Niederschläge im Winter reichen nicht

Acker und Wälder sind in Niedersachsen weiterhin zu trocken

Wasser-Reservoir für Niedersachsen: Auch wenn im Winter 20/21 durchschnittlich mehr Niederschlag fiel, gab es im Februar beinahe historische Tiefstände in den Harz-Talsperren – hier der Odersee.
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Wasser-Reservoir für Niedersachsen: Auch wenn im Winter 20/21 durchschnittlich mehr Niederschlag fiel, gab es im Februar beinahe historische Tiefstände in den Harz-Talsperren – hier der Odersee. Auch die Böden waren zu trocken. Das

Nach zu warmen Temperaturen und durchschnittlichen Niederschlägen in den Wintermonaten startete der April regnerisch mit etwa zehn Liter pro Quadratmeter Regen in den ersten Tagen. Dennoch können die Niederschläge nicht das Defizit der vergangenen Dürrejahre und -monate ausgleichen.

Kassel/Hannover – Das macht Klimaexperte Guido Halbig vom Deutschen Wetterdienst (DWD) deutlich.

„Seit 2018 waren die Jahre sehr trocken und das hat Spuren hinterlassen. Es müsste deutlich mehr regnen, um die Wasserspeicher der Böden wieder zu füllen.“

Das Frühjahr war geprägt von extremen Temperaturunterschieden und außergewöhnlichen Mengen Schnee. So erreichte der Winter 20/21 mit knapp 180 Litern pro Quadratmeter fast genau seinen Klimawert von 181 Litern. Der März stand oftmals im Einflussbereich von Hochdruckgebieten. Nur zur Monatsmitte kam es zu einer Westströmung, mit der mehrere Sturm- sowie größere Niederschlagsgebiete über Deutschland wanderten. Nach Auswertungen von etwa 2000 Messstationen war der Monat insgesamt recht sonnig und niederschlagsarm, teilt der DWD mit. So fielen im Schnitt etwa 55 Liter pro Quadratmeter in Niedersachsen, in Hessen waren es nur etwa 40 Liter.

Auch der Januar und Februar waren trockener als der Durchschnitt“, sagt Halbig. „In den ersten Apriltagen fielen bis zu zehn Liter pro Quadratmeter. Auch das ist nicht überdurchschnittlich viel. Wir müssen nun abwarten, wie sich der Monat weiter entwickelt“, sagt Halbig.

„Wir stellen fest, dass sich durch den wärmeren Nordpol die Strömungen verlangsamen und Hoch- und Niedrigdruckgebiete ortsfester werden.“ Dadurch sei es möglich, dass andauernde Extremwetterlagen künftig häufiger werden.

Bei den Landwirten der Region stellt sich nach den durchschnittlichen Regenfällen der vergangenen Monate noch keine Entspannung ein. Norbert Klapp, Landwirt aus dem Schwalm-Eder-Kreis, sagt: „Wir leben derzeit von der Hand in den Mund. Die Niederschläge, die fallen, sind nach kürzester Zeit schon wieder weg, sodass es schnell schon wieder trocken ist.“

Eine Sprecherin des hessischen Bauernverbands bilanziert: „Seit 2018 haben wir mit starken Dürren zu kämpfen. Die tieferen Bodenschichten sind weiterhin zu trocken“, so die Sprecherin.

Etwas besser sei die Situation dagegen in Niedersachsen, bestätigt dort der Landesbauernverband. Zwar seien die Böden weiterhin trocken, dennoch habe eine gute oberflächliche Feuchte die Frühjahrsbestellung erleichtert. Die Niederschläge im November und Dezember seien ausreichend gewesen. Der starke Wintereinbruch im Februar hätte der Saat nicht geschadet, im Gegenteil. Die geschlossene Schneedecke wirkte für das Wintergetreide wie eine Isolierschicht, die dafür sorgte, dass sich die Wärme im Boden staute und Frostschäden ausblieben.

Auch die Forstwirtschaft leidet trotz durchschnittlicher Regenfälle weiter und hat mit Wetterphänomene zu kämpfen. In den vergangenen drei Jahren entstanden in den Wäldern und Forstbetrieben in Deutschland wirtschaftliche Schäden von etwa 13 Milliarden Euro, so der Deutsche Forstwirtschafsrat.

Eine Entspannung der Lage sei noch lange nicht in Sicht. „Der Regen der vergangenen Tage tat gut, führt aber zu keiner nachhaltigen Erholung“, sagt Johannes Weidig von Hessenforst. Die Nässe sei in die oberen Bodenschichten eingedrungen und würde so besonders jungen Pflanzen beim Wachsen helfen, „Für geschwächte, altere Bäume reicht das aber nicht. Dafür bräuchten wir lang anhaltende Regenfälle.“ Durch die langen Dürreperioden seien die Wälder generell zu trocken. Für 2021 rechnet Weidig erneut mit einem starken Borkenkäferbefall. „Die Insekten breiten sich expotenziell aus. Da sie im Boden überwintern, können ihnen kalte Frostperioden wenig anhaben.“ Durch kühles Wetter würde sich aber ihre Entwicklung verzögern.

Speicherkapazitäten: Neue Talsperren im Harz?

Die Harztalsperren sind „das“ Trinkwasserreservoir in Niedersachsen. Seit 2018 verzeichneten sie nicht nur im Sommer zum Teil bedenkliche Tiefstände. Deshalb überlegen Wissenschaftler der TU Claustal und Braunschweig sowie der Ostfalia Hochschule eine Problemlösung und sogar eine Ausbau der Wasser- und Energiespeicher – durch den Bau neuer Talsperren oder den Umbau bestehender Systeme. So könnten 90 Millionen Kubikmeter mehr Wasser gespeichert werden, heißt es. Rund 180 Millionen Kubikmeter beträgt das aktuelle Speichervolumen der von den Harzwasserwerken im Westharz betriebenen Talsperren

In Frage käme so ein Steinbruch oberhalb der Okertalsperre. Das zweite Staubecken könnte den Bau eines Pumpspeicherkraftwerks ermöglichen. Ähnliches könnte an der Odertalsperre installiert werden, die zudem für die Trinkwassergewinnung genutzt werden könnte. Geprüft würden auch Stauprojekte im Siebertal und die Verbindung dort mit der Granetalsperre.

Trockene Böden und Stark-Regenereignisse aber bedeuten auch eine Hochwassergefahr – in den vergangenen Jahren waren der Raum Hildesheim und Goslar stark betroffen. Dort könnte das Wasser der Gose abgeleitet und in der Granetalsperre gespeichert werden.

Übrigens: Im Februar 2021 wiesen die sechs Westharztalsperren mit 79,1 Millionen Kubikmetern die zweitniedrigste Füllmenge seit 1981 auf. 2017 waren es im Februar 70,1 Millionen Kubikmeter gewesen. (Felix Busjaeger und Thomas Kopietz, mit lni)

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