Bald Diskussion im Gemeinderat

Mahnmal für Juden-Deportation: Neue Chance für Adelebser Erinnerungsstele

Mahnmal am jüdischen Friedhof außerhalb von Adelebsen
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Das Mahnmal am jüdischen Friedhof außerhalb von Adelebsen existiert seit 2012.

„Klein-Jerusalem“ wurde Adelebsen im 19. Jahrhundert auch genannt – in Anlehnung an die wichtige Rolle, die jüdische Geschäftsleute im Flecken zu dieser Zeit spielten. Unter den Nazis wurden alle jüdischen Einwohner in das KZ Theresienstadt verschleppt. Nur ein Überlebender kehrte nach Ende des Krieges von dort zurück.

Adelebsen – Um an das Leid und Grauen der damaligen Deportationen zu erinnern, entstand die Idee, eine Erinnerungsstele in Adelebsen zu errichten. Doch bei der Gemeinderatssitzung im Juni fand sich keine Mehrheit für das Projekt, für das sich auch der Adelebser Bürgermeister Holger Frase (SPD) persönlich engagiert hatte. Nur drei der 13 anwesenden Ratsmitglieder stimmten für den Vorschlag.

Zusammen mit dem inzwischen verstorbenen Theologen Prof. Dr. Berndt Schaller und David Blank, Nachfahre einer jüdischen Großmutter aus Adelebsen, hatte Holger Frase einen Text für das Mahnmal erarbeitet, das am Ort der damaligen Deportationen – dem Ratskeller – angebracht werden sollte. Wie Frase sagte, ergaben Diskussionen nach der Abstimmung, dass einige Gemeinderatsmitglieder sich vor allem am Ort der Stele störten.

Der 77-jährige und in Jerusalem lebende David Blank wollte das nicht hinnehmen – auch weil er einer der letzten noch lebenden Nachkommen der Juden aus Adelebsen ist. Er suchte deshalb Hilfe bei der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) in Göttingen. Diese schrieb kürzlich einen Brief an den Gemeinderat, in dem sie eindringlich darum bat, die Entscheidung noch einmal zu überdenken. „Eine Gedenktafel mitten in Adelebsen, wie sie in gemeinsamer Planung von Herrn Blank, Herrn Schaller und Herrn Frase vorgesehen war, und zwar an der Stelle, von der aus die jüdischen Menschen den Weg in die Deportation antreten mussten, wäre eine angemessene Form des Gedenkens und würde die bei Ihnen bereits gelebte Erinnerungskultur für alle sichtbar machen“, hieß in dem von der Vorsitzenden Esther Heling-Hitzemann unterzeichneten Schreiben.

Unter Einfluss dieses Briefes, der politischen Gesamtumstände und der nach der Abstimmung entbrannten Diskussion um einen geeigneten Ort, gibt es nun wieder Hoffnung: So bestätigte Bürgermeister Frase gegenüber unserer Zeitung, dass die Erinnerungsstele am 3. Dezember erneut auf der Tagesordnung der Gemeinderatssitzung stehen soll.

Adelebsen erinnert seit 2012 bereits mit einer Gedenktafel am jüdischen Friedhof an „Kinder, Frauen und Männer der jüdischen Gemeinde Adelebsen, die in den Jahren 1933 bis 1945 vertrieben und ermordet wurden“. Allerdings liegt der Friedhof – ein Zeichen der jahrhundertelangen Ausgrenzung – außerhalb des Kernortes. Und genau dort – im Ort Adelebsen, möglichst am Platz der Deportationen – an die Vergangenheit zu erinnern, war die Idee der geplanten neuen Stele. „Eine gute Idee“, wie Frase sagt.

Für David Blank ist ein konkreter Erinnerungsort in Adelebsen sogar so etwas wie der Abschluss einer jahrzehntelangen Forschungsarbeit zu jüdischen Familien in Adelebsen. Veröffentlicht hat er das online: jewsofadelebsen.com

In den vergangenen vier Jahren stand gemeinsam mit dem ehemaligen GCJZ-Vorsitzenden Berndt Schaller das Projekt Erinnerungsstele für Adelebsen im Mittelpunkt. Die Inschrift, der Preis – nach Informationen unserer Zeitung etwa 2600 Euro – und der vorgesehene Ort standen zum Zeitpunkt der Abstimmung im Juni schon fest. Zumindest Letzteres könnte sich nun ändern – aber vielleicht ja auch das Abstimmungsverhalten der Gemeinderatsmitglieder. Frase zeigte sich dahingehend zumindest „vorsichtig optimistisch“. (Andreas Arens)

Hintergrund: Klein-Jerusalem an der Schwülme

Die jüdische Gemeinde in Adelebsen zählte im 19. Jahrhundert zu den größeren jüdischen Landgemeinden der Region. 1811 befanden sich unter den 1168 Einwohnern des Ortes 97 Juden. Vor allem jüdische Geschäftsleute spielten eine wichtige Rolle, 1859 wurden 15 der 23 Adelebser Geschäfte von jüdischen Bürgern geleitet. So entstand der Spitzname „Klein-Jerusalem“. Während der Novemberpogrome 1938 wurde die örtliche Synagoge von vermutlich aus Göttingen stammenden SS-Angehörigen zerstört. Alle jüdischen Einwohner wurden in der Folge ins Konzentrationslager Theresienstadt im heutigen Tschechien deportiert. (ana)

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