Forschungsergebnisse zur innerdeutschen Grenze

Historiker: 371 Menschen starben an DDR-Grenze - Säugling erstickte im Kofferraum

Mahnmal: Holzkreuze am Checkpoint Charlie in Berlin erinnern an die Mauer- und Grenzopfer. Foto: dpa

Teistungen. 371 Menschen sind bis 1989 Opfer des DDR-Grenzregimes geworden. Sie starben überwiegend bei Fluchtversuchen an der Grenze zwischen Lübeck und Hof.

Das hat der Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität Berlin in einem auf fünf Jahre angelegten Projekt ermittelt. Das Kapitel sei damit abgeschlossen.

Der gerade einmal ein halbes Jahr alte Emanuel Holzhauer aus Ostberlin starb am 2. Juli 1977 am Grenzübergang Marienborn: Der Säugling erstickte im Kofferraum eines Fluchtfahrzeuges. Heute gilt Emanuel jüngstes Opfer, das an der innerdeutschen Grenze sein Leben lassen musste.

Haben ein Buch über die Grenzopfer an der innerdeutschen Grenze recherchiert: 371 Menschen starben dort auf der Flucht oder an deren Folgen: Dr. Jochen Staadt (rechts) und Dr. Jan Kostka - am Grenzmuseum in Teistungen bei Duderstadt. Foto: Keller

Fluchthelfer aus dem Westen wollten den Jungen und seine Eltern in einem alten, schrottreifen Opel-Rekord nach Niedersachsen schleusen. Die Grenzposten schöpften Verdacht, die Flucht flog auf.

Projektleiter Dr. Jochen Staadt und Dr. Jan Kostka stellten das Ergebnis der Forschungsarbeit am Samstag im Grenzlandmuseum Teistungen vor, – es ist ein Wälzer von fast 700 Seiten geworden.

Schon seit 2009 ist das Schicksal der Todesopfer an der Berliner Mauer erforscht, die Landgrenze zu Westdeutschland blieb zunächst außen vor. Die 14-köpfige Gruppe stützte sich auf Protokolle von Grenztruppe und Stasi, auf Akten der Landgerichte und auf Angaben der Standesämter sowie auf Zoll und BGS, berichtete Staadt. Zwei Aspekte blieben aber unberücksichtigt: die Opfer der Flucht über die Ostsee und über Drittländer wie Ungarn und die Tschechoslowakei.

Die Ermittler haben akribisch jeden Fall dokumentiert. Nicht alle 371 Fälle wurden strafrechtlich relevant. Als Opfer des Grenzregimes gelten auch Menschen, die einen Ausreiseantrag stellten und schikaniert wurden. Sie hielten dem Druck nicht stand und nahmen sich das Leben.

Bei der Arbeit gewann die Gruppe neue Einsichten in das Innenleben der Grenztruppe: Sie sei durchaus keine homogene Armee gewesen. Viele junge Leute wurden mit vagen Versprechungen in die Truppe gelockt und dann mit dem Schießbefehl konfrontiert. Das brachte sie in Gewissensnot. Erfasst wurden 203 Selbsttötungen, davon 44 mit dienstlichem Hintergrund.

Wer wollte in den Westen flüchten? Es waren überwiegend junge Arbeiter, Bauern und Handwerker. Die Hälfte gehörte zur Altersgruppe der 18- bis 25-Jährigen. Von den 371 Todesfällen entfallen 238 auf das Grenzgebiet. Als ältestes Todesopfer gilt ein 81-jähriger Bauer aus Lüchow-Dannenberg, der irrtümlich in ein Minenfeld geriet.

Die meisten Grenzschützenprozesse, so auch im Landgerichtsbezirk Mühlhausen, endeten nach der Wiedervereinigung mit Bewährungsstrafen von unter zwei Jahren. „Zu milde“, sagen die Berliner Forscher. Es gehe immerhin um Todesschüsse auf Flüchtlinge. (wke)

• Die Todesopfer des DDR-Grenzregimes an der Grenze 1949 bis 1989, Klaus Schroeder, Jochen Staadt, Peter Lang-Verlag, 677 S., 49,95 Euro.

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