Landkreis Göttingen: Auf der Spur der Neandertaler

Ausgrabungen in der Einhornhöhle bei Herzberg werden wieder aufgenommen

Neandertalerfiguren stehen in der „Blauen Grotte“ der Einhornhöhle. Sie gilt als Schlüsselfundplatz für die Erforschung des Neandertalers im Norden.
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Neandertalerfiguren stehen in der „Blauen Grotte“ der Einhornhöhle. Sie gilt als Schlüsselfundplatz für die Erforschung des Neandertalers im Norden.

Den glitschigen Pfad, der sich zwischen den Bäumen des Südharzes bis zur Ausgrabungsstelle schlängelt, kennt Ralf Nielbock wie kaum ein anderer.

Landkreis Göttingen – Seit mehr als 35 Jahren erforscht der Geologe die Einhornhöhle bei Scharzfeld, einem Ortsteil von Herzberg. Nun starten neue Ausgrabungen. Die Forscher wollen erfahren, was die Neandertaler, die diese Höhle lange, lange Zeit bewohnten, hier genau gemacht haben.

Das achtköpfige Team um Grabungsleiter Dirk Leder vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege untersucht den ehemaligen Eingang der Höhle und einen Teil im Inneren. Die beiden Orte trennt eine Schicht Sedimente, nur drei Meter liegen dazwischen, erklärt Höhlenbetreiber Nielbock. „Wir graben nicht durch Zufall hier“, sagt er. „Hier habe ich 1987 angefangen.“

Einhornhöhle im Landkreis Göttingen: Grabungsgeschichte

Damals, Ende der 1980er Jahre, entdeckten der Paläontologe Nielbock von der TU Clausthal und Stefan Veil vom Landesmuseum Hannover bei mehreren Grabungen zahlreiche Werkzeuge aus der Zeit der Neandertaler. Die teils mythische Grabungsgeschichte der Einhornhöhle reicht aber viel weiter zurück. 1583 berichtete ein Chronist von Grabungen nach Knochen von Einhörnern, denen heilende Kräfte nachgesagt wurden. Vom Handel mit Einhorn-Artefakten berichtete auch Gottfried Wilhelm Leibniz, der die Höhle 1686 besuchte.

Ein ehrenamtlicher Höhlenforscher legt bei Ausgrabungen an der Einhornhöhle zur Erforschung des Neandertalers einen Bärenknochen frei.

Die alten Knochenreste waren natürlich keine Einhorn-Skelette, sondern fossile Reste von Großsäugern. Als in den 80ern schließlich die Neandertaler-Werkzeuge gefunden wurden, gelang auch der Nachweis einer artenreichen, eiszeitlichen Kleinsäugerfauna sowie eines großen Höhlenportals, an dem die Wissenschaftler auch heute wieder forschen.

Einhornhöhle im Landkreis Göttingen: Viele Nachweise

Hier hätten die Neandertaler die Höhle einst betreten, erklärt Grabungsleiter Leder. Einen halben bis einen Meter weiter in die Sediment-Ablagerungen vorzudringen ist das Ziel. 2019 sind dem Archäologen zufolge im Eingangsbereich Beutereste des Neandertalers entdeckt worden, vor allem Hirsch und Wisent. Im Inneren der Höhle fanden Wissenschaftler bis zu 170 000 Jahre alte Knochen von Höhlenbären.

Zeugnisse des Neandertalers gibt es in der Einhornhöhle über einen langen Zeitraum hinweg – anders als im Neandertal, wie Nielbock erläutert. „Da lief er nachmittags mal durch den Wald, ging in die Höhle, knallte gegen den Felsen und blieb liegen. Das war ein Ereignis in der Steinzeit, während er hier über viele Jahrzehntausende immer wieder an diesem einen Ort war.“

Ein strategisch günstiger Ort: 20 bis 30 Kilometer kann man von dem Hochplateau ins Harzvorland schauen, Tierherden konnte der Neandertaler kilometerweit sichten. Und Wasser von Flüssen gab es auch zur Genüge.

Einhornhöhle im Landkreis Göttingen: Besondere Forschung

„Die Grabungsstelle draußen haben wir erst letztes Jahr großräumig erschlossen“, sagt Leder. Datierungen zeigten, dass die Stelle mindestens 45 000 Jahre alt sei. Anhand der Höhle können die Forscher zudem Klimaveränderungen seit der Eiszeit rekonstruieren. Finden sich etwa Überreste von Waldmäusen, lasse das auf ein warmes Klima schließen. Reste eines Wollhaarmammuts hingegen wären klar in der Eiszeit zu verorten.

Geologe Ralf Nielbock ist Betreiber der Einhornhöhle und forscht hier seit den 1980er Jahren.

Das Besondere an der jetzigen Grabung ist die Verbindung von außen und innen, betont Nielbock. „Wir haben den Nachweis, dass der Neandertaler in der Höhle war und, dass er hier draußen saß, guckte und sein Essen zubereitete.“

Dennoch wird auch nach Ende dieser Grabungen im Oktober noch vieles im Verborgenen bleiben. Der felsige Grund der Höhle liege 40 Meter unter dem ehemaligen Eingang, sagt Nielbock. „Wir wissen, das große Unbekannte ist immer noch unter unseren Füßen.“ (Andreas Arens mit Sonja Wurtscheid/dpa)

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