Göttinger Verlag arbeitet Stasi-Berichte auf: DDR war knapp bei Kaffee

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Gefälschtes Neues Deutschland: In einer Hamburger Druckerei wurde 1988 diese besondere Ausgabe hergestellt. Die Stasi suchte systematisch nach Exemplaren in Zügen.

Göttingen. Das Ministerium für Staatssicherheit hat Unmengen an Daten gesammelt. Die „Zentrale Auswerte- und Informationsgruppe“ der Stasi hat Meldungen der ganzen Republik für die Mächtigen der DDR aufbereitet.

Diese Berichte werden von einem Göttinger Verlag in Sammelbänden veröffentlicht. In den Berichten geht es oft um ganz praktische Dinge. So hatte die DDR 1977 massive Schwierigkeiten bei der Kaffeeversorgung. Hintergrund: Der klamme Staat musste den Rohkaffee mit Devisen bezahlen. Deshalb wurde der Bohnenkaffee mit Getreide zu „Kaffee-Mix“ gestreckt. Die dokumentierten Reaktionen waren heftig: Das sei „Betrug am Arbeiter“. Von einem Arbeiter-und-Bauern-Staat könne nicht mehr die Rede sein; dem Arbeiter werde nicht einmal mehr eine Tasse Kaffee gegönnt. Außerdem gab es die Meinung in der Bevölkerung, dass die „DDR wirtschaftlich am Ende“ und „bis zum Hals verschuldet“ ist.

1988 fielen der Stasi gefälschte Ausgaben des Neuen Deutschlands (ND) auf, die in Hamburg gedruckt und mit der Bahn in die DDR geschmuggelt worden waren. In der besonderen ND-Ausgabe ist davon die Rede, dass die DDR unter Führung Honeckers nach Moskauer Vorbild nun den „Glasklar“-Kurs einschlagen und damit die „Herzen der Massen“ erobern werde.

In einem fiktiven Interview mit dem DDR-Staats- und Parteichef bekennt der, dass der „Glasklar“-Kurs für einen „liebenswerten Sozialismus“ sorgen werde. Die Stasi suchte daraufhin systematisch nach weiteren Exemplaren in den Zügen von West nach Ost.

Zum 25. Jahrestag des Mauerfalls ist im Eigenverlag der Stasi-Unterlagenbehörde eine Auswahledition über den Herbst 1989 erschienen. Aus den schonungslosen Berichten wird deutlich, dass die Stasi wusste, wie schlecht es um den Führungsanspruch der Machthaber bestellt war. Ein Beispiel vom 6. November: „Grundtenor der Meinungsäußerungen ist, die bisherige Parteiführung habe das Vertrauen des Volkes endgültig verloren. Ihr wird die Fähigkeit und auch der ehrliche Wille zur Durchsetzung von Reformen und Veränderungen generell abgesprochen.“

Datenbank ist online

Das gemeinsame Projekt „Die DDR im Blick der Stasi“ der Unterlagenbehörde und des Göttinger Verlages Vandenhoek & Ruprecht läuft seit einigen Jahren. Die Berichte werden von wissenschaftlichen Mitarbeitern der Stasi-Unterlagenbehörde aufbereitet, kommentiert und jahrgangsweise von dem Göttinger Verlag zunächst in Buchform veröffentlicht. Ein Jahr später ist alles kostenlos über eine Datenbank im Internet abrufbar.

Die Berichte lassen einen ungeschminkten Blick auf die Entwicklungen in der DDR zu, denn die Auswertegruppe der Staatssicherheit hat äußerst akribisch gearbeitet. In Buch- und Onlineform sind inzwischen zahlreiche Jahrgänge erschienen, darunter 1953 mit dem Juni-Aufstand, 1961 mit dem Mauerbau sowie das Vorwendejahr 1988.

www.ddr-im-blick.de

www.bstu.bund.de

Von Bernd Schlegel

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