„Diese Vielfalt in Stärke umsetzen“

75 Jahre Niedersachsen: Ministerpräsident Stephan Weil über Fußball, Grenzen und Demokratie

Stephan Weil (SPD), Ministerpräsident von Niedersachsen, feiert am 07.10.2021 mit einer Gala in Berlin den 75. Landesgeburtstag des Bundeslandes Niedersachsen in der Landesvertretung Niedersachsens.
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Stephan Weil (SPD), Ministerpräsident von Niedersachsen, feiert am 07.10.2021 mit einer Gala in Berlin den 75. Landesgeburtstag des Bundeslandes Niedersachsen in der Landesvertretung Niedersachsens.

Das Bundesland Niedersachsen wird 75 Jahre alt. Gefeiert wird im Kuppelsaal in Hannover. Ein Interview mit Ministerpräsident Stephan Weil.

Hannover – Niedersachsen feiert am 1. November 2021 das 75-jährige Bestehen – mit einem Festakt im Kuppelsaal. Zuvor haben wir mit Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) über den „Geburtstag“, sein Land und die Niedersachsen gesprochen.

Was ist für Sie der schönste Ort in Niedersachsen?
Das dürften doch viele wissen. Es ist mein Platz auf der Westtribüne im Hannoverschen Stadion. Das ist aber gleichzeitig der Ort, wo ich mich in meinem Leben auch am meisten geärgert habe.
Wegen der Gruselspiele Ihres Lieblingsklubs?
Es ist eine schicksalhafte Verbindung. Ich bin jetzt seit 55 Jahren bei den Heimspielen von Hannover 96, nur unterbrochen von der Corona-Pandemie. Da gab es viele Momente, bei denen ich mich schwer aufregen musste. Auf der anderen Seite verdanke ich meinem Verein auch einige der schönsten Momente in meinem Leben.
Fans von Braunschweig oder Osnabrück würden das sicher anders sehen. Es gibt Rivalitäten im Fußball, aber auch in anderen Bereichen. Kann man denn von dem “einen“ Land Niedersachsen sprechen?
So wie ich eben als Hannoveraner geantwortet habe, so würde ein Braunschweiger über seine Stadt sprechen. Ein Küstenbewohner würde ganz andere Dinge betonen. Niedersachsen ist eben nicht aus einem Holz geschnitzt. Es ist so etwas wie ein Föderalismus im Föderalismus. Und das war es von Anfang an. Vor 75 Jahren sind sehr selbstbewusste Regionen zusammengekommen – jeweils mit einer eigenen Geschichte, Tradition, auch mit zum Teil unterschiedlichen Mentalitäten. Das Kunststück in Niedersachsen ist immer gewesen, diese Vielfalt in Stärke umzumünzen. Aber niemals zu versuchen, alles über einem Kamm zu scheren.
Inwieweit gibt es dann eine eigene Identität?
Wir sind allesamt Norddeutsche. Also ausgestattet mit einer gewissen Grundgelassenheit, mit einer Nüchternheit, einer sich eher nach innen ausdrückenden Leidenschaftlichkeit und einem eher trockenen Humor. Aber auf die Frage im Urlaub: „Wo kommst du her?“ werden die wenigstens von uns antworten: „aus Niedersachsen“. Das hat seinen guten Grund. Den Erfolg des Landes Niedersachsen hat dies aber nicht geschmälert, sondern überhaupt erst möglich gemacht. Einheit in Vielfalt.
Kommen der Deichbauer aus Ostfriesland, die Schäferin aus der Heide und der Metallbauer aus dem Harz miteinander klar?
Sehr gut sogar. Vor ein paar Wochen hatte ich in Göttingen ein schönes Schlüsselerlebnis. Zu Beginn meiner Rede hatte ich die Anwesenden mit einem herzlichen „Moin“ begrüßt. Das wäre früher in Südniedersachsen vermutlich ziemlich seltsam rübergekommen. Meine Freude war also groß, als ein paar hundert Leute mit einem lauten „Moin“ zurückgegrüßt haben.
Niedersachsen grenzt an neun Bundesländer und an die Niederlande. Ist das Land für alle ein guter Nachbar?
Das ist jedenfalls unser Anspruch. Wir haben eine besonders intensive, auch politische Zusammenarbeit in Norddeutschland. In wichtigen Bereichen wie zum Beispiel Klimaschutz und Energiepolitik haben die norddeutschen Länder große Gemeinsamkeiten. Das gilt erst recht für die maritime Wirtschaft.
Und im Westen, Osten und Süden?
Mit NRW haben wir unsere längste Grenze, mit Sachsen-Anhalt die zweitlängste. Da gibt es hüben und drüben ausgesprochene Sympathien. Der Prozess der inneren Einheit ist zwar längst noch nicht abgeschlossen. Aber nach meinem Empfinden herrscht zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt ein sehr entspanntes Verhältnis. Man merkt in Ost-Niedersachsen, dass sich dort ein gemeinsamer Wirtschaftsraum mit dem Westen unseres Nachbarlands entwickelt hat. Wir betrachten uns als ausgesprochen offen. Das ist übrigens kein Wunder. Niedersachsen ist ja als sehr bunte Gesellschaft gegründet worden, geprägt von anderthalb Millionen Menschen, die erst Monate zuvor hier ihre neue Heimat gefunden haben.
Sind denn diese vielen Nachbarn auch immer lieb zu Niedersachsen?
Ja. Wir haben zu allen Nachbarn sehr entspannte, freundschaftliche Verhältnisse. Das gilt insbesondere auch im politischen Raum. In der nachbarschaftlichen Zusammenarbeit spielen Parteibücher keine Rolle.
Sind Länderfusionen auch nach 75 Jahren ein Thema?
Das ist so ein bisschen das Loch Ness der norddeutschen Politik. Einmal im Jahr taucht das Ungeheuer Länderneugliederung auf, guckt sich um und taucht wieder ab. Daraus wird nichts, auch nicht in den nächsten 75 Jahren. Da bin ich sehr sicher. Dabei geht es nicht nur um ein Festklammern an bestehende Grenzen. Man muss es pragmatisch betrachten. Es würde ein sehr großes Gebilde herauskommen, das danach schreien würde, darunter wieder kleine Einheiten zu bilden. Damit ist niemanden gedient. Mit unserem Föderalismus haben wir eine gute Form von Dezentralität. Das ist das Erfolgsrezept für Niedersachsen und die Bundesrepublik. Ein Einheitsstaat brächte keine Vorteile.
Die nächsten 75 Jahre werden wir beide nicht mehr bis zum Ende erleben…
…da wäre ich jetzt nicht so pessimistisch (lacht).
Wie wird Niedersachsen den „150.“ feiern?
Schwierige Frage. Ich empfehle immer gern „Die kurze Geschichte der Menschheit“ von Yuval Noah Harari. Das Buch gibt einen spannenden Überblick über 300.000 Jahre Menschheitsgeschichte. Die Pointe am Ende: Laut Harari hat es noch keine Generation gegeben, die in so kurzer Zeit so grundlegende Veränderungen erlebt hat, wie unsere. Vor diesem Hintergrund vermag ich mir gar nicht auszumalen, wie in 75 Jahren die Menschen in der norddeutschen Tiefebene leben werden, was das dann alles noch mit unserer Gegenwart zu tun hat. Klimaschutz und neue Technologien werden sicher das Leben weiter deutlich verändern. Und ich hoffe sehr, dass die Menschen in Niedersachsen – und am besten überall – in Frieden und in einer Demokratie leben werden.

(Peter Mlodoch)

Zur Person: Stephan Weil

Stephan Weil (62) ist seit Februar 2013 Ministerpräsident von Niedersachsen, zunächst in einer rot-grünen Koalition, ab November 2017 in einem Bündnis von SPD und CDU. Von 2006 bis 2013 war der frühere Richter und Staatsanwalt, der Jura in Göttingen studiert hat, Oberbürgermeister von Hannover. Seit 2012 leitet der gebürtige Hamburger als Vorsitzender die Landes-SPD. Weil ist verheiratet, hat einen Sohn und wohnt in Hannover. (Thomas Kopietz)

Zuletzt sprach sich Ministerpräsident Stephan Weil für ein Bestehen der Corona-Regeln in Niedersachsen aus. Besonders das höhere Infektionsrisiko in Innenräumen bereite ihm Sorgen.

Ex-Landeschefs über ihr Niedersachsen

Das sagen Ex-Ministerpräsidenten über Niedersachsen:

  • Gerhard Schröder (SPD, 1990-1998) „Niedersachsen ein Land, in dem man gerne lebt, weil es durch unterschiedliche Landschaften, interessante Städte und nette Menschen geprägt ist. Wie kaum ein anderes Bundesland steht es für die Vielfalt, aber auch für wirtschaftlichen Erfolg und sozialen Ausgleich. Herausforderungen, wie der Strukturwandel in Landwirtschaft und Industrie wurden über Jahrzehnte erfolgreich gemeistert.“ 
  • Gerhard Glogowski (SPD, 1998-1999) ..Niedersachsen ist meine Heimat, weil ich die Menschen mag und wir wunderbare Naturlandschaften haben, zum Schwimmen in der Nordsee, zum Wandern in Harz und Heide. Und weil Niedersachsen eine gute wirtschaftliche Zukunft hat.“
  • Sigmar Gabriel (SPD 1999-2003): „Niedersachsen ist ein sicheres Fundament, um sich die Welt zu erobern, weil die Heimat Niedersachsen nichts rückwärts Gewandtes oder gar Provinzielles ist. Niedersachsen sind zwar vor allem und zuerst Emsländer, Osnabrücker, Oldenburger, Ostfriesen, Hannoveraner, Schaumburger, oder Harzer. Aber obwohl wir unsere „Kirchtürme“ lieben, schauen wir von dort aus immer in die Welt, verlieren die Zukunft nicht aus den Augen.“
  • Christian Wulff (CDU, 2003-2010): „Niedersachsen ist einzigartig, weil die Menschen einerseits ihre Eigenarten pflegen und bewahren dürfen und andererseits großer Zusammenhalt besteht. Und weil man im Sommer im Meer baden und im Winter in den Bergen Ski fahren kann.“
  • David McAllister (CDU, 2010-2013): „Niedersachsen europäisch, weil unser Land im Herzen der EU liegt, wir enorm von einem vereinten Europa profitieren und mit unseren Nachbarn in den Niederlanden eng und freundschaftlich verbunden sind.” (ymp)

Das ist Niedersachsen: Briten, Prinzen, Protestler und Rock-Giganten

Als „sturmfest und erdverwachsen“ bezeichnen sich die Niedersachsen gern – in Anlehnung an die inoffizielle und blutrünstig getextete Hymne „Lied der Niedersachsen“ aus den 20-er Jahren. Das Land aber wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg am politischen Reißbrett entworfen – mit der Verordnung Nr. 55 hob die britische Militärregierung am 8. November 1946 das neue Gebilde rückwirkend zum 1. November aus der Taufe. Aus den kurz zuvor errichteten Ländern Braunschweig, Hannover, Oldenburg und Schaumburg-Lippe wurde also Niedersachsen – eher auf Besatzerbefehl als freiwillig.

Vorausgegangen war ein Tauziehen; Braunschweiger und Oldenburger hatten auf die Eigenständigkeit gepocht. Vergeblich. Der geschaffene Artikel 72 der Landesverfassung, der die Wahrung und Förderung der „kulturellen und historischen Belange“ der vier Gründerländer garantiert, war lange ein schwacher Trost. Bis in die 70-er Jahre gab es Abspaltungsgedanken, und bis heute bestehen Rivalitäten. So achten die Parteien streng auf regionalen Proporz; die CDU ist noch immer in die drei Landesverbände Hannover, Oldenburg und Braunschweig unterteilt.

  • Stars und Politiker: Pop-Titan Dieter Bohlen und die Rockband Scorpions („Wind of Change“) sind „Niedersachsen“; Star-Pianist Igor Levit lebt hier, wie große Politiker: Alt-Kanzler Gerhard Schröder (SPD), Ex-Bundespräsident Christian Wulff, Grünen-Chefin Annalena Baerbock, EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen.
  • Protest: Das Wendland mit den Demos der unbeugsamen Protest-Gallier gegen ein Endlager in Gorleben gilt als Wiege der Anti-Atomkraft-Bewegung. Die größte Demo-Schlacht der bundesdeutschen Geschichte gab es aber 1977 am AKW Grohnde – das wird nun bald abgeschaltet.
  • Skandale und Intrigen: Sie durchziehen die Historie. So das Pinkeln von Welfenprinz Ernst August von Hannover am türkischen Expo-2000-Pavillon samt Prügel gegen Presseleute. Und drei bis heute unbekannte Überläufer ließen 1976 die SPD/FDP-Koalition platzen, brachten den damals noch unbekannten CDU-Abgeordneten Ernst Albrecht unverhofft ins Amt des Ministerpräsidenten.
  • Katastrophen: 101 Menschen verloren 1998 durch das ICE-Unglück bei Eschede ihr Leben. Trotz 29 Todesopfern unter Tage spricht man noch heute vom „Wunder von Lengede“, als 1963 elf in einem eingestürzten Bergwerk eingeschlossene Kumpel nach 14 Tagen noch gerettet werden konnten. 2006 starben beim Transrapid-Unfall auf der Versuchsstrecke im Emsland 23 Menschen – das Aus für die Magnetschwebe-Technik in Deutschland.
  • VW: Der 2015 hochgekochte Dieselbetrug brachte VW ins Schleudern. Fünf Standorte hat der Konzern im Land – neben Wolfsburg auch Werke in Emden, Hannover, Braunschweig und Salzgitter. Das Land hält 20 Prozent der VW-Aktien, verfügt so über eine Sperrminorität, die konnte sie bislang gegen die Eingriffe der EU-Wettbewerbshüter behaupten.
  • Die Niedersachsen: Sie mögen als dröge gelten, bezeichnen sich aber lieber als besonnen und ausgleichend. Das sind nicht die schlechtesten Aussichten – für die nächsten 75 Jahre. (ymp/tko)

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