Die Göttinger Narren küren einen behinderten Mann zum Karnevalsprinzen

„Der Rollstuhl ist kein Problem“

Prinzen-Rolle: „Ich bin sehr stolz, dass ich das machen darf“, sagt Jörg Jung, der heute zum Karnevalsprinzen Jörg Joachim I. gekürt wird. Foto:  Jelinek

Göttingen. Für Jörg Jung ist der 20. November der große Tag. Der junge Mann sitzt im Rollstuhl und wird am heutigen Sonnabend zum Göttinger Karnevalsprinzen gekürt. Die rund 100 Narren aus zwei Vereinen wird er bis zum Faschingsdienstag am 8. März als Oberhaupt beherrschen.

„Ich bin wirklich sehr stolz, dass ich das machen darf“, sagt Prinz Jörg Joachim I. Normalerweise arbeitet der 22-Jährige in einer Behindertenwerkstatt. Nun wartet die große Öffentlichkeit auf ihn. Er wird in der gerade beginnenden Saison die Narren Göttingens repräsentieren, er wird den Einwohnern zuwinken und beim Faschingsumzug Kamellen schmeißen.

Der erste in Niedersachsen

Seit seiner Kindheit träume er von dieser Prinzenrolle. „Ich komme aus einer völlig karnevalsverrückten Familie, da geht das nicht anders.“ Und die Behinderung? „Der Rollstuhl ist doch überhaupt kein Problem“, sagt der Prinz. Es sei nicht einmal richtig ein Thema gewesen. Für alles, was er nicht könne, habe ein Prinz schließlich einen Adjutanten.

Auch Jungs Verein, die „Szültenbürger Karnevalsgesellschaft Schwarz-Gold von 1948“, sieht in einem Rollstuhl fahrenden Prinzen Normalität. „Der Prinz ist Karnevalist durch und durch, warum soll er es nicht machen?“, fragt Sitzungspräsidentin Renate Wallbrecht.

Behinderte Karnevalsprinzen sind gleichwohl selten. In Jülich gab es einen mit Down-Syndrom, vor vielen Jahren soll es auch einen behinderten Prinzen in Köln gegeben haben. „In Niedersachsen ist er sicherlich der Erste“, sagt die Sitzungspräsidentin.

Obwohl er als Rollstuhlfahrer im Göttinger Karneval gut integriert ist, ist sich Jörg Joachim I. seiner besonderen Rolle bewusst. „Klar bin ich ein Vorbild“, sagt er. Er wolle anderen Behinderten als Beispiel dienen. Auch Rollstuhlfahrer könnten es schaffen, die Aufgabe eines Karnevalsprinzen zu übernehmen.

Wie Jung hofft sein Karnevalsverein, mit der Proklamation des Rollstuhlfahrers einen Beitrag zur besseren Integration von Behinderten zu leisten. Jörg Joachim I. wird knapp vier Monate seine repräsentativen Aufgaben wahrnehmen, bis er am Faschingsdienstag nach Karnevalistenbrauch rituell beerdigt wird. „Dann bin ich tot“, sagt Jung. Bis dahin hofft er, viel Spaß zu haben und vielen Behinderten Mut zu machen. (epd)

Von Stefan Matysiak

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