern sollen Integrierte Notfallzentren entstehen, an denen eine medizinische Ersteinschätzung vorgenommen wird.

Dort wird ermittelt, ob der Patient in die Notaufnahme gehört oder auch beim Ärztlichen Bereitschaftsdienst behandelt werden kann. Doch für einen solchen Notfall-Tresen braucht es auch geschultes Personal, das nach dem Triage-System einschätzen kann, wie dringend der Patient behandelt werden muss. 

Nicht jedes Krankenhaus erfülle die Anforderungen für ein Integriertes Notfallzentrum, doch die Ziegenhainer Klinik sei gut vorbereitet, sagt Tobias Honacker. Dazu gehört unter anderem, dass sie alle nötigen Abteilungen für eine erweiterte Notfallversorgung aufweist, wie eine Unfallchirurgie und Innere Medizin.

Kritik an Reform: Verteilung von Patienten bereits am Telefon

Lange Wartezeiten in Notaufnahmen führen bei Patienten oft zu Frust und Aggression, auch im Landkreis. Ein Gesetzesentwurf soll die Notfallversorgung künftig neu regeln. Bei der Reform sind unter anderem Notfall-Leitstellen geplant: Ausgebildete Mitarbeiter entscheiden bereits am Telefon, wem in der Notaufnahme und wem bei Ärztlichen Bereitschaftsdiensten (ÄB) geholfen werden kann. 

„Die Reform ist längst überfällig, um überfüllte Notaufnahmen zu verhindern“, sagt SPD-Bundestagsabgeordneter Dr. Edgar Franke. Die Belastung für Ärzte und Pflegekräfte sei auch in der Ziegenhainer Notaufnahme zu spüren, sagt Dr. Dagmar Federwisch, Geschäftsführerin der Asklepios Kliniken Schwalm-Eder. Dort werden pro Jahr 20.000 Patienten versorgt. 

Wichtig bei den Notfall-Leitstellen sei, dass das Personal gut geschult sei, betont Federwisch. Die Nummern 112 und 116117 (ÄB) sollen im Zuge der Reform zusammengelegt werden. Ein Problem: „Wenn man beide Nummern bearbeiten muss, könnte es zu Verzögerungen kommen“, warnt Federwisch. Für Dr. Carsten Bismarck, Chefarzt des Hospitals zum Heiligen Geist Fritzlar, liegt der Vorteil der Reform auf der Hand: „So kann man Bagatellfälle unbürokratisch herausfiltern und Notfällen eine schnellere Hilfe bieten.“ 

Täglich kämen bis zu 100 Patienten in die Fritzlarer Notaufnahme, 70 Prozent davon seien keine wirklichen Notfälle. Doch der Chefarzt sieht ein Fragezeichen bei der Einschätzung der Schwere der Fälle: „Ich halte es nicht für machbar, medizinische Entscheidungen über das Telefon zu treffen.“ Das bedeute ein hohes Risiko, etwa bei einer Fehleinschätzung eines Herzinfarktes. 

Bismarck fehlen auch konkrete Pläne zur Umsetzung, etwa was die Finanzierung der ambulanten Versorgung angeht – die Reform soll sie in den Krankenhäusern steuern. Dieser Sektor werde bislang durch Kassenärztliche Vereinigungen vergütet und könnte somit eine zusätzliche Belastung für Kliniken darstellen.

Fahrt im Rettungswagen ist keine Eintrittskarte

Viele, die in Notaufnahmen kommen, gehören dort eigentlich nicht hin. Auch in der Ziegenhainer Klinik sind etwa die Hälfte aller Patienten keine Notfälle. Diese Erfahrung haben die beiden leitenden Ärzte Patrick Müller-Nolte und Tobias Honacker gemacht. „Vielen kann man das auch gar nicht zum Vorwurf machen, weil sie es nicht besser wissen“, sagt Oberarzt Honacker. 

Der größte Ansturm kommt gegen 17 Uhr, wenn die meisten Feierabend haben, sagt Leiter Müller-Nolte. Tatsächlich gingen viele zuerst zum Hausarzt, bevor sie sich auf den Weg in die Notaufnahme machen. 70 Prozent der Patienten erreichen die Klinik nicht per Rettungswagen, sondern per Taxi oder Auto. Es kommt sogar Kundschaft aus dem Vogelsbergkreis und Marburg-Biedenkopf.

Von nicht dringend bis sofort: Anhand des Manchester-Triage-Systems werden Patienten in Notaufnahmen nach ihrer Dringlichkeit eingestuft.

Für viele Menschen sei überraschend: „Eine Fahrt per Rettungswagen ist keine Eintrittskarte in die Notaufnahme“, sagt Honacker. Auch diese Patienten müssten erst anhand der Triage eingeschätzt werden und warten, zur Not auf der Trage. Auf einem Computermonitor – den sogenannten Cockpit – verfolgen die Ärzte, wie viele Patienten mit welchen Symptomen und mit welcher Dringlichkeitsstufe eingeliefert werden. 

Der Zulauf wird immer größer, viele kommen auch mit Bagatellfällen wie Husten oder Schnupfen in die Notaufnahme, was wiederum die Wartezeiten für andere verlängert. „Für todkranke Menschen können ein bis zwei Ärzte schon mal bis zu zwei Stunden brauchen“, sagt Honacker. 

Doch das Problem liege nicht nur in den langen Wartezeiten. Die Erwartungshaltung der Patienten sei häufig, dass sie in der Notaufnahme die komplette Behandlung erhalten, und dann wieder gehen könnten. „Das können wir aber gar nicht leisten.“ 

Tagsüber kümmern sich die zwei Ärzte und drei Pflegekräfte um die Patienten. Wenn mehrere Untersuchungen notwendig sind, kann es zu einer stationären Behandlung kommen. „Das stößt nicht immer auf Verständnis, aber man muss die Spielregeln einhalten“, so Honacker.

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