Neujahrsempfang Krankenhaus Göttingen-Weende

Chefmediziner Karaus: Weender Krankenhaus in rauher See auf klarem Kurs halten

Volles Eingangsfoyer: Neujahrsempfang im Krankenhaus Weende bei der Ansprache von Michael Karaus. Foto: Rampfel

Göttingen - Starke Resonanz beim letzten großen Neujahrsempfang in Göttingen in das Evangelische Krankenhaus Göttingen-Weende: 350 Gäste kamen.

350 Gäste kamen und hörten eine pointierte Rede des Medizinischen Geschäftsführers Prof. Dr. Michael Karaus, der diesmal noch mehr Biss als in den Vorjahren zeigte und sich die Entwicklungen in Politik und Gesundheitswesen vornahm.

2018 erneut im Plus

Sein „Weender“, das 2018 zum zwölften Mal in Folge schwarze Zahlen eingefahren hat, schippere aber mit voller Takelage in rauer See – wie alle Kliniken, für die das Fahrwasser nun enger wird. „Der Sachverständigenrat hat 2019 klargestellt: Deutschland hat zu viele Krankenhausbetten, das heißt auch zu viele Krankenhäuser.“ Für das – gesunde – Weender Krankenhaus aber dürfte die Fahrt vorangehen: Denn die 600-Betten-Klinik wird in den nächsten Jahren erweitert. Die Bagger stehen quasi schon bereit (Lesen Sie den Extra-Bericht).

Käpt´n Karaus

Und Käpt´n Karaus blieb in der Skipper-Sprache: „Auf rauer See ist das oberste Ziel, den Kurs zu halten.“ Man wolle auf Sicht fahren, „die Treibstoffkosten im Griff haben, also über Wasser bleiben“ und auf möglichste Überladung achten. „Wir fahren nur da, wo wir uns auskennen.“

Wettbewerb um Fachkräfte

Ein Problem der gesamten Gesundheitslandschaft ist auch das größte der „Weender“: der Mangel an Fachkräften und speziell Pflegern. Ausführlich schilderte Karaus die Situation in einem harten Wettbewerbsmarkt um Arbeitskräfte. Er begrüßte das „Abkommen“ zwischen Universitätsmedizin und Weender, sich keine Pflegekräfte mehr abzuwerben. Hart fällt die Kritik aus in Richtung Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und dessen Ankündigungen zur Verbesserung der Pflege und Arbeitsmarktsituation.

Kritik an Spahn

Zwischen den Zeilen hörten die Gäste da sicher auch die Feststellung mangelnder Kompetenz heraus. Karaus machte bei Spahn vom Populismus getriebene Handlungen begleitet von „lautstarken Worthülsen“ aus, die dessen Chefin Merkel später abgeschwächt habe.

Nein, Worthülsen benutzte Michael Karaus am Mittwochabend nicht. Spahn wolle das Gesundheitssystem umkrempeln. Dafür ist Karaus so nicht, Änderungen befürwortet aber auch er. Die völlige Abkehr von den Fallpauschalen müsse jedoch mit Bedacht angegangen werden.

OP-Zahlen

Die Krankenhäuser, auch das Weender, haben sich schließlich darauf eingestellt, die Operationszahlen stetig nach oben geschraubt, geldbringende Abteilungen ausgebaut, Liegezeiten von Patienten verringert. Das aber kann auch Nachteile haben – vor allem in der Pflege. Ständig neue Patienten verursachen mehr Arbeit für die Pfleger, die ohnehin schon überlastet sind – was Karaus zugibt. Schließlich begehrten die Pfleger auch im „Weender“ schon einmal auf.

Bessere Arbeitsbedingungen schaffen

So ist es kein Wunder, sondern auch der Not und Überzeugung geschuldet, wenn Karaus sagt: Zuallererst müsse man die „Arbeitsbedingungen im klinischen Alltag verbessern“. Nicht besetzte Stellen müssten dringend aufgefüllt werden, neue Mitarbeiter eingestellt und die vorhandenen gehalten werden. Gute Pflegekräfte benötigen laut Karaus überzeugende Arbeitsbedingungen und eine bessere Arbeitsorganisation und Arbeitszeitmodelle, inklusive Ausfallmanagement. Dabei springen nämlich Mitarbeiter in Freizeit ein, arbeiten mehr – für andere – und brennen und scheiden schneller aus. Top-ausgebildete Pflegekräfte blieben nur noch durchschnittlich 13,7 Jahre in ihrem Beruf.

Karaus und der Pflexit

Die Gesetze aus Berlin helfen dabei nur bedingt. Einerseits sollen sie die Pflege stützen, aber auch Strafen für Krankenhäuser möglich machen. Die wiederum aber würden auch anfallen, weil der Markt bei Pflegekräften leer ist. Und dann noch Strafe bezahlen? Karaus nennt die Ereignisse „Pflexit“, die Abkehr von der Ökonomisierung mit Chancen und Risiken, auch im Ärztebereich. Karaus-Fazit, auch mit Blick auf seine Mitarbeiter, die er ausdrücklich lobte: „Wir müssen die Herde zusammenhalten.“ 

Mehr Austausch mit Niedergelassenen

Eines hat er sich der Chef noch selbstkritisch auf die Fahne geschrieben: Das Weender Krankenhaus möchte den Austausch mit den niedergelassenen Ärzten wieder verstärken. „Zurück zu den Wurzeln des Weenders.“ Und einen Wunsch hat er zudem: endlich mehr Frieden mit dem Medizinischen Dienst haben, mit dem zu oft alles im Rechtsstreit endet. tko

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