Autor Jo Lendle rät: Ortswechsel nach der Ausbildung

Besuchte seine alte Heimat: Roman-Autor Jo Lendle war in Göttingen zu Gast. Foto:

Göttingen. In Göttingen könne man gut aufwachsen, „aber dann ist es auch irgendwie gut“, erklärte der Schriftsteller Jo Lendle auf einer Lesung im Literarischen Zentrum. Der bekannte Autor, der in Göttingen Abitur machte, las vor Oberstufenschülern. Er riet ihnen, nach Schulzeit oder Studium einen Ortswechsel zu machen.

Aus Sicht von Jo Lendle sei es gut, anderenorts neue Erfahrungen zu sammeln. Veränderungen und Aufbrüche sind auch Leitmotive in Lendles Romanen. In dieser Woche kehrte der Autor an seine ehemalige Schule zurück, um nach einem Frühstück mit früheren Lehrern Passagen aus seinem Roman „Mein letzter Versuch die Welt zu retten“ zu lesen. Bereits am Vorabend hatte Lendle im vollbesetzten Literarischen Zentrum aus seinem aktuellen Roman „Was wir Liebe nennen“ vorgetragen.

Der Schriftsteller und designierte verlegerische Geschäftsführer des Hanser-Verlages gehörte zum ersten Jahrgang der Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule in Geismar. 1987 legte er dort sein Abitur ab.

100 Oberstufensschüler nahmen auf der teppichummantelten Tribüne der Eingangshalle der IGS Platz, um Lendle zuzuhören. Er bezeichnete sein Werk als historischen Roman, „die müssen nicht immer im Mittelalter spielen“. Es geht um eine Gruppe Heranwachsender, die in Anzügen, getarnt als christliche Jugendgruppe, im Jahr 1984 ins niedersächsische Wendland fährt, um dort gegen Atomenergie und das geplante Atommüll-Endlager zu demonstrieren. Der Protagonist und ich-Erzähler, Florian Beutler, mühte sich zudem mit Problemen seiner Adoleszenz und seiner nicht artikuliert Zuneigung zu einer von ihm begehrten Mitschülerin. Der Roman war keine Schullektüre. Kaum einer der Schüler hatte das Buch offenbar gelesen.

Lendle betonte, dass die Schüler zu seiner Zeit ein hohes Mitspracherecht in der IGS hatten. Es sei Selbstverständlichkeit gewesen, „erst einmal immer dagegen zu sein.“ Politisches Engagement wirke sich nicht immer unmittelbar aus. Es könne auch frustrieren oder zu Ohnmacht führen. Wie die Stationierung der Mittelstreckenraketen trotz umfangreicher Friedensbewegung zeige.

Aber die Anti-Atomkraft-Bewegung sei erfolgreich gewesen und habe das Fundament für den heutigen Atomausstieg und die Energiewende gelegt. Engagement könne sich lohnen, denn Unternehmen verhielten sich, „wenn es keinen Betriebsrat gibt, noch etwas fieser als sonst“.

Übergroße Treppenstufen

„Ich erinnere mich gern an meine Schulzeit“, versicherte Lendle, „besonders an die übergroßen Treppenstufen in der IGS, die einen besonderen Laufstil erfordern, um als erster in der Kantine zu sein.“ Am Ende überreichte Lehrerin Ursula Rath-Wolf einen Präsentkorb mit Göttinger Spezialitäten und äußert den Wunsch auf eine weitere Lesung in den kommenden Jahren.

Von Kai Böhne

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