Blindgänger aus dem Weltkrieg: 65 Tonnen Kampfmittel pro Jahr

Krater: Bei der Entschärfung einer Bombe im Juni 2010 auf dem Schützenplatz in Göttingen starben durch die Explosion zwei Mitarbeiter des Kampfmittelräumdienstes. Foto: nh

Göttingen/Hannover. Im Seeburger See bei Göttingen fanden Angler am Wochenende mehrere Mörser-Granaten. In Hannover gab es in der Woche zuvor eine der größten Bombenentschärfungen seit dem Zweiten Weltkrieg.

31.000 Menschen mussten ihre Wohnungen verlassen. Der Kampfmittelräumdienst entschärfte eine 250-Kilo-Bombe und hat auch auf Jahre noch viel zu tun, denn in Gewässern und im Boden werden tausende Blindgänger vermutet.

Wie viele nicht explodierte Bomben noch im niedersächsischen Untergrund stecken, weiß keiner. Eine belastbare Schätzung sei nicht möglich, heißt es aus dem Innenministerium. So sei weder bekannt, wie viele Bomben über Niedersachsen abgeworfen wurden, noch kenne man die Zahl der Blindgänger, die schon während des Kriegs entschärft wurden – oder unmittelbar danach von den Besatzungsmächten. Selbst eine Auswertung der 150 000 vorliegenden Luftbilder der alliierten Luftangriffe mache eine Zählung oder Schätzung unmöglich.

Um den Blindgängern auf die Spur zu kommen, werten die Städte Osnabrück und Georgsmarienhütte auch Angaben von noch lebenden Zeitzeugen aus, die sich an Bombenabwürfe erinnern. „Solche aktiven Präventivmaßnahmen sind aus anderen Städten nicht bekannt“, heißt es aus dem Innenministerium.

Schwerpunkte der alliierten Bombenabwürfe waren die Industriezentren Osnabrück, Hannover, Braunschweig, Peine, Salzgitter, Wolfsburg und die Hafenstädte Emden und Wilhelmshaven sowie an den Küsten. Auch die Bahnstrecken und Flughäfen wurden bombardiert.

2014 hatte Niedersachsen 7,48 Millionen Euro für die Kampfmittelbeseitigung in den Haushalt eingestellt. Für den Kampfmittelbeseitigungsdienst arbeiten 45 Mitarbeiter, davon sieben Sprengmeister.

2014 wurden 89 Bombenblindgänger mit mindestens 50 Kilogramm bei der Luftbildauswertung für Bauanträge lokalisiert. Durchschnittlich werden fast 65 Tonnen Kampfmittel im Jahr geborgen, bei etwa 1100 Einsätzen im Jahr. Oft werden Blindgänger bei großen Bauvorhaben entdeckt.

In jüngster Zeit werden bei der Verlegung von Kabeltrassen für Offshore-Windanlagen auch Kampfmittel gefunden. Seit 1960 sind 10.500 Bomben geborgen worden.

Kosten abgewälzt

Seit 2011 hat das Land die Kosten für die Luftbildauswertung und Sondierungen auf die Kommunen abgewälzt – unter Protest der Städte und der kommunalen Spitzenverbände. Eine ursprünglich geplante Privatisierung des Kampfmittelbeseitigungsdienstes hat es nicht gegeben.

Nach dem Wechsel der Landesregierung 2013 hätten die Verbände erneut das Land aufgefordert, die Kosten für die „Gefahrerforschungsmaßnahmen“ wieder zu übernehmen. „Die Landesregierung hat aber ziemlich früh gesagt, es bleibt alles so wie es ist“, sagte Stefan Wittkop vom Niedersächsischen Städtetag. (lni/tko)

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