Frühlingsfest am 28. Februar

Gegen Hells Angels und Partei "Die Rechte": Güntersen lebt Zivilcourage

Freuen sich auf viele Gäste beim Frühlingsfest in Güntersen: (von links) Ortrud Scholle-Spalke, Bernd Lehr, Barbara Janhns-Hasselmann, Frank Spalke und Ortsbürgermeister Norbert Hasselmann. Foto: Schröter

Güntersen. Nur noch wenige Tage: Dann steigt am Samstag, 28. Februar, in Güntersen bei Adelebsen das große Frühlingsfest - ein glänzendes Beispiel für Zivilicourage.

Die Veranstaltung war ursprünglich als Protest für den letzten Februar-Samstag geplanten und mittlerweile abgesagten Aufmarsch von Mitgliedern der Partei „Die Rechte“ vorgesehen. „Natürlich hatten wir zwischendurch alle ein mulmiges Gefühl“, sagt Bernd Lehr, der das Festkomitee leitet.

Und das ist auch nicht weiter verwunderlich. Schließlich richtete sich der Widerstand der Günterser am Anfang gegen niemand Geringeren als die Deutschen Bosse des Rockerclubs Hells Angels. Diese hatten im Februar vergangenen Jahres begonnen, ihre Treffen in einem Gasthof des zwischen Dransfeld und Adelebsen gelegenen 600-Einwohner-Dorfes zu veranstalten.

„Als ich bei den beiden Inhabern nachfragte, was da los sei, wurde mir gesagt, es handle sich um eine Pinkelparty für den Neugeborenen eines Mitglieds“, erzählt Ortbürgermeister Dr. Norbert Hasselmann. Als einen Monat später erneut Autos aus zahlreichen deutschen Städten mit den Buchstaben HA (Hells Angels) oder den Ziffern 81 (Umschreibung des Clubnamens) das Ortsbild prägten und man die Information bekam, dass es sich diesmal um eine Kindstaufe handele, habe Hasselmann die Gasthofbetreiber aufgefordert, die deutsche Hells Angels-Spitze kein weiters Mal zu bewirten. Als im Mai trotz der Bedenken und Ängste der Menschen und trotz der eindringlichen Bitte des Ortbürgermeisters ein drittes Treffen der Hells Angels-Bosse stattfand, begann der Widerstand.

„Zunächst erklärten sich etwa 30 Personen bereit, bei einem möglichen nächsten Treffen ihre Autos in den Weg zu stellen und im Rahmen ihrer Möglichkeiten kleine Nadelstiche zu setzen, um die Räume eng zu machen“, erzählt Bernd Lehr. Als es am 4. August wieder soweit war und man tatsächlich alles versuchte, den Rockerbossen das Leben so schwer wie möglich zu machen, vermisste man die Unterstützung der anwesenden Polizei. „Angeblich aus Gründen der Deeskalation wurde zugelassen, dass Barrikaden weggetreten und die Autos auf privaten Grundstücken geparkt wurden“, erinnert sich Norbert Hasselmann zurück. Seine anschließende Beschwerde bei Landrat Bernhard Reuter, die Polizei habe sich nicht an Absprachen gehalten, führte zu einem klärenden Gespräch, an dem unter anderem Innenminister Boris Pistorius und Polizeipräsident Robert Kruse beteiligt waren.

„Und dieses Gespräch hat sicher mit dazu geführt, dass der Göttinger Hells Angels-Club mit seinem Sitz im benachbarten Adelebsen verboten wurde und sich vier weitere in Niedersachsen aufgelöst haben“, glaubt Hasselmann. (per)

Rechte Gruppierung im Fahrwasser

Nach dem Erfolg gegen die Hells Angels war der Ärger nicht vorbei: Im Fahrwasser der Rocker hatte ein Mitglied der Partei „Die Rechten“ inzwischen für den 28. Februar einen „Horst-Wessel-Gedenkmarsch“ durch das Dorf angemeldet.

„Weil wir gesehen haben, dass unser Ortsbürgermeister mit der ganzen Problematik allein auf weiter Flur dastand, entschlossen wir uns, als Gegenveranstaltung ein großes Frühlingsfest zu organisieren“, sagt Bernd Lehr, der spontan den Vorsitz des zunächst achtköpfigen Festkomitees übernahm. Und obwohl der braune Gedenkmarsch nach der Ankündigung einer Verbotsverfügung durch den Landkreis Mitte Januar abgesagt worden war (die HNA berichtete), laufen die Planungen für das Fest weiter auf Hochtouren. „Wir ziehen das jetzt durch und wollen damit den Rechten zeigen: Ihr könnt machen, was Ihr wollt, aber nicht mit uns“, sagt Lehr. Erleichterung oder ein Hochgefühl über das Erreichte sei nicht vorhanden. „Aber die Dorfgemeinschaft ist dadurch definitiv enger zusammengerückt“, sagt Bürgermeister Hasselmann.

„Es ist beeindruckend, wenn eine Dorfgemeinschaft eine solche Botschaft formuliert und in eine Form wie dieses Fest gießt“, sagt Erich Sidler, Intendant des Deutschen Theaters. Das müsse einfach unterstützt werden. „Hier wehrt sich ein Dorf und es ist beruhigend zu sehen, dass das auch gelingen kann“, ergänzt Michael Schluff vom Rockbüro. Und alle Beteiligten sind sich einig: Dieses Fest wird über die Grenzen Südniedersachsens hinaus wahrgenommen werden und könnte für die Zukunft Leuchtturmcharakter haben. (per)

Aktionstag am 28. Februar mit Göttinger Symphonie Orchester und Mark Gillespie

Das Frühlingsfest „bunt statt braun“ soll am Samstag, 28. Februar, ab 10 Uhr viele Gäste nach Güntersen locken.

Für den Aktionstag, der ein halbes Jahr „alle Ressourcen des Dorfes gebunden“ habe und das mittlerweile riesige Ausmaße annimmt, bekommen die Günterser prominente Unterstützung. Hier das Programm des Festes im Überblick:

• 10 Uhr: Ökumenischer Gottesdienst mit Superintendent Friedrich Selter und Dechant Wigbert Schwarze im Zelt auf dem Günterser Schmiedeplatz in der Dorfmitte.

• 11.30 Uhr: Ansprachen zum Thema.

• 13 Uhr bis in die Abendstunden: Kulturprogramm mit dem Göttinger Symphonieorchester, den Künstlern Deep River und Garage Royal aus Münden, seven-up, Merry go round und dem KlezmerProjekt aus Göttingen, der Berliner Gruppe Zigan Tzigan, Soul-Rock mit Mark Gillespie aus Aachen. Außerdem ist das Ensemble des Deutschen Theaters dabei.

• Es gibt ein großes Angebot an Speisen und Getränken. Aufwärmen kann man sich im Zelt. (per)

www.guentersen.de

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