Aufruhr in der Wohlfühlecke

Am Deutschen Theater fordert Michael v. zur Mühlen das Publikum

Ein Tanz wird zur Prügelei: Andrea Strube (von links), Moritz Pliquet, Meinolf Steiner und Stefan Paul. Foto:  Nils Bröer
+
Ein Tanz wird zur Prügelei: Andrea Strube (von links), Moritz Pliquet, Meinolf Steiner und Stefan Paul. Foto:  Nils Bröer

Göttingen. Es riecht nach Sperrholz. Im Theater ist es so hell wie vor der Tür. Die zehn Schauspieler schreien gegen den Song „The End“ von The Doors an und vom Bühnenrand ins Publikum: „Die alte Zeit ist um.“ Galileo Galileis Kampf hat begonnen.

Alles ist so Bertolt Brecht. Das grelle Dach aus Neonröhren (Ausstattung: Christoph Ernst) ragt bis ins Publikum. Die Gäste sollen es sich nicht im Schutz der Dunkelheit gemütlich machen. Eine feste Rollenverteilung gibt es nicht. Galilei ist mal der, mal der. Identifikation unerwünscht.

Als Galileo Galilei 1610 mit dem gerade erfundenen Fernrohr in den Himmel blickte, sah er, dass der Mond nicht leuchtet und die Sonne Flecken hat. Die Erscheinungen belegten das kopernikanische Weltsystem. Wer dies vertrat, den bedrohte die Kirche mit dem Tod.

Moritz Pliquet springt in seinem schweren Renaissance-Kostüm von der Bühne und kämpft sich durch die Sitzreihen. „Schaut durch das Rohr! Ein Blick!“ Zurück auf der Bühne wollen die Kirchenvertreter nicht durchs Rohr schauen. Sie sitzen in einem Glashaus und rauchen das Gras, das darin angebaut wird. Das Glashaus ist die Wohlfühlecke. Auf der anderen Seite der Bühne hängt ein riesiges Gehirn. Die Vernunft ist die Verliererin in der Geschichte des Galilei.

Die Inszenierung von Michael v. zur Mühlen wechselt immer wieder den Modus. Die Schauspieler sitzen mit dem Rücken zum Publikum auf Kirchenbänken aus Sperrholz. Sie erzählen die Handlung, indem sie einzeln in die erste Bank gehen und in eine Kamera sprechen, deren Bild auf die große Sperrholzwand im Hintergrund projiziert wird. Das Theater wird zum Film mit seinen typischen Nahaufnahmen.

Es wird gerappt und Slang geredet. Ein Teil des Textes wird im monotonen Singsang des Vaterunsers vorgetragen. Es läuft Orgelmusik und Robbie Williams. Der Machtanspruch der Kirche wird genauso angeklagt wie die egozentrische Welt, die die Popkultur erschafft. Andrea Strube und Vanessa Czapla sprechen wie aus einem Mund, als Frau Galileis, als Töchter Galileis und als Inquisitoren. Das ist faszinierend und befremdlich.

Bertolt Brecht schrieb „Leben des Galilei“ im dänischen Exil. Das Stück beschreibt einen historischen Prozess und die Situation des Intellektuellen im Faschismus. Die Botschaft ist: Wahrheit und keine Autorität und keine Wahrheit und Autorität gehören zusammen. Nicht jeder im Publikum hält die Spielzeit von gut drei Stunden durch. Das faszinierende Stück ist einfach sehr, sehr lang.

Deutsches Theater Göttingen. Wieder am 30.5., Karten unter Tel. 0551 - 496911.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.