„Der Sandmann“ im Jungen Theater: Schauermärchen der Gegenwart

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Bringen den Sandmann in die Gegenwart: Linda Elsner (von links), Regisseur Peer Ripberger, Eva Schröer und Karsten Zinser.

Göttingen. Die Warnung kommt zu Beginn: „Das ist kein Märchen!“ E. T. A. Hoffmanns „Der Sandmann“ ist auch in der Inszenierung am Jungen Theater (JT) Göttingen nichts für schwache Nerven.

Das Thema ist von Anfang an klar: Regisseur Peer Ripberger kritisiert die Überwachung im Internet und die Versklavung des Menschen in der digitalen Welt. „Der Datenschutz“, prophezeit er auf der Bühne, „ist der letzte Kampf um unsere Freiheit.“

Die Augen sind wie auch bei Hoffmanns Klassiker aus dem Jahr 1816 Fixpunkt der Erzählung: Sie sind der Spiegel der Seele. Der Sandmann ist das Monster, das den Kindern die Augen herausreißen will.

Die Sinnesorgane sind in Ripbergers Interpretation Symbol der Überwachung. Die Augen sehen und beobachten alles, machen den Menschen zum Voyeur. Damit spielt er: Auf der Bühne steht eine Videoleinwand, auf der unterstützend zum Schauspiel Videos gezeigt werden: Folterszenen, Pornografie und andere verstörende Bilder, wie sie überall im Internet zu finden sind. Bis hin zur Entfernung von Augäpfeln aus einem Tier, was bei den Zuschauern Ekel hervorruft.

Wie einfach es ist, andere zu beobachten, erfahren die Zuschauer am eigenen Leib: Im Publikum wird gelacht, als Ripberger die Aufnahmen einer Überwachungskamera an der Theaterkasse abspielt.

So wie bei Nathanael, dem Protagonisten in Hoffmanns Erzählung, Realität und Fantasie verschwimmen, durchbricht das Quartett um Ripberger mit Linda Elsner, Eva Schröer und Karsten Zinser die Grenzen zwischen Publikum und Bühne, Internet und Realität. Zuschauer werden direkt angesprochen, die Schauspieler stehen oft nur Zentimeter vor der ersten Reihe. Mit Ripberger können die Zuschauer direkt kommunizieren: Er fordert sie auf, mit dem Smartphone Kommentare zum Thema auf seiner Internetseite zu hinterlassen, die er in das Theaterstück einfließen lässt.

Eine Inszenierung, die funktioniert, aber dem Zuschauer einiges abverlangt: Er soll den Dialogen der Schauspieler folgen und gleichzeitig Hintergrundvideos betrachten sowie mit dem Regisseur kommunizieren. Hinzu kommt eine fundamentale Gesellschaftskritik, die sich mit dem Originaltext von Hoffmann abwechselt, vermischt und ergänzt. Das ist hochpolitisch, hochkompliziert, aber mindestens genauso mutig und spannend.

Nächste Termine: 16., 24. und 27. Juni sowie 3. Juli, jeweils ab 20 Uhr. Karten unter Tel. 0551 /49 50 15,

www.junges-theater.de

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