Deutscher Buchpreis 2021

Die süße Last des Lesens für Jurymitglied Anja Johannsen

Bücher, Bücher: Dr. Anja Johannsen ist Geschäftsführerin im Literarischen Zentrum Göttingen und war Jurymitglied für den Deutschen Buchpreis 2021.
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Bücher, Bücher: Dr. Anja Johannsen ist Geschäftsführerin im Literarischen Zentrum Göttingen und Jurymitglied für den Deutschen Buchpreis 2021.

Die Göttingerin Anja Johannsen saß in der Jury und ist gespannt, wer am Montag, 18. Oktober, zur Buchpreisträgerin oder zum Buchpreisträger 2021 gekürt werden wird.

Göttingen - Anja Johannsen liest gerne und viel. Nicht nur, weil sie das Literarische Zentrum in Göttingen leitet, sondern vor allem, weil Bücher und Lesen die Leidenschaften der 47-Jährigen sind. 2021 durfte Anja Johannsen noch viel mehr lesen, sie musste es tun, denn ihr wurde die Ehre zuteil, von der Akademie Deutscher Buchpreis in die Jury berufen zu werden.

Die Nachricht kam überraschend und „tatsächlich in Form eines Papierbriefs“, der Emotionen auslöste: Zunächst eine „große Freude“ und gleichzeitig die „Sorge, wie die Arbeit zu schaffen sein soll“, schildert Johannsen, die sich Rat bei einer Jury-Kollegin 2020 holte. Diese bestätigte: Das zu absolvierende Lese- und Arbeitspensum eines Jurymitglieds ist immens. Aber für Johannsen stand dennoch fest: „Ich wollte das unbedingt machen.“

Also reduzierte sie ihren ohnehin ausfüllenden Job als Geschäftsführerin im Literarischen Zentrum, das eine Assistentin einstellen konnte. „Sie hat mir in den vergangenen Monaten viel abgenommen“, ist Johannsen dankbar. Die Zeit fürs Lesen musste sich die Mutter zweier Jungen dennoch schaffen – vor allem in Form vieler Nachtschichten, was ihr als Nachtmensch entgegenkam. Generell legte sie einen kompletten Lesetag pro Woche ein. Im Mai nahm sie sich eine ganze Lesewoche, und in den Sommerferien habe sie „eigentlich nicht viel anderes gemacht“. Das begeisterte ihre Jungs nicht gerade. „Aber kürzlich haben wir aus den Kisten, in denen all die Bücher ankamen, eine riesige Ritterburg gebaut, das hat sie ein bisschen versöhnt.“

230 Bücher standen zur Vorauswahl zum Deutschen Buchpreis. Wie viele letztlich auf einzelne Autoren und sie selbst zum Lesen entfielen, kann die Göttingerin gar nicht sagen. Zum wirklich intensiven Lesen kam noch das Bewerten nach eigenen Kriterien. „Es gibt keinen Kriterienkatalog“, sagt Johannsen. Schließlich standen die Besprechungen in der Jury-Runde an – meist per Zoom-Konferenz, zuletzt auch in Präsenz. „Dabei musste man die eigenen Bewertungskriterien immer mit diskutieren, das war das schwierigste und heikelste am Verfahren“, sagt die Jurorin. Bei den Besprechungen sei es „teilweise richtig heiß hergegangen“. Dennoch: Trotz vieler Diskussionen habe oft „erstaunlich viel Einigkeit geherrscht“.

In den letzten Runden gehe es um eine Auswahl „zwischen sehr guten und superguten Büchern“. Die 20 Werke auf der Long-List seien fraglos alle herausragend. Ein Drama sei, dass es natürlich nicht nur 20 sehr gute Bücher jährlich aus einem Sprachraum gibt – die Long-List ist so „immer schon Ergebnis einer teils qualvollen Wahl, weil ein Haufen Bücher, die es auch verdient hätten, nicht darauf sind“. Gleiches gilt natürlich erst recht für die Short-List.

Der Druck, so viel, so intensiv lesen zu müssen, hat Anja Johannsen, die keine Grenze zwischen privatem und beruflichem Lesen zieht, jedenfalls die Freude daran nicht genommen: „Sobald man im Buch versinkt, ist der Druck nicht mehr spürbar.“ Das Fazit der Jurorin ist ein besonderes: „Es war großartig, so dermaßen viel zu lesen.“ Was bleibt ist auch die Einsicht, dass ihr sonstiger Job „schon der ist, der mir noch besser gefällt“. Warum? Im Programm für ein Literaturhaus lasse man die Bücher in ihrer Unterschiedlichkeit gleichberechtigt nebeneinander stehen. „Das ist, wie ich finde, die schönere, auch angemessenere Geste als das Werten, Vergleichen, Auswählen. (Thomas Kopietz)

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