Volle Praxen, viele schwere Infektionen

„Das Personal geht am Stock“ – Kinderärzte in Niedersachsen am Limit

Extrem viel zu tun hat die Kinderärztin Tanja Brunnert, hier im Gespräch mit einer Mutter.
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Extrem viel zu tun hat die Kinderärztin Tanja Brunnert, hier im Gespräch mit einer Mutter.

Volle Praxen, viele schwere Infektionen, die Kinderärzte arbeiten am Anschlag – nicht nur in Niedersachsen. Das liegt jedoch nicht nur an der Corona-Pandemie.

Hannover/Göttingen – Weil Kinder erst ab 12 Jahren geimpft werden sollen, bestehen Kindertagesstätten teils darauf, kleinere Infekte ärztlich abklären zu lassen, bevor die Kinder wieder betreut werden können. Das verschärft die Situation in den Kinderarztpraxen. Unzählige Corona-Tests, Nachfragen der Eltern und auch Corona-Impfungen für die Jugendlichen machen den Angestellten in den Praxen stark zu schaffen.

Der Facharzt für Kindermedizin und Kinderkardiologe Dr. Peter Lauerer aus Göttingen, der in Duderstadt und Worbis (Thüringen) arbeitet, bringt es auf den Punkt: „Wir haben eine beispiellose Infektionswelle bei Kindern. Wir sehen sehr viele Infektfälle und schwere Atemwegsinfekte – unabhängig von Corona. Das ist momentan kaum zu schaffen.“ In der Praxis ginge das nur mit Überstunden. „Das Personal geht am Stock, in Praxen und in Kliniken“, sagt Lauerer, denn schwere Infektfälle müssten an Kliniken überwiesen werden.“

Niedersächsische Kinderärzte: „Unsere Mitarbeiterinnen laufen auf dem Zahnfleisch.“

„Unser Personal arbeitet seit Monaten am Limit“, berichtet auch die Göttinger Kinderärztin Tanja Brunnert, die in Niedersachsen für den Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) spricht. Die Zahl der Anrufe sei extrem gestiegen, telefonisch seien die Praxen teils kaum zu erreichen. „Unsere Mitarbeiterinnen laufen auf dem Zahnfleisch.“

„Der Umgang miteinander ist schwieriger geworden“, stellt Peter Lauerer fest und meint die Kommunikation zwischen Eltern und Ärzten samt Personal. Das sei verständlich, denn die Sorge bei Eltern wachse, auch wegen Corona, aber zudem der Druck, Infekte oft ärztlich abklären lassen zu müssen.

Dabei seien die meisten jungen Patienten nicht an Corona erkrankt. „Die wirklich kranken Kinder haben meist einen anderen Infekt“, so Brunnert. Kinder und Jugendliche fangen zurzeit offenbar aber auch mehr andere Infektionen ein, wie den Erkältungserreger RS-Virus mit kräftigen Auswirkungen. Brunnert sagt: „Es scheint so zu sein, dass sich die Infekte des gesamten Jahres nun in den letzten drei Monaten des Jahres zeigen.“ Das wiederum verunsichert noch mehr. „Die Eltern sind es nicht mehr gewöhnt, kranke Kinder zu haben, die anderthalb Jahre keine Virusinfekte hatten.“ Einen Verschiebeeffekt hatte das RKI bereits im Sommer für die Monate Herbst und Winter prognostiziert. Es sei bei Kindern und Jugendlichen mit mehr akuten Atemwegsinfekten zu rechnen.

Corona bei Kindern: Daten des RKI belegen hohe Inzidenz

Klar ist, wie die Daten des Robert Koch-Instituts belegen: Die Corona-Inzidenz bei Kindern liegt teils extrem über dem Gesamtwert der Bevölkerung. Zurzeit infizieren sich im Verhältnis mehr Kinder und Jugendliche als Erwachsene. So kommen die Sechs- bis Elfjährigen auf 453,4 Neuinfektionen pro 100 000.

Laut Kultusministerium ist mehr als jede vierte Schule von Corona-Fällen betroffen. Aus 860 Schulen der rund 3000 im Land wurden Positivfälle gemeldet, betroffen sind etwa 2780 Schüler sowie knapp 260 Beschäftigte.

Kinderärzte in Niedersachsen: „Die anderen Krankheiten machen ja keine Pause“

Martina Wenker, Präsidentin der niedersächsischen Ärztekammer, weiß um die Lage in den Kinderarztpraxen. Die typischen Atemwegsinfekte träfen auf die Corona-Welle und -Impfungen – all das bedeute eine maximale Belastung. Wenker warnt aber davor, sich nur auf Corona zu konzentrieren. Vorsorgeuntersuchungen und andere Impfprogramme müssten eingehalten werden. „Die anderen Krankheiten machen ja keine Pause.“

Tanja Brunnert fordert einen Corona-Bonus auch für die Medizinischen Fachangestellten (MFA). Bisher gebe es diesen nur für die Beschäftigten der Kliniken. Von der Politik wünscht sie sich mehr Wertschätzung und bessere Arbeitsbedingungen. „Es muss möglich werden, eine Praxis zu führen, ohne im Hamsterrad mit vielen viel zu kurzen Terminen zu arbeiten.“ Bessere Bedingungen könnten dazu führen, „langfristig wieder mehr junge Ärztinnen und Ärzte für die Niederlassung zu begeistern.“ (Christopher Weckwerth und Thomas Kopietz)

Angesichts dramatischer Covid-19-Infektionszahlen hat das Land Niedersachsen die Corona-Verordnung verschärft. Die Regeln seit Mittwoch (24.11.2021) im Überblick.

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