Uraufführung: Die Mittelschicht am Abgrund

Deutsches Theater zeigt Komödie „Ich habe Bryan Adams geschreddert“

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Moment der Unbeschwertheit: Benjamin Krüger (als Patrick Lange, von links), Imme Beccard (Tanja Peukert), Marie-Thérèse Fontheim (Simone Lange), Andreas Daniel Müller (Sascha), Marie-Kristien Heger (Paula Röder) und Michael Meichßner (Frank Peukert).

Göttingen. Grillwürstchen gegen Personalabbau. Die Gartenparty beim Chef soll ein Gegengewicht setzen zum werktäglichen Konkurrenzgerangel und zum Bürosprech mit seinen geschmeidigen Anglizismen. Doch je mehr die Erdbeerbowle fließt, desto schärfer treten die Sorgen der Mittelschicht zutage im piefigen Eigenheimgärtchen zwischen Salatbüfett und Chipsschüsseln.

Im mittleren Lebensalter ermüden Gesichtskonturen ebenso wie Ehen, zudem lässt sich immer weniger verdrängen, dass die Ressource Mensch im globalisierten Wirtschaftsgetriebe nurmehr ein Kostenfaktor ist.

Die Mittelschicht navigiert also privat wie karrieretechnisch auf den Abgrund zu – und ihr dabei zuzuschauen bereitet in Oliver Bukowskis Komödie „Ich habe Bryan Adams geschreddert“ viel Vergnügen.

Fernsehstar Michael Kessler inszeniert den dialoglastigen 90-Minüter, dessen Uraufführung am ausverkauften Deutschen Theater in Göttingen am Samstag heftig beklatscht wurde. Das Ensemble zelebriert die messerscharf, aber etwas artifiziell formulierten Pointen und lässt schließlich die Abteilungsfete gartenschlauchdurchnässt zwischen abgerissenen Girlanden (Bühne und Kostüme: Ulrich Frommhold) ausklingen.

Dabei schien doch das Dasein materiell wie mental so schön eingehegt. Michael Meichßner wirft sich als Gastgeber und Chef in die jovialen Dominanzposen. Sein Frank gönnt sich Sehnsuchtsausbrüche nur zum Song „Summer of ’69“ vom titelgebenden Bryan Adams. Doch wie kläglich diese angelernten Rockerposen sind, meldet ihm Sohn Jannik umgehend zurück.

Luan Seidel kriegt für diesen zwischen rotzig, schluffig und scharfsinnig wechselnden Teenager viel Szenenapplaus – Jannik ist es, der mit dem Smartphone in der Hand den drei mittelalten Paaren den Spiegel vorhält, ihre kleinen Selbsttäuschungen als erbärmlich entlarvt.

Da ist Patrick (Benjamin Krüger) mit Gelhaar und rosa Poloshirt. Erst beseelt von Selbstoptimierungsfloskeln muss er schließlich die Brandblasen an seinen Fußsohlen kühlen, weil das Laufen über glühende (Grill-)Kohlen, das seine Coaches als tollen Mentaltrick priesen, eben doch nicht so recht funktioniert.

Seine Frau Simone (Marie-Thérèse Fontheim) hält sich an immer neuen Sektflaschen fest. Von Anfang an illusionslos, was das Berufsleben betrifft, sehnt sie sich nach ehelicher Nähe wie im Moment ihrer Abtreibung zurück - „wenn ich ausgeschabt wurde, waren wir so ein schönes Paar.“

Imme Beccard ist als Gastgeberin Tanja zupackend und unzynisch geblieben. Sie hält es sogar aus, dass man ihre berufliche Ersatzoption als Autorin von Salat-Kochbüchern belacht.

Paula (Marie-Kristien Heger) ist das taffe Tausendschönchen mit dem schwarzen Gürtel im verbalen K.-O.-Schlagen, ihr neuer Freund Sascha (Andreas Daniel Müller) will sich erst aus dem Psychogemetzel der Kollegen heraushalten und knutscht später fremd.

„Ihr werdet untergehen. Erst das Industrieproletariat, dann ihr“, prophezeit Jannik. Und es regt sich kein Widerspruch.

Wieder am 26., 28.2., Karten: 0551-496911.

Von Bettina Fraschke

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