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Aram Ahmad leitet die Selbsthilfe-Fahrrad-Werkstatt des Nachbarschaftszentrums Grone

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Von: Michael Caspar

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Weiß was bei einem platten Reifen zu tun ist: Lehrer Aram Ahmad (linka) mit dem syrischen Rechtsanwalt Abdulrahman Mohammed.
Weiß was bei einem platten Reifen zu tun ist: Lehrer Aram Ahmad (linka) mit dem syrischen Rechtsanwalt Abdulrahman Mohammed. © Michael Caspar

Als Kind hat Aram Ahmad viele Stunden in einer kleinen Fahrradwerkstatt verbracht. Heute hilft er Menschen im Göttinger Stadtteil Grone beim Reparieren ihrer Zweiräder.

Göttingen – Platter Reifen, kaputtes Rücklicht, defekte Bremsen: Aram Ahmad (48) von der Selbsthilfe-Fahrrad-Werkstatt des Nachbarschaftszentrums Grone unterstützt Radfahrer beim Reparieren ihrer Zweiräder.

Jeden Freitag um 15 Uhr holt der Kurde aus dem Nordirak zwei handliche Koffer voller Werkzeug aus einer Abstellkammer des Mehrgenerationenhaus an der Deisterstraße 10. Dort stehen außerdem noch zwei Kisten voll mit gebrauchten Ersatzteilen.

Das alles baut er vor dem Gebäude auf und wartet auf Hilfesuchende. Heute schaut Abdulrahman Mohammed (55) vorbei, ein kurdischer Rechtsanwalt aus dem Nordosten Syriens.

„Bei uns fahren eigentlich nur die Kinder Rad“

Kaum noch Luft hat er im Reifen und die Beleuchtung hat den Geist aufgeben. Ahmed kann helfen. „In meiner Heimatstadt Kerkuk habe ich als Junge unserem Nachbarn, der eine kleine Fahrradwerkstatt betrieb, stundenlang bei der Arbeit zugesehen“, erinnert er sich.

Mit acht Jahren sprach er einen Mann auf der Straße an und fragte, ob er ihm sein Fahrrad abkaufen dürfe. Als dieser bejahte, bat er seinen Vater um ein Geschenk. „Aber du kannst doch gar nicht Radfahren“, sagte dieser. „Doch kann ich“, erklärte Ahmed, setzte sich aufs Zweirad und drehte eine Runde.

„Bei uns in Kurdistan fahren eigentlich nur die Kinder und die Turkmenen Rad“, erinnert sich Ahmed. Es gebe keine Fahrradwege und auf der Straße gelte das Recht des Stärkeren.

1997 floh Ahmed über die Türkei nach Deutschland

Der Kurde studierte nach dem Abitur Mathematik und Biologie auf Lehramt, arbeitete eine Zeit lang in seinem Beruf.

Doch dann musste er zum Militärdienst. „Lebensgefährlich“ sei das zu Zeiten von Diktator Saddam Hussein gewesen. So desertierte er nach einem halben Jahr, floh über die Türkei nach Deutschland, wo er 1997 eintraf.

„Mir war klar, dass ich hier auf absehbare Zeit nicht als Lehrer arbeiten kann“, erzählt Ahmed. Also wusch er im Restaurant Teller, buk Pizza, arbeitete im Büro, fuhr Taxi und Bus.

„Ich bin nicht gläubig, aber mich interessiert die Geschichte“

Nebenher lernte er Deutsch. 2015 erhielt er die Hochschulberechtigung und begann ein Studium der Islamwissenschaften und der Arabistik. „Ich bin nicht gläubig, aber mich interessiert die Geschichte“, erklärt er.

Für viele Zuwanderer sei die Religion in der Fremde wichtiger als in der Heimat. Nicht wenige muslimische Frauen zum Beispiel hätten zuhause nie ein Kopftuch getragen, in Deutschland legten sie aber sofort eines an. Sie wollten sich so ihrer Identität versichern. Er selbst habe sich dagegen immer über Bildung definiert.

Dolmetscher für Arabisch und Persisch

Zwischenzeitlich hat er seinen Bachelor gemacht. Den Master legte er jedoch auf Eis, denn seit Beginn der Pandemie fanden Vorlesungen und Seminare lange Zeit nur online statt. „Da bin ich draußen“, sagt Ahmed.

Der Lehrer, der neben seiner Muttersprache auch Arabisch und Persisch spricht, hat nun eine habe Stelle beim Landkreis als Sprach- und Kulturdolmetscher. Außerdem dolmetscht er für das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Und freitags managt er die Fahrradwerkstatt in Grone. (Michael Caspar)

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