Pandemie-Folgen

Corona in Niedersachsen: Kinder- und Jugendpsychiatrien „voll ausgelastet“

Kinder- und Jugendpsychiatrie
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Corona-Pandemie: Die Wartelisten der Kinder- und Jugendpsychiatrien und Niedersachsen sind lang. (Symbolbild)

Viele Kinder und Jugendliche leiden seelisch unter der Corona-Pandemie. In Niedersachsen sind die Psychiatrien für junge Menschen an der Kapazitätsgrenze.

Hannover/Göttingen – Kinder und Jugendliche, die einen Platz in einer Psychiatrie brauchen, müssen mit teils langen Wartezeiten rechnen. Seit Beginn der Corona-Pandemie ist der Bedarf stark angestiegen, immer mehr Institutionen kämpfen mit einer vollen Auslastung.

In Niedersachsen werden die Wartelisten der Kinder- und Jugendpsychiatrien für junge Menschen immer länger. „Die Einrichtungen sind voll ausgelastet“, sagte eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums in Hannover. Zwar gebe es für absolute Notfälle keine Wartezeiten, bei allen anderen Fällen könne es jedoch zwischen wenigen Wochen und bis zu acht Monaten dauern, bis die Patienten einen Platz in einer Einrichtung bekommen. 

Corona-Folgen: Mehr Kinder müssen in Niedersachsen psychiatrisch behandelt werden

Man merke, dass seit dem Beginn der Corona-Pandemie mehr Kinder und Jugendliche behandelt werden müssen, so die Sprecherin. Landesweit gebe es 727 stationäre Betten und 359 teilstationäre Plätze. Eine Aufstockung dieser Plätze stehe kurzfristig nicht an.

Denn dafür müsse über einen längeren Zeitraum ein bestimmter Prozentsatz an belegten Plätzen überschritten werden. „Die Pandemie dauert jetzt etwa eineinhalb Jahre. Ein solcher stärker frequentierter Zeitraum wäre für einen Rechtsanspruch auf mehr Betten beziehungsweise Plätze allerdings zu kurz“, sagte die Sprecherin.

Corona in Niedersachsen: Experten schlagen wegen psychischen Krankheiten bei Kindern Alarm

Experten schlagen aufgrund der seelischen Gefahren, die durch die Corona-Krise und der damit verbundenen sozialen Isolation und Angstzuständen einhergehen, schon seit längerer Zeit Alarm.

Der Verband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) sprach angesichts der Corona-Pandemie von einer „Triage“ in den Kinder- und Jugendpsychiatrien. „Es gibt psychiatrische Erkrankungen in einem Ausmaß, wie wir es noch nie erlebt haben“, sagte BVKJ-Sprecher Jakob Maske der in Düsseldorf erscheinenden Rheinischen Post. „Wer nicht suizidgefährdet ist und ‚nur‘ eine Depression hat, wird gar nicht mehr aufgenommen.“

Luise Poustka, Direktorin der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität Göttingen, sagte der Süddeutschen Zeitung im Mai: „Die regulären Krisenbetten mit besonders schweren Fällen sind momentan dauerhaft überbelegt.“ Insbesondere Depressionen und Essstörungen hätten während Corona zugenommen. Viele Verläufe seien schwer. Zahlreiche depressive Jugendliche seien suizidal und junge Menschen mit Essstörungen zum Teil so schwer krank, dass sie künstlich mit Ernährung versorgt werden müssten.

Auch WHO warnt angesichts psychischer Probleme in der Corona-Pandemie

Das Europa-Büro der WHO warnte vor knapp einem Monat vor den psychischen Langzeitfolgen der Coronavirus-Krise. Es seien nicht nur die Infektionen und die Angst vor einer solchen Ansteckung, die auf die Psyche schlagen könnten. Auch von den psychologischen Effekten von Lockdowns und Selbstisolation, aber auch den Folgen von Arbeitslosigkeit, finanziellen Sorgen, sozialer Ausgrenzung und anderem sei jeder auf die eine oder andere Weise betroffen.

„Die Menschen in der europäischen Region brechen buchstäblich unter der Belastung von Covid-19 und seinen Folgen zusammen“, erklärte WHO-Regionaldirektor Hans Kluge. Die Auswirkungen der Corona-Krise hätten hinsichtlich der geistigen Gesundheit und dem Wohlbefinden der Menschen enormen Tribut gefordert. (tvd/dpa)

„Kinder brauchen andere Kinder“ - Interview mit einem Kinder- und Jugendpsychologen.

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