Ausstellung in Jacobikirche: Konfirmationsscheine im Wandel

Zeugnis sittlicher Reife: Konfirmationsscheine wie dieser von 1917 mit der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche Berlin sind in der St. Jacobikirche Göttingen zu sehen. Foto: nh

Göttingen. Wie sich Konfirmationsscheine innerhalb von zwei Jahrhunderten geändert haben, zeigt eine Ausstellung, die mit einem Gottesdienst am Sonntag, 17. Mai, ab 10 Uhr in der Göttinger St. Jacobikirche eröffnet wird.

Die Ausstellung zeigt etwa 150 Konfirmationsscheine aus der Zeit von 1822 bis 2012. Sie wurden von Archiven und aus drei Privatsammlungen zur Verfügung gestellt, ergänzt durch Einzelleihgaben aus Familienbesitz.

Die Ausstellung, erläutert Jacobi-Pastor Harald Storz, dokumentiert den Wandel dieser typisch evangelischen Bilderwelt teils in chronologischer, teils in thematischer und lokaler Ordnung und regt an zur Auseinandersetzung mit der eigenen kirchlichen Biographie und eigenen religiösen Glaubensbildern.

Anfangs waren die Konfirmationsscheine meist schmucklose, handschriftliche Bescheinigungen, allenfalls mit einer Zierleiste umrahmt. Sie dienten der persönlichen Erinnerung an die Konfirmation und den Segensspruch. Mancherorts mussten Lehrlinge oder Mädchen, die in Haushalten arbeiten wollten, diese Bescheinigung dem Lehrherrn oder der Hausfrau als Zeugnis sittlicher Reife vorlegen. Wer fremd in eine neue Kirchengemeinde kam, konnte mit seinem Konfirmationsschein nachweisen, dass er den Konfirmandenunterricht besucht hatte und zum Abendmahl gehen durfte.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts nutzten Pastoren, Gemeinden und Verlage die Möglichkeiten neuer, kostengünstiger Druckverfahren und beauftragten Grafiker und Künstler, Schmuckblätter mit kleinen und später auch großformatigen Bildern zu gestalten. Aus schlichten Bescheinigungen wurden aufwendig gestaltete Urkunden, die gerahmt als Wandschmuck in vielen Wohnstuben und Schlafzimmern hingen.

Diese Schmuckblätter spiegeln mit Bildern und Texten die kirchliche und bürgerliche Mentalität im Wandel der Jahrzehnte. Sie zeigen teils schlichte evangelisch-katechetische Vignetten wie Ähren und Weinlaub, Zehn-Gebote-Tafeln, Taufe und Abendmahl oder exemplarische Geschichten der Bibel wie Jesus als guter Hirte oder das letzte Abendmahl. Anfangs waren die Scheine noch ein- oder zweifarbig. Etwa ab 1900 wurden viele Scheine in aufwendigem Farbdruck gestaltet.

In der Zeit des Ersten Weltkrieges nutzten Pastoren und Verlage die Konfirmationsscheine auch für nationalistische Wehrpropaganda. Seit den 1920er Jahren und verstärkt nach 1945 treten an die Stelle symbolischer Glaubensbilder vielfach Bilder der Konfirmationskirchen.

Die Ausstellung in der St. Jacobikirche ist mit einem umfangreichen Begleitprogramm verbunden. Sie endet am Sonntag, 9. August, um 11.30 Uhr mit einer abschließenden Führung durch Pastor Harald Storz. (p)

www.jacobikirche.de

Hintergrund: Umfangreiches Programm zur Ausstellung

Die Ausstellung von Konfirmationsscheinen in der Göttinger St. Jakobikirche ist mit einem umfangreichen Begleitprogramm verbunden. Hier der Überblick:

Sonntag, 17. Mai, 10 Uhr, Gottesdienst; 11.15 Uhr, Vortrag „Konfirmationsscheine als protestantischer Beitrag zur Kultur“, Prof. Hans Otte.

Sonntag, 31. Mai, 11.30 Uhr, Führung: Mit den Augen eines Theologen, Pastor Harald Storz

Freitag, 5. Juni, 16 bis 18 Uhr: Lebensgeschichte(n) erzählen, Meine Konfirmation - mein Spruch, meine Urkunde. Anmeldung bis 1. Juni unter Tel. 0551 - 50 42 92 36 oder e-mail: storz@jacobikirche.de

Freitag, 19. Juni, 19 Uhr, Vortrag: Die Konfirmation und ihre Festkultur - Hon.-Prof. Dr. Kurt Dröge/Oldenburg

Sonntag, 21. Juni, 11.30 Uhr, Führung: Mit den Augen eines Kunsthistorikers - PD Dr. Christian Scholl)

Freitag, 26. Juni, 20 Uhr Am Abend vorgelesen: Erwin Strittmatter, Die Konfirmation des Esau Matt (Ausschnitte aus „Der Laden“) - Pastor Harald Storz

Freitag, 10. Juli, 19 Uhr, Vortrag: Was geschieht bei der Konfirmation? Das Verständnis der Konfirmation im Spiegel von Urkunden und Praktischer Theologie - Prof. Dr. Bernd Schröder/Göttingen

Sonntag, 26. Juli, 11.30 Uhr, Führung: Mit den Augen einer Kirchenpädagogin - Bettina Lattke

Freitag, 31. Juli, 19 Uhr, Vortrag: Die Darstellung des 1. Weltkrieges auf Konfirmationsurkunden und das Kriegsgefallenen-Gedenkfenster in St. Jacobi - Pastor Harald Storz

Freitag, 7. August, 19 Uhr, Am Abend vorgelesen: Gabriele Wohmann, Habgier - die Geschichte einer tragischen Konfirmation - Pastor Harald Storz

Sonntag, 9. August, 11.30 Uhr, Führung zum Abschluss der Ausstellung - Pastor Harald Storz (p)

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