Jüdisches Leben im Flecken

Nach Recherchen im Unterricht: Schüler sorgen für Gedenksteine in Bovenden

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Erinnern an die Opfer: Jule Marie Fuhrmann (links) und Marie Isabell Herfurth legen Rosen auf den Gedenksteinen in Bovenden ab.

Bovenden. Vier Gedenksteine erinnern seit Kurzem vor einem Haus in Bovenden an jüdische Opfer der NS-Zeit - auf Betreiben eines Geschichtskurses der IGS Bovenden.

Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht übernahmen, gab es im Flecken Bovenden noch zwei jüdische Familien. Sie wurden 1942 deportiert – nur Einer kehrte als Überlebender zurück. Schüler der Integrierten Gesamtschule (IGS) Bovenden haben sich dafür eingesetzt, dass vier Stolpersteine vor dem Haus „Auf dem Thie 8“ an die Opfer erinnern. 

Mehr als ein Jahr haben sich Schüler des siebten und achten Jahrgangs der IGS mit dem Nationalsozialismus und dem Leben der jüdischen Familien in Bovenden beschäftigt. Was sie bei ihren Recherchen fanden, hat sie aufgewühlt. „Das ist doch unrecht“, sei die Reaktion gewesen, sagt Fachlehrerin Franziska Bömeke. Die Schüler hatten sich das Thema für den Wahlpflichtkurs Geschichte selbst ausgesucht.

Recherchen im Archiv

„Vor allem die Einzelschicksale haben sie geschockt“, sagt Lehrer Friedrich Grethe. Einige hätten auch die eigenen Wurzeln mit einbezogen: „Wenn es nach den Nazis geht, bin ich ein unwürdiger Mensch“, habe ein Schüler festgestellt. Der Geschichtskurs recherchierte im Bovender Archiv, im Internet – und bat die Gemeinde um Hilfe bei den Stolpersteinen.

„Dass eine solche Initiative von jungen Leuten kommt, ist toll“, sagt Bovendens Bürgermeister Thomas Brandes. Die Messing-Oberfläche der Gedenksteine trägt die Namen und Daten der deportierten Bovender. Sie fügen sich nahtlos in den Bürgersteig vor dem letzten bekannten Wohnort der jüdischen Familien ein. Wirklich stolpern wird dort also niemand. Doch Brandes ist sich sicher: „Unsere Gedanken werden hier ins Stolpern geraten.“

Opfer nicht vergessen

„Ich finde die Idee der Stolpersteine sehr schön“, sagt die Schülerin Marie Isabell Herfurth. Sie hätte die Gedenkstücke aber wohl eher an der Hauswand angebracht als auf dem Boden. „Manchen fehlt einfach der Respekt“, befürchtet die 15-Jährige. „Wichtig ist, dass man die Opfer nicht vergisst“, sagt Mitschülerin Jule Marie Fuhrmann. Die Schüler des Kurses berichten von den Schicksalen der jüdischen Familien aus Bovenden, während Künstler Gunter Demnig die Stolpersteine mit einem Taschentuch blank poliert (siehe Hintergrund).

Nur noch zwei Familien

Im 18. Jahrhundert lebten mehr als 15 jüdische Familien in Bovenden. Bei der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 hatte sich diese Zahl auf zwei reduziert: die Familien Jacobs und Lilienthal. Die Jacobs – Vater Julius, Mutter Rosa und Sohn Hans Hermann – wurden 1942 von Bovenden in das Warschauer Getto deportiert. Rosa Jacobs Bruder Max Lilienthal kehrte als einziger nach Bovenden zurück: Er überlebte das Getto in Theresienstadt. Max Lilienthal starb am 5. August 1971 – in Bovenden.

Stolpersteine als Denkmal

Stolpersteine sind Gedenktafeln mit Namen und Daten von Menschen, die vor den Nationalsozialisten geflohen sind oder deportiert wurden. Sie werden in die Gehwege der Häuser eingelassen, in denen die Menschen, an die erinnert wird, gelebt haben. 

Gestaltet werden sie von Künstler Gunter Demnig. Ein Stolperstein kostet 120 Euro, laut Demnig gibt es inzwischen in 1099 Orten Deutschlands und in zwanzig Ländern Europas Stolpersteine. Die Kosten für die vier Stolpersteine in Bovenden werden von der Gemeinde getragen. Es ist dort das erste Denkmal, das Bezug auf den Nationalsozialismus nimmt.

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