Protestaktion in Uni-Stadt

Demonstration mit Berichten über Horror in chinesischen Umerziehungslagern

Forderten eine Schließung des von China mitfinanzierten Göttinger Konfuzius-Instituts: Uigurische Aktivisten mit der Gesellschaft für bedrohte Völker, den Jungen Liberalen, der Jungen Union, der Tibet-Initiative und einer Angehörigen der Religionsgemeinschaft Falun Gong.
+
Forderten eine Schließung des von China mitfinanzierten Göttinger Konfuzius-Instituts: Uigurische Aktivisten mit der Gesellschaft für bedrohte Völker, den Jungen Liberalen, der Jungen Union, der Tibet-Initiative und einer Angehörigen der Religionsgemeinschaft Falun Gong.

Auf- und Abmarschieren bis zur völligen Erschöpfung, stundenlages Aufsagen von kommunistischer Propaganda, physische Gewalt – so versuche die Volksrepublik China Angehörige von muslimischen Volksguppen wie den Uiguren in Lagern in Xinjiang/Ostturkestan umzuerziehen.

Göttingen – Das haben Gulbahar Haitiwaji und Qelbinur Sidik in Göttingen berichtet. Die beiden Frauen nahmen an einer Demonstration teil, die die Gesellschaft für bedrohte Völker vor dem Konfuzius-Institut an der Humboldtallee organisierte.

Es wird von der Volksrepublik mitfinanziert, und soll, so der Vorwurf der Demonstrierenden, eine kritische Chinaforschung an der Universität verhindern.

Sie solle doch bitte in die alte Heimat kommen, um offene Fragen bezüglich ihrer Rente zu klären. Das teilte eine Ölfirma, für die Ingenieurin Haitiwaji 20 Jahre lang gearbeitet hatte, der Uigurin 2017 mit. Sie war 2006 mit ihren beiden Töchtern nach Frankreich gegangen. Dort lebte ihr Ehemann bereits seit 2002. Er hatte sich mit der Diskriminierung der Uiguren in der Volksrepublik nicht arrangieren können, wollte sich nicht mit einem schlechteren Gehalt zufrieden geben, als es chinesische Kollegen erhielten, ärgerte sich über ausbleibende Beförderungen.

Haitiwaji kehrte nach Xinjiang/Ostturkestan zurück. Die Falle schnappte zu. Sicherheitskräfte nahmen sie fest. Der Grund: Ihre Tochter war bei einer Veranstaltung von Auslandsuiguren fotografiert worden. Sie sei „die Mutter einer Terroristin“, erklärten die Chinesen, verhörten und misshandelten die Frau fünf Monate lang. Die folgenden zwei Jahre verbrachte die Uigurin in einem Umerziehungslager, musste stundenlang exerzieren. Wer zusammenbrach, wurde geschlagen, erzählte sie. Während des Unterrichts beteten die Häftlinge „wie Papageien“ kommunistische Propaganda herunter. Haitiwaji hielt dem nicht stand, bekannte nie begangene Verbrechen und wurde am Ende zu sieben Jahren Haft verurteilt.

„Wenn die französische Regierung keinen Druck gemacht hätte, säße ich noch heute im Lager“, sagte die Uigurin in Göttingen. So kam sie nach drei Jahren wieder frei. Die Erlebnisse haben sie zur Aktivistin gemacht, seither prangert sie „das Unrecht an, das Uiguren in der Volksrepublik angetan wird“. In Frankreich benötigt sie Polizeischutz.

Zu Gast in Göttingen: (von links) Qelbinur Sidik, der Vorsitzende der Ostturkestanischen Union Europas, Asgar Can, und Gulbahar Haitiwaji.

Den von Haitiwaji beschriebenen Umerziehungsunterricht musste die ethnische Usbekin Qelbinur Sidik von 2017 erteilen. Dazu zwangen staatliche Organe die Grundschullehrerin. „Ich habe zunächst in einem Männer-, dann in einem Frauenlager gearbeitet“, berichtete sie. Bis zu 60 kahlrasierte Personen teilten sich eine feuchte, kalte Zelle. Den Männern wurden dreimal 60 Sekunden am Tag für den Toilettengang eingeräumt, berichtete Sidik. Die Frauen einer Zelle teilten sich einen Eimer. Sidik hörte die Schreie der Gefolterten, erfuhr, dass Frauen während der Verhöre vergewaltigt wurden. Das setzte Sidik so zu, dass sie krank wurde. Sie nutzte einen Besuch bei ihrer Tochter in den Niederlanden 2019 dazu, Asyl zu beantragen. Auch sie erhält Polizeischutz. (Michael Caspar)

Region in China ist für die kommunistische Regierung von wichtiger strategischer Bedeutung

Die chinesischen Kommunisten haben Ostturkestan 1949 unter dem Namen Xinjiang („neue Grenzregion“) in ihre Volksrepublik eingegliedert. Lange hatten China und Russland um die Vorherrschaft gerungen. Die 1,8 Millionen Quadratkilometer große Provinz ist mit 25 Millionen Einwohnern kaum bevölkert. Die Volksrepublik führt dort Atombombenversuche durch. Für China hat die Region in den vergangenen Jahren an strategischer Bedeutung gewonnen. Mitten durch sie hindurch führt das gewaltige Infrastrukturprojekt, die neue Seidenstraße. Mit ihr will China einen Landweg quer durch Zentralasien nach Europa schaffen.

Die Volksrepublik geht seit den Urumqi-Unruhen von 2009, als bei Zusammenstößen zwischen Uiguren und Chinesen 197 Menschen ums Leben kamen, rücksichtlos gegen alles vor, was sie als Bedrohung ihrer Herrschaft betrachtet, berichtet Gulbahar Haitiwaji. 2016 verschärften die Kommunisten ihr Vorgehen. Haitiwaji wurde ebenso wie Qelbinur Sidik und viele andere Frauen zwangssterilisiert.

„1,8 Millionen Muslime wurden seit 2017 in Umerziehungslager verschleppt“, berichtet Hanno Schedler von der Gesellschaft für bedrohte Völker. Zum Vergleich: Die Uiguren seien mit 12,8 Milllionen Einwohnern die größte muslimische Gruppe der Provinz. In Kindertagesstätten, Schulen und Universitäten sei nur die chinesische Sprache erlaubt. Kinder würden ihren Eltern fortgenommen, um sie zu sinisieren. (Michael Caspar)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.